Willkommen im Google-Wald
21 September 2026 — Von Contraste (source)
Serverfarm auf fruchtbarem Ackerland in Kronstorf
Die Bürger:inneninitiative Rechenzentrum Kronstorf recherchiert, vernetzt und informiert über die ökologischen und gesellschaftlichen Folgen eines der größten Rechenzentrumsprojekte Österreichs – und setzt sich für eine demokratische Debatte über den Ausbau digitaler Infrastruktur ein.
CHRISTINA GRUBER, BÜRGER:INNENINITIATIVE KRONSTORF
An einem regnerischen Samstag Anfang Mai zog ein Protestzug singend und mit Plakaten bestückt durch die Linzer Innenstadt. Anlass dafür war der Baustart des ersten Google-Hyperscale-Rechenzentrums in Österreich. Diese und andere Aktionen fanden im Rahmen des Festivals »Art Meets Radical Openness« statt und beschäftigten sich mit möglichen Formen des Widerstands gegen Rechenzentren, auf lokaler und internationaler Ebene.
Das Festival bot so einer kreativen und kritisch engagierten Gruppe von Menschen die Möglichkeit, sich kennenzulernen und zu vernetzen. Spätestens als wir am letzten Festivaltag vor den Bauzäunen der 50 Hektar umfassenden Baustelle standen, wurde klar, dass wir weiterarbeiten wollen. In den folgenden Wochen sammelten wir viele weitere Fakten zum Rechenzentrum in Kronstorf, Oberösterreich. Da für uns Transparenz im Vordergrund steht, war schnell klar, dass wir eine Bürgerinitiative gründen wollen.
Aufgrund der Dringlichkeit des Themas – die Baustelle war in vollem Gange, wir befanden uns im heißesten Sommer seit Beginn der Messaufzeichnungen – arbeiten wir seitdem selbstorganisiert und freiwillig für eine Digitalisierung, die ökologische Grenzen respektiert und demokratisch gestaltet ist. Wir verstehen uns als unabhängiges, überparteiliches Netzwerk aus Wissenschaft, Kunst und Zivilgesellschaft.
Digitale Infrastruktur auf Ackerland
Seit 2008 ist die vormals landwirtschaftliche Fläche im Besitz des US-Tech-Konzerns Google, mit der Absicht, einen Standort zu errichten. Konkrete Pläne für den Bau eines Hyperscale-Rechenzentrums wurden aber erst im Vorjahr 2025 eingereicht und befinden sich nun seit Anfang des Jahres in der Umsetzung. »Hyperscaler« gehören zur größten Kategorie digitaler Infrastruktur. Sie beherbergen hunderttausende Server und bilden die Grundlage für Cloud-Dienste, Künstliche Intelligenz und Streaming-Plattformen. Sie benötigen Unmengen an Wasser und Energie und haben so einen erheblichen Einfluss auf die Umwelt mit tiefgreifenden ökologischen Auswirkungen.
In Kronstorf entsteht das Projekt auf einem der fruchtbarsten Böden Österreichs. Wird er versiegelt, ist dieser Boden dauerhaft verloren. Damit stellt sich eine grundlegende Frage: Welche Flächen und Ressourcen wollen wir künftig für digitale Infrastruktur bereitstellen – und wer entscheidet darüber?
Informationen liegen oft nur verstreut vor, Entscheidungen erscheinen schwer nachvollziehbar. Genau hier setzt unsere Initiative an. Wir wollen Informationen zusammentragen, verständlich aufbereiten und öffentliche Diskussionen ermöglichen.
Weltweit entstehen derzeit Rechenzentren in bisher unbekannter Geschwindigkeit. Der Boom wird durch Cloud-Dienste und den enormen Rechenbedarf Künstlicher Intelligenz angetrieben. Gemeinden stehen plötzlich vor Entscheidungen, die weit über ihre Ortsgrenzen hinausreichen. Fragen nach Bodenverbrauch, Energie, Wasser, Datenschutz und demokratischer Kontrolle betreffen letztlich die gesamte Gesellschaft.
Ökologische Ressourcen schonen
Vielleicht müssen wir deshalb auch unsere Vorstellung von der »Cloud« neu überdenken. Digitale Daten schweben nicht schwerelos über unseren Köpfen. Sie liegen in Gebäuden, benötigen Strom, Kühlung, Leitungen und Rohstoffe. Jeder Klick hat einen materiellen Ort. Die vermeintlich immaterielle Digitalisierung besitzt eine sehr konkrete ökologische Dimension.
Wie verändern sich Landschaften, wenn immer mehr Infrastruktur für den weltweiten Datenverkehr entsteht? Und könnte diese Infrastruktur nicht auch anders gedacht werden – mit verpflichtender Abwärmenutzung, geschlossenen Wasserkreisläufen oder einem stärkeren Beitrag zur regionalen Wertschöpfung?
Für uns ist Kronstorf deshalb ein Lernort: Wer verfügt über unsere natürlichen Ressourcen? Wie viel öffentliche Infrastruktur soll internationalen Technologiekonzernen zur Verfügung stehen? Wie kann Europa digitale Souveränität stärken, ohne ökologische Grenzen zu überschreiten?
Unsere Forderungen reichen von transparenten Entscheidungsprozessen über verpflichtende Umweltverträglichkeitsprüfungen bis hin zu einer nationalen Strategie für Rechenzentren. Ressourcen wie Boden, Wasser und Energie dürfen nicht unbegrenzt vergeben werden. Gleichzeitig braucht es faire Besteuerung dort, wo Ressourcen verbraucht werden, verbindliche ökologische Standards und eine stärkere Förderung europäischer digitaler Infrastruktur.
Kronstorf ist kein Einzelfall. Es steht exemplarisch für eine Entwicklung, die viele Gemeinden in den kommenden Jahren beschäftigen wird. Gerade deshalb braucht es informierte Bürger:innen, offene Debatten und demokratische Mitbestimmung.
Quelle: Contraste.org






