Interview mit BOAK/Anarchist Communist Combat Organisation

Ein Interview von The Final Straw Radio Show mit BOAK, der Anarchist Communist Combat Organization, einer in Russland ansässigen Gruppe, die Sabotage und Guerillakampf sowie die Entwicklung einer sozialen Revolution gegen autoritäre Regime in Osteuropa anstrebt.

Ursprünglich veröffentlicht von The Final Straw Radio Show. Übersetzt von Riot Turtle.

The Final Straw Radio Show (TFSR): Würdet ihr euch bitte mit dem Namen vorstellen, den ihr verwenden möchtet, mit der philosophischen oder organisatorischen Zugehörigkeit, die ihr preisgeben möchtet, und ganz allgemein mit der Frage, woher ihr kommt?

ACCO/BOAK: Wir verstehen uns als Revolutionär*innen und Kämpfer*innen in Osteuropa. Wir kämpfen für eine horizontale, selbstverwaltete Gesellschaft, die auf Solidarität, Freiheit, Gleichheit und radikaler Ökologie basiert. Wir glauben, dass revolutionäre Organisierung ein notwendiges Mittel ist, um dieses Ziel zu erreichen, und wir sind seit langem in anarchistischen Bewegungen aktiv. Wir sind Mitglieder*innen der Ananarcho-Communist Combat Organization und des Kollektivs der Informationskanäle "Anarchist Fighter".schienen3

TFSR: Was ist die Anarcho-Communist Combat Organisation? Was macht ihr, wer beteiligt sich und was sind eure kurz- und langfristigen Ziele?

BOAK: BOAK (Anarcho-Communist Combat Organization) ist eine Gruppe von Anarchist*innen, die für direkte Aktionen und Guerilla-Methoden des Kampfes als den geeignetsten, wenn auch nicht einzigen Weg zur Erreichung sozialrevolutionärer Ziele eintritt, insbesondere gegen eindeutig autoritäre Statten wie das heutige Russland oder Belarus.

Der Guerillakampf wie auch jede andere Art von revolutionären Aktivitäten (auch die "friedlichsten" und legalsten) sollten organisiert, strukturiert und kämpferisch durchgeführt werden. Anarchist*innen brauchen eine politische Organisation von engagierten Revolutionär*innen mit kämpferischem Potential. Das Gleiche gilt für die breiteren Oppositionsbewegungen in Russland und Belarus. Wir versuchen dies Vision bei unseren Aktivitäten in die Tat umzusetzen.

Wir können über unsere kurz- und langfristigen Ziele sprechen.

Als kurzfristige Ziele können wir die weitere Entwicklung unserer Organisation, die Entwickulng der Kommunikation mit anderen Organisationen und Gruppen nennen, damit wir stark genung werden, um einen Unterschied in einem mittelfristigen Ziel zu machen - den Aufbau einer sozialen anarchstischen Revolution in Russland.

Und unser langfristiges Ziel wäre die Vollendung dieser Revolution und der Aufbau einer neuen, freien und gerechten Gesellschaft, die unseren Idealen entspricht.

TSFR: Wie seid ihr zu anarchistischer Politik in einem Land gekommen, in dem diese zunehmend kriminalisiert wird und eine linke Bewegung scheinbar ausradiert ist? Und wie reagiert ihr auf westliche "Antiimperialisten", die den russischen Staat als Bollwerk gegen den Imperialismus hochstilisieren?

BOAK: Wir sind vor mehreren Generationen zur anarchistischen Bewegung gekommen. Vor der aktuellen, harten Repressionswelle, die seit Ende 2017 bis heute ihren Höhepunkt erreicht hat. Verschiedene Mitglieder*innen unseres Kollektivs kamen auf unterschiedlichen Wegen zu anarchistischen Ideen. Aber irgendwann war es unsere Militanz, die uns zusammenbrachte, und seitdem analysieren und praktizieren wir kollektiv weiter.

Doch auch wenn unsere Bewegung Gefahr läuft, kriminalisiert oder beseitigt zu werden, kann sie immer noch neue Generationen von Revolutionär*innen zum Mitmachen bewegen. Eindeutliches Beispiel ist der Fall Kansk in Sibirien, wo die Geheimdienste junge Leute verfolgten, die sich für militanten Anarchismus interessierten. Wir glauben, dass es im ganzen Land viele potenzielle Genoss*innen gibt, denn der Anarchismus hat den Nimbus, die Bewegung der konsequenten und entschlossenen Kämpfer*innen gegen das herrschende Regime zu sein.

Wir sind der Meinung, dass alle Menschen mit antiimperialistischen Ansichten verstehen müssen, dass es mehr als einen imperialistischen Akteur*in auf dieser Welt gibt. Und das putinistische Russland ist definitiv eine imperialistische Kraft, die eine noch größere unmittelbare Bedrohung für die Völker der Region darstellt als der US-Imperialismus (siehe Kasachstan diesen Januar oder Ukraine jetzt).

TSFR: Könnt ihr mehr darüber sagen, was eure Vision einer sozialen Revolution ist und wie sie andere oppositionelle Bewegungen, die sich als nicht anarchistisch verstehen, einbeziehen könnte? Sich unter einem repressiven Regime zu organisieren, das Rede- und Versammlungsfreiheit kriminalisiert, scheint schwierig.

BOAK: Nun, ganz verallgemeinert und verkürzt formuliert, ist eine Revolution der Prozess eines tiefgreifenden politischen Wandels, der unter Beteiligung breiter gesellschaftlicher Schichten und außerhalb bestehender rechtlicher Rahmenbedingungen vollzogen wird. Eine soziale Revolution bedeutet darüber hinaus erhebliche gesellschaftliche Veränderungen. Es kann sich nicht um eine einfache Auswechslung der Herrschenden handlen. Im Moment verspricht der Sturz der herrschenden Cliquen in Russland und Belarus bedeutende Veränderungen in unseren Gesellschaften.

Natürlich würden wir es vorziehen, wenn diese Veränderungen eine libertäre Richtung einschlagen würden. Dafür ist eine starke revolutionäre Organisierung notwendig. Gleichzeitig wird der Sturz der autoritäten Regime in unseren Ländern definitiv die Aufgabe einer breiten Massenbewegung sein, nicht einer einzelnen politischen Partei oder Organisation. Innerhalb dieser Bewegung gibt es erwartungsgemäß einen harten Wettbewerb zwischen verschiedenen politischen Gruppen und ihren Projekten. Wenn Anarchist*innen es mit der libertären Revolution ernst meinen, müssen wir uns darauf vorbereiten, diesen Kampf zu führen.

Wir sind der Meinung, dass es zumindest am Anfang zu einer Koordinierung sehr unterschiedlicher politischen Initiativen kommen wird, die durch ein gemeinsames Ziel verbunden sind.

Auf dem Weg zu diesem Ziel werden die Vor- und Nachteile der verschiedenen Ideologien und ihrer Ansätze deutlich werden. Und wir denken, dass die anarchstische Ideologie diejenige sein wird, die besser als die übrigen auf die Probleme reagieren wird und den Menschen die Möglichkeit geben wird, eine neue Gesellschaft ohne die üblen Kranken der alten Gesellschaft aufzubauen.

TFSR: Sieht es so aus, dass es in Russland einen Aufschwung in anarchistischer Theorie und Politik gibt, oder eher eien Zunahme von Taktiken und staatsfeindlicher Organisierung, ohne sich auf Anarchismus zu beziehen?

BOAK: Es wäre nicht ganz korrekt, von einem Aufschwung der anarchistischen Theorie in Russland zu sprechen. Sie befindet sich tatsächlich in einer Krise und es wird intensiv nach dem Licht am Ende des Tunnels gesucht. Allerdings kann eine solche Situation zusammen mit dramatische historischen Ereignissen, an denen wir beteiligt sind, neue Wege und Verständnisse dafür bringen, wie anarchstische Ideen und Praxis vorangetrieben werden können. Vielleicht kann die liberätere Idee der Konföderation an Boden gewinnen, da der blutige Horror, den wir jetzt erleben, ein direktes Ergebnis der unterdrückerischen und ungerechten sozialen Modelle des Empires und des Nationalstaates ist.

TSFR: Seid ihr mit der Eskaltation des Krieges in der Ukraine im Februar entstanden oder gab es eure Gruppe schon vorher?

BOAK: Die Gruppe gibt es schon seit Jahren, ebenso wie die Anarchist Fighter Seite und die dazugehörigen Kanäle. Wir haben beschlossen, dass der Moment der Wahrheit, nämlich dieser Krieg um unsere Region, der richtige eitpunkt ist, um die Existenz der Organisation und ihren Namen öffentlich bekannt zu geben.

TFSR: Aufgrund der Art und Weise, wie der Nachrichtenzyklus hier in den USA funktioniert, sorgen die Nachrichten über den russischen Krieg gegen die Ukraine nicht mehr für so viele Schlagzeilen. Wo steht der Konflikt im Moment, da die Ukraine mehr westlcihe Waffen bekommt, und was ist euer Eindruck von der öffentlichen Meinung und dem Verständnis des Konflikts?

BOAK: Es ist offensichtlich, dass sich der Krieg in einer sehr scharfen, vielleicht entscheidenden Phase befrindet. Die große Schlacht im Donbass tobt nun schon seit Wochen und es sieht so aus, als ob sie sich in der Kulminationsphase befindet. Auch wenn die westlichen Medien begonnen haben, diesen Krieg zu "vergessen", ist er keineswegs weniger intensiv als in den ersten Monaten und nicht weniger entscheidend für unsere Region.

TSFR: Gibt es eine Antikriegsbewegung in den von der Russischen Föderation kontrollierten Gebieten? Wir haben von der Zensur der Medien, der Kriminalisierung der Bezeichnung "Krieg" in den Nachrichten und den brutalen Verhaftungen von Demonstrant*innen in Städten wie Moskau und St. Petersburg gehört. Ist dies immer noch der Fall oder wurde öffentliche Protest duch die Gewalt niedergeschlagen?

BOAK: Ja, die Repression ist auf einem hohen Niveau. Zensur, Verhaftungen, Folter und Gefängnisstrafen sind an der Tagesordnung. Die lautstarken und massenhaften Proteste der ersten Kriegstage in Russland wurden im allgemeinen von der Regierung niedergeschlagen. Einzelne Aktionen anderer Art werden jedoch durchgeführt, oft von mutigen Künsterl*innen oder Aktivist*innen. Diese finden nach wie vor mehr oder weniger regelmäßig statt.

Noch wichtiger scheint zu sein, dass kurz nach dem Kriegsbeginn eine andere Strömung des Widerstands aufkam - spontane und dezentralisierte Sabotageaktionen gegen verschieden staatliche Einrichtungen, vor allem gegen die Rekrutierungszentren. Das ist wirklich ein Phänomen und wir hoffen, dass es bald organisierte, massenhaft und radikal Formen annehmen wird. Wie wisst, haben wir uns auch in diesem Bereich des Kampfes engagiert.

TFSR: Geht bitte davon aus, dass unsere Hörer*innen keine Nachrichten über die Aktionen gegen die repressiven Regime in Belarus und Russland mitbekommen haben. Könnt ihr etwas über einige der Aktionen einzelner Künstler*innen und Aktivist*innen sagen, die euch inspiriert haben? Und was ist mit den Aktionen gegen die Rekrutierungszentren? Wie siehen sie aus, wie viele, und wie reagiert die Bevölkerung darauf?

schienen1BOAK: Direkte Aktionen gegen repressive Regime in unseren Ländern haben eine sehr lange Geschichte.

Angefangen bei der NRA (Neue Revolutioäre Alternative), die 1999 das Hauptgebäude des FSB sowie mehrere militärische Rekrutierungszentren in die Luft gejagt hat. Später gab es den "Black Bloc", der mehrere Jahre lang eine anarchistische Guerillagruppe anführte und nie gefasst wurde. Mikhail Zhlobitsky, der das FSB-Gebäude in Archangelsk bombardierte, bezahlte mit seinem Leben. Oder die vier Anarchist*innen, die 2020 nach Belarus zurückkehrten, um gegen Lukaschenkos Unterdrückung zu kämpfen, bekannt als der Fall der anarchistischen Partisan*innen. Und so weiter, und so weiter. Wir können deutlich sehen, dass der Widerstand immer da war.

Aber jetzt, wo der tyrannische Charakter von Putins Regime für jeden offensichtlich geworden ist, wurde die direkte Aktion zu einer Methode für sehr breite Bevölkerungsschichten.

In den letzten Monaten gab es 18 Brandanschläge auf militärische Rekrutierungszentren in ganz Russland. Nicht alle waren sehr erfolgreich - manchmal war das Feuer zu schwach. Aber in mehreren Fällen - z.B. in Mordowien - wurden Dokumente von jungen Menschen zerstört, die zum Militärdienst gezwungen werden sollten. In Nischnewartowsk, Luhowitz und Omsk wurden einige Räume von Militäreinrichtungen niedergebrannt. Wie bereits erwähnt, wurde direkte Aktion auch zu einer Tätigkeit von Nicht-Aktivist*innen. Das führte anfangs zu einigen Verhaftungen, aber die Leute lernen sehr schnell, so dass es bei den letzten Aktion fast keine Verhaftungen mehr gab.

Die Reaktionen der Menschen sind unterschiedlich, manche sind zum Beispiel der Militätpropaganda ausgesetzt. Aber viele von ihnen verstehen, dass dieser Krieg zum Tod vieler Menschen führt, einschließlich ihrer Söhne und Ehemänner, die in die Ukraine geschickt werden, um in Putins Krieg zu sterben.

Neben den Brandanschlägen auf Rekrutierungszentren gibt es auch andere Aktionen. Zum Beispiel gab es mehrere Fälle von Zugentgleisungen. Außerdem wurden Anschläge auf elektrische Analgen von Eisenbahnen und Mobilfunkmasten in den Grenzregionen verübt.

TFSR: Wie unterstützt ihr andere Gruppen oder Einzelpersonen, mit deren Aktionen ihr euch identifizieren könnt?

BOAK: Wir unterstützen alle Menschen guten Willens, die sich in dem aktuellen, scharfen Konflikt auf der Seite des Kampfes für die Freiheit engagieren. Alle, die sich dem Putin- und Lukaschenko-Regime entgegenstellen, insbesondere diejenigen, die dies innerhalb dieser Länder tun. Wir untestützen auch alle anarchistischen und anderen antiautoritäten Revolutionär*innen, die weltweit für Freiheit und Gerechtigkeit kämpfen.

Was die konkreten Schritte angeht, so nutzen wir unsere Infoknäle sowohl für den Austausch von Fähigkeiten, die für direkte Aktionen nützlich sind, als auch für die Verbreitung von Informationen über verschieden Gruppen von Genoss*innen, die uns Berichte und Mitteilungen über ihre Aktionen schicken. Nach dem Beginn des Krieges haben wir auch begonnen, Spenden zu sammeln, um verschiede Revolutionär*innen und Gruppen zu unterstützen, die finanzielle Mittel für ihre Aktivitäten benötigen. Wir haben bereits unsere ersten kleinen Zuschüsse auf Anfrage verschickt, die auf Vertrauen basieren.

TFSR: Könnt ihr mehr über diese Informationskanäle sagen? Auch in diesem Zusammenhang haben Einzelpersonen Geldstrafen und andere Strafen für die Teilnahme an angeblich privaten Telegram-Chats im Zusammenhang mit Protesten, direkten Aktionen und Solidarität auferlegt bekommen. Da wir wissen, dass Telegram keine sichere Merhode ist, um der Überwachung durch den russischen und belarussischen Staat zu entgehen, wie habt ihr die Notwendigkeit einer Sicherheitskultur angesprochen und gleichzeitig die Widerstandkultur gefördert?

BOAK: Wir begannen unsere Propagandaaktivitäten mit der Website bo-ak.org. Wir wissen aber auch, dass die Menschen heute eher soziale Netzwerke nutzen, um sich zu informieren. Um ein breiteres Spektrum von Menschen anzu sprechen, haben wir auch mehrere social Media Accounts eröffnet - bei vk.com (einem russischen sozialen Netzwerk), Telegramm, Twitter, Youtube usw.

Einige unserer Kanäle wurden verboten und andere hatten nicht viel Erfolg (und wir waren auch gezwungen, unsere Website ins Darknet zu verlegen), also schreiben wir jetzt auf den folgenden Kanälen:

  • boakor7dmr63zguccltp6nki56ou4oppirhyllfck7yd3sifywinhkyd.onion/ - unsere Hauptseite. Dort findet man vor allem theoretische Artikel, aber auch unsere wichtigsten Nachrichten und Mitteilungen über unsere Aktionen.
  • https://boakmirror.noblogs.org/ - ist ein Spiegel der Website, nicht im Dark Web.
  • https://t.me/BO_AK_reborn - ist unser Hauptkanal auf Telegram.
  • Hier posten wir nützliche Hinweise, wie man direkte Aktionen organisiert, unsere ideologischen Artikel, Nachrichten über den Widerstand und Mitteilungen über unsere Aktionen.
  • https://vk.com/bo_ak und https://vk.com/zloyancom - unsere Kanäle auf VK.com

Zum Thema Sicherheit - VK ist die unsicherste Plattform von allen. Das ist schade, denn es gibt eine Menge Leute, die es noch benutzen, und um sie nicht zu verlieren, posten wir unsere wichtigsten Nachrichten dort.  Aber wir knüpfen keine Kontakte und wir raten dringend davon ab, über VK zu kommunizieren und zumindest zu Telegram zu wechseln.

Telegram ist natürlich auch nicht absolut sicher. So ist unsere Methode - verwendet Burner-Handys (und vorzugsweise, verwendet virtuelle Zahlen, anonym mit Kryptowährungen erworben). Wir empfehlen außerdem, Telegram nur über Tor oder VPN zu nutzen. Vertraue nie jemanden im Internet und gib niemandem Informationen über dich, von denen du nicht willst, dass sie der Polizei in die Hände fallen. Und wir vermitteln unseren Leser*innen diesen Ansatz, wann immer wir können.

Außerdem verwenden wir für wichtige Diskussionen E-Mail mit pgp-Verschlüsserlung und schlagen dies auch anderen vor. Wir glauben, dass es sicherer ist als Telegramm - zumindest muss man sich nur um die Person am anderen Ende der Konversation sorgen, und nicht um den Messenger, der sie überträgt.

TFSR: Ein ehemaliger Gast von uns aus Russland ewähnte, dass sich viele Russ*innen der Wehrpflicht entziehen und die Soldat*innen daher oft aus benachbarten, zentralasiatischen Ländern kommen, die auf den russischen Handel und die russischen Waren angewiesen sind. Wer kämpft im Allgemeinen im russischen Militär?

BOAK: Bei den russischen Besatzungstruppen können wir zwei Gruppen grob unterscheiden. Die erste Gruppe sind die wahren „Kampfhunde", Kämpfer*innen von Wagner, verschiedenen Spetsnaz-Eliteeinheiten und Vertragssoldat*innen, für die der Krieg zum Lebensstil gehört. Sie sind in hohem Maße von der chauvinistischen reaktionären Ideologie des Regimes indoktriniert. Bei der zweiten Gruppe handelt es sich um Sol­dat*innen, die noch freiwillig einen Vertrag unterschrieben haben, aber in armen, wirtschaftlich schwachen Regionen rekrutiert wurden, in denen der Militärdienst eine der wenigen Möglichkeiten für einen sozialen Auf­stieg darstellt. Auch diese Menschen sind Opfer der imperialistischen Ambitionen von Putins Clique. Es ist kein Zufall, dass diese Leute oft aus russischen„internen Kolonien" oder so genannten nationalen Republiken kommen, die unterentwickelt und von der Metropole ausgeraubt sind, aus Orten wie Burjatien, Dagestan und anderswo.

Wir hören zum ersten Mal von ausländischen Personen aus Zentralasien in der russischen Armee, und es klingt unwahrscheinlich. Dies ist nicht zu verwechseln mit den Soldat*innen aus den von der russischen Regierung benannten nationalen Regionen. Außerdem gab es vor einiger Zeit die Nachricht, dass Russland in Syrien Soldat*innen rekrutiert, aber wir haben dafür keine Beweise gesehen.

TFSR: Wie wirken sich die Sanktionen weiter auf die normale Bevölkerung aus, und könnt ihr etwas zum Verhältnis zwischen der staatlichen Rheto­rik über die kapitalistische Selbstversorgung Russlands und der Realität des Klimawandels (Dürreperioden mit Auswirkungen auf die Nahrungs­mittelproduktion usw.) sagen?

BOAK: Die Auswirkungen von Sanktionen treffen normale Menschen nicht so schnell. Zunächst mag es so aussehen, als sei alles in Ordnung. Aber dann geht man in den Laden und stellt fest, dass einige Produkte, die man braucht (und nicht irgendwelche Luxusartikel), das Dreifache von dem kosten, was sie vorher gekostet haben, und andere Dinge kann man überhaupt nicht mehr kaufen.

Wir können sehen, dass die Menschen in Russland begonnen haben, unter den Sanktionen zu leiden, aber im Moment ist es eher so, dass Wut in der Luft liegt und die Menschen fragen: ,,Warum ist alles so teuer?!" Die meis­ten von ihnen glauben immer noch, dass die Situation irgendwie wieder normal werden wird (auch wenn sie keine Ideen haben, wie genau). Die Regierung spürt also noch keine Gegenreaktion. Aber die Situation ändert sich jeden Tag.

Auf die Frage, ob Russland sich selbst versorgen kann, lautet unsere Ant­wort: ,,Unter dem herrschenden Regime auf keinen Fall". Ohne Sanktio­nen, mit so hohen Ölpreisen und Geldüberschüssen könnte es das nicht werden - es gibt also keinerlei Chancen, dass es das jetn tut. Vielleicht könnte die russische Gesellschaft autarker werden, wenn sie sich an der Basis für partizipative wirtschaftliche Ansätze engagieren würde.

Mit dem derzeitigen System kann Russland vielleicht einen Teil seines Bedarfs an Lebensmitteln oder Kleidung decken. Aber bei etwas Kompli­zierterem - Elektronik, Autos, Maschinen - sieht es nicht so aus. Russ­land könnte versuchen, sie aus China oder über andere Länder zu kaufen (bekannt als„graue" Importe). Aber Russland ist sehr groß, und es braucht eine Menge verschiedener Dinge.

Wir glauben nicht, dass die Grauimporte alles abdecken können. Und na­türlich spielt auch hier die Zeit eine wichtige Rolle - die Lager sind nicht mehr gefüllt, und Russland hat nicht jahrelang Zeit, Handelsketten auf­zubauen. Wir glauben daher, dass die Menschen in Russland den Mangel sehr bald wieder spüren werden, und zwar noch stärker als zu Zeiten der Sowjetunion.

schienen2TFSR: Inwiefern führt eine größere Anzahl von Beweisen für staatliche Repression dazu, dass die Menschen von einer pro- oder neutralen Hal­tung zu einer Antikriegshaltung wechseln? Oder tut sie das nicht? Und wenn ja, entwickelt sich die staatliche Propaganda als Reaktion auf diese Veränderungen oder verlässt sie sich nur auf Angst usw., um die Kontrolle zu behalten? (Es gab in letner Zeit mehrere Nachrichten über Armeeof­fiziere, die Soldat*innen gewaltsam verletnen und tatsächlich von Ge­richten verurteilt wurden - aber vielleicht werden sie nur als Beispiele für den Staat benutn, um zu sagen: ,,Natürlich wären wir niemals damit einverstanden" -so wie die Verurteilung von Derek Chauvin in den USA wegen des Mordes an George Floyd, um zu beweisen, dass „das Justiz­system funktioniert")

BOAK: Wir haben den Eindruck, dass es in Russland keine große Verän­derung in der Propaganda gibt, wie du sie beschreibst (z. B. wenn der Staat versucht, eine Situation so darzustellen, als ob es einige schlechte Menschen im System gäbe, das System aber insgesamt gut funktioniert).

Selbst nach der Aufklärung der Ereignisse in Butscha in der Ukraine hat Russland die Position eingenommen, dass „das alles gelogen ist, unsere Soldat*innen sind Heilige". Und leider ziehen es viele Menschen vor, dies zu glauben. Denn wenn man es nicht glaubt, dann muss man etwas tun, denn „dein" Staat ist das pure Böse. Und es ist sehr beängstigend, in Zei­ten wie diesen etwas zu tun.

Es ist schade, dass die Beweise für die staatliche Repression selbst die Masse der Menschen in Russland nicht zu einer Anti-Kriegs-Haltung be­wegen konnten. Zumindest, wenn die Propagandamaschine so hart daran arbeitet, ,,das ist alles eine Lüge" zu erzählen.
Aber es funktioniert zusammen mit anderen Tatsachen - dass Ihre Le­bensqualität schlechter ist als vorher, dass Ihr Sohn tot aus dem Krieg zurückgekehrt ist (oder schlimmer - überhaupt nicht nach Hause ge­kommen ist, und die Verantwortlichen tun so, als wüssten sie von nichts und wollen nur, dass man verschwindet). Und all dies zusammen kann die Haltung der Menschen tatsächlich verändern.

TFSR: Ich denke, in den USA und anderswo geht man davon aus, dass Russland sich der glücklichen Menagerie der liberalen kapitalistischen Republiken anschließen könnte, wenn Putin aus dem Amt scheidet oder abgesetn wird (wie Joe Biden einmal angedroht hat). Könnt ihr sagen, was ein „Machtwechsel" ohne eine soziale Revolution in Russland oder Belarus bedeuten könnte?

BOAK: Der„Wechsel des starken Mannes" in Russland kann in sehr unter­schiedlichen Zusammenhängen stattfinden. Im schlimmsten Fall handelt es sich nur um einen internen Austausch von Personen an der Macht in­nerhalb der herrschenden Clique, und das System wird sich kaum ändern (was wiederum zu weiteren Aufständen führen könnte). Eine andere Möglichkeit ist der Sturz der herrschenden Elite oder zumindest eine Än­derung ihres Kurses in die eine oder andere Richtung. In der postsowjeti­schen Periode haben wir am Beispiel von Präsident Jelzin gesehen, dass eine liberale Wirtschaftspolitik problemlos mit ziemlich autokratischen politischen Schritten kombiniert werden kann. Eine neue „liberalere" Führungspersönlichkeit, sei es aus dem derzeitigen Establishment oder aus der Opposition, würde also kaum einen wirklichen sozialpolitischen Wandel garantieren.

Wirkliche Veränderungen erfordern nicht den „Wechsel des Machtha­ber*ins", sondern die Befreiung von allen Machthaber*innen. Die Um­setzung der Praxis der Selbstverwaltung. Allerdings können wir auch eine„Übergangszeit" nicht ausschließen, in der der Regierungswechsel zu einer Schwächung des Staates im Allgemeinen führen und den Weg für weitere soziale Veränderungen freimachen könnte. Libertäre Revolu­tionär*innen müssen darauf vorbereitet sein, in diesem Moment so viel sozialen Boden wie möglich zu gewinnen.

In jedem Fall gibt es für Russland keinen Platz in der „westlichen Welt", weil die globalen Eliten und die Bedingungen des Weltmarktes keinen Massenwohlstand außerhalb der Zone der globalen Metropole zulas­sen. Die russische Gesellschaft steht also unweigerlich vor der Heraus­forderung, Wege zu ihrem Wohlstand außerhalb der falschen Rezepte zu finden, die von der„glücklichen Menagerie der liberalen kapitalistischen Republiken" vorgeschlagen werden.
Was Belarus betrifft, so scheint das derzeitige politische System des Lan­des noch stärker von genau einer Person abhängig zu sein als das russi­sche. Wenn Lukaschenko das Land verlässt, würde Belarus entweder den Versuch unternehmen, vollständig von den russischen lmperialist*innen geschluckt zu werden, oder einen Weg durch intensive Veränderungen mit ungeschriebenem Kurs ein schlagen. 

TFSR: In den letzten zehn Jahren haben wir in den USA erlebt, wie Des­information Familien und Gemeinschaften polarisiert hat. Beobachtet ihr ähnliche Auswirkungen in Bezug auf den Unterschied zwischen „Sonder­einsatz zur Beseitigung der Nazis und zur Befreiung unserer kleinen Brü­der in der Ukraine" und „imperialistische Invasion zur Wiederherstellung des verlorenen Reiches"? Gibt es Strategien/Ressourcen für den Umgang mit der Wirkung staatlicher Propaganda auf der zwischenmenschlichen Ebene (um zu vermeiden, dass die Dissonanz toxisch und unüberwindbar wird)? Werden staatliche Machtmittel in zwischenmenschlichen Konflik­ten auch gegeneinander eingesetzt, indem man staatliche Dienste wie zu Sowjetzeiten in Anspruch nimmt? (diese Frage wurde von einem rus­sisch-amerikanischen a na rchi sti sch en Genossen vorgeschlagen)

BOAK: Ja, so ist es auch in Russland und den Nachbarländern mit den Familien und Freundeskreisen. Vielleicht kann man sagen, dass ältere Generationen manchmal eher bereit sind, die Agenda des Regimes zu übernehmen (natürlich mit unzähligen Ausnahmen). Wir sind der Mei­nung, dass man dem auf zwischenmenschlicher Ebene entgegentreten sollte -alle Konsument*innen der Staatspropaganda sollten mit eigenen Augen sehen, dass die Menschen, die sie ablehnen, ihre Angehörigen sind und nicht irgendwelche bösen Porträts aus dem Fernsehen. Wenn man seine Position ruhig, mit guten Argumenten, freundlichem Umgang und schließlich mit Liebe verteidigt, hat man gute Chancen, gehört zu werden.

TFSR: Wie können Hörer*innen außerhalb Russlands, Belarus und der Ukraine solidarisch mit den Bewegungen des Widerstands gegen Lukaschenko, Putin und den Krieg in der Ukraine handeln und sich äußern? Wie können wir diejenigen unterstützen, die direkte Aktionen durchfüh­ren und diejenigen, die kriminalisiert wurden? Und wie können wir auf dem laufenden bleiben?

 BOAK: Direkte Aktionen gegen autoritäre Regime in Osteuropa können weltweit durchgeführt werden. Wir sind sehr inspiriert von den Besetzun­gen westlicher Genoss*innen in den Häusern russischer Oligarchen. Alle ihre Geschäftsinteressen, Ländereien und westlichen Partner*innen sind in diesem Zusammenhang legitime Ziele. Alle öffentlichen, symbolischen Aktionen der Solidarität sind ebenfalls sehr willkommen. Jede Äußerung ist wichtig, anregend und anerkennenswert.

 Nicht zuletzt geht es um den Informationsfluss. Wir bitten Genoss*innen, unsere Botschaft in ihren Kreisen und Räumen zu verbreiten. Insbesonde­re, um das Kreml-Bullshit-Narrativ vom„antifaschistischen Kampf gegen ukrainische Nazis und die NATO" zu bekämpfen. Auch eine Spendenkam­pagne und die Sammlung von materieller Hilfe für libertäre Strukturen in Osteuropa ist wirklich eine starke Basis für die Nachhaltigkeit unseres Kampfes hier.

 Wir empfehlen einige Informationsquellen, die mehr oder weniger re­gelmäßig auf Englisch aktualisiert werden: avtonom.org für Russland; Resistance Committee für die Ukraine und Pramen für Belarus. Wir, als Anarcho-Communists Combat Organization'; versuchen auch, wichtige „ Nachrichten und Texte ins Englische zu übersetzen.

 

 

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