Ist das Rechenzentrum eine Fabrik? Von den Versprechen des Kapitals zu den Verlusten für Gesellschaft und Umwelt
Inmitten der globalen Mehrfachkrise – die unter anderem auch eine Krise des Kapitals ist – scheinen KI-Rechenzentren einer der letzten Orte zu sein, die Möglichkeiten für eine sichere Kapitalakkumulation bieten. In diesem Zusammenhang wird auch die Cloud, die lange Zeit fälschlicherweise als immaterielle Einheit dargestellt wurde, nun als Fabrik neu definiert. Miriam Fahimi reflektiert über die damit verbundenen politischen Kämpfe.
Der 18. März ist ein Gedenktag, der bisher nicht den richtigen Stellenwert erhalten hat, erklärt Bundeskanzler Friedrich Merz in seiner Regierungserklärung zum Europäischen Rat am entsprechenden Datum. Gemeint ist der Tag der Demokratiegeschichte: Am 18. März 1848 starben in Berlin rund 300 Menschen im Kampf gegen die preußische Monarchie und für demokratische Rechte. Genau 142 Jahre später, am 18. März 1990, fand die erste freie Volkskammerwahl der DDR statt.
Tag der Demokratie?
Doch der Bogen, den Merz von der Geschichte in die Gegenwart schlägt, erinnert wenig an die politischen Kämpfe von einst. Insbesondere künstliche Intelligenz (KI) nimmt einen prominenten Platz in seiner Rede ein: um mehr „künstliche Intelligenz made in Europe“ zu ermöglichen, müsse Europa Regeln abbauen und der Technologie mehr Freiräume verschaffen. Denn: „Europa reguliert auch im Bereich der künstlichen Intelligenz zu viel“. Damit spielt Merz auf die europäische KI-Verordnung an, der weltweit einzige Rechtsrahmen, welcher auf Basis von fünf Risikostufen Verbote von und Schutzmechanismen gegen KI eingeführt hat, wie z.B. gegen algorithmische Diskriminierung.
Während man in der Rede des Bundeskanzlers noch vergeblich nach einem Zusammenhang zwischen der ‚Mehr-KI‘-Rhetorik und Demokratie sucht, ist in einem Nebenraum des Bundestages von Demokratie schon gar nicht mehr die Rede. Denn dort stellen Digitalminister Karsten Wildberger und Wirtschaftsministerin Katharina Reiche, beide CDU, Deutschlands erste Nationale Rechenzentrumsstrategie vor. Für mehr ‚KI made in Europe‘ brauche es auch mehr Rechenzentren ‚made in Germany‘, so der Tenor. In den nächsten fünf Jahren sollen in Deutschland die Rechenzentrumskapazitäten verdoppelt, für KI-Rechenzentren vervierfacht werden. Dabei muss die Bundesregierung gar nicht mehr so viel nachhelfen, denn laut einer Studie sollen sich die Rechenzentrumskapazitäten in Deutschland auf 5.000 bis 5.500 Megawatt mindestens verdreifachen.
Im Inneren eines Rechenzentrums
Obwohl es in der BRD schätzungsweise 3.000 Rechenzentren gibt, sind sie eine gut geschützte recht unscheinbare Infrastruktur, welche die allermeisten Internet- und KI-Benutzer*innen noch nie betreten haben. Ihre Geschichte beginnt mit den ersten Mainframe-Computern Ende der 1940er Jahre, und hat sich in den 1990er Jahren im Zuge der Entwicklung von Mikrochip-Prozessoren, server-basierten Netzwerken und dem Internet zu dem entwickelt, was wir heute unter der Begriffszusammensetzung verstehen: Es sind Orte, an denen nicht nur gerechnet, sondern auch Daten gespeichert und versendet sowie KI trainiert wird. Rechenzentren sind also für jegliche digitale Dienste unerlässlich, sei es das Verfassen und Versenden von E-Mails, Online-Shopping, Streaming, Gaming oder eben KI. Meist sind es langgezogene, ebenerdige, kastenförmige Gebäude mit einer hervorragenden Anbindung an das Straßen- und Glasfasernetz, Kühltürmen auf dem Dach und einem Umspannwerk im Außengelände.
Im Inneren eines Rechenzentrums stapeln sich wortwörtlich die Server: im white space stehen diese in Regalen (racks), welche wiederum in nochmals von Staub und Schmutz gut separierten, auf 21 Grad gekühlten Gehäusen stehen. Für KI-Rechenzentren sind eigens hierfür produzierte Chips notwendig, die für parallele Berechnungen optimiert sind und damit nicht nur einen hohen Energieverbrauch haben, sondern auch neue Anforderung an die Kühlung stellen. Denn aufgrund ihrer Leistungsdichte kann Hitze nicht mehr nur durch Luft abgeführt werden und wird deswegen mit Frischwasser gekühlt, die direkt am Chip angebracht wird. Weil sich in KI-Rechenzentren Chips und Server modular hinzufügen lassen, und die Rechenleistung damit flexibel ausgeweitet werden, werden diese auch Hyperscaler genannt. Sie sind aber auch im wahrsten Sinne des Wortes ‚hyper‘, so ist das von META geplante Hyperion in etwa so groß wie Manhattan.
Für Rechenzentrum in den USA hat das Berkely Lab ausgerechnet, dass diese am Tag 628 Million Gallons (umgerechnet 2.377.238.610 Liter) verbrauchen. Der Großteil der Rechenzentren in den USA basieren allerdings auf evaporativer Kühlung, während in Deutschland vorwiegenend zirkuläre wasserbasierte Kühlsysteme angedacht sind. Bei zirkulären Systemen wird das Grundwasser nicht direkt verbraucht, es muss aber trotzdem erstmal für Rechenzentren bereitgestellt werden. Wenn Kapazitäten wie nach Plänen der aktuellen Bundesregierung verdoppelt bzw. vervierfacht werden sollen, heißt das also nicht nur mehr Gebäude, Server, Chips und Strom, sondern auch mehr mehr Kühlmittel und Wasser für die Kühlung, mehr Diesel und mehr Batterien für die Notstromversorgung, mehr Gas für die Feuerlöschanlage, und mehr CO2 in der Luft.
Neue Strategien für eine regressive Politik
Schauen wir uns die Rechenzentrumsstrategie noch einmal genauer an. Mit den drei übergeordneten Themen ‚Energie und Nachhaltigkeit‘, ‚Standort und Fläche‘ sowie ‚Technologie und Souveränität‘ werden zentrale Forderungen der Rechenzentrumsbranche aufgegriffen. Diese reichen von beschleunigten und flexibleren Anschlüssen an das Stromnetz und schnelleren sowie vereinfachten Genehmigungsverfahren über die Umwidmung von Brownfield-Flächen bis hin zur Stärkung der deutschen IT-Branche.
Während Nachhaltigkeit ausschließlich über Erneuerbare Energien definiert wird, wurden vor einigen Tagen genau diese Kritierien in einer Novelle des Energieeffizienzgesetz aufgeweicht. Deutschland war das einzige EU-Land, welches in der nationalen Umsetzung des Energieeffizienzgesetzes Minimalanforderungen an Rechenzentrumsbetreiber stellte. Nun wurde das Ziel, Rechenzentren bis zum Jahr 2027 zu 100% mit erneuerbaren Energien zu betreiben auf 2030 verschoben. Mehr noch: Um das Energieproblem Deutschlands zu lösen, setzt sich Wirtschaftsministerin Katharina Reiche, die zuvor als Vorsitzende der E.ON-Tochter Westenergie tätig war, zudem für neue Projekte auf Basis fossiler Brennstoffe ein. Es überrascht daher nicht, dass E.ON derzeit in Frankfurt am Main Deutschlands erstes Gaskraftwerk für ein US-amerikanisches Rechenzentrum baut.
Zu den Plänen für ‚Technologie und Souveränität‘ haben sich bereits kritische Wissenschaftler*innen geäußert. In Bezug auf die Rechenzentrumsstrategie lässt sich Souveränität am ehesten als regressiv-territorial beschreiben. Damit ist eine Form der Souveränität gemeint, bei der es ausschließlich darum geht, die Rechenzentren auf dem eigenen Grund und Boden zu verorten, ohne Fragen nach Eigentum und Abhängigkeiten auf anderen Ebenen der Güterkette, z. B. von dem US-amerikanischen Chip-Hersteller NVIDIA, zu adressieren. Was dabei jedoch ausgeblendet wird: Die Mehrheit der 1.000 Hyperscaler gehört nur drei US-Unternehmen: Google, Microsoft und Amazon. Und diese investieren auch in Deutschland stark: Von den 15 Milliarden Euro, die letztes Jahr in Deutschlands Rechenzentren investiert wurden, stammte die Hälfte von US-amerikanischen Unternehmen.
Verschärfung der Energiekrise
„Die aktuelle Energiekrise ist schlimmer als alle anderen Krisen je zuvor“, sagte kürzlich Fatih Birol von der Internationalen Energieagentur (IEA). Damit sind nicht nur die schwindenden fossilen Energieträger gemeint, sondern auch die geopolitische Instabilität infolge des Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine sowie der militärischen Aggressionen Israels und der USA gegen Gaza, den Iran, den Libanon und den Rest der Golfregion. Die ohnehin krisenhafte Lage der Energieversorgung in Europa und der ganzen Welt spitzt sich durch den Krieg um die Straße von Hormus, die als obligatorischer Passagepunkt der weltweiten Öl- und Benzinversorgung dient, noch weiter zu.
Die Ausbaupläne der Bundesregierung erfolgen inmitten dieser Energiekrise. Nach den Prognosen der IEA wird der globale Stromverbrauch von Rechenzentren bis 2030 um 15% pro Jahr steigen, mehr als viermal schneller als das Wachstum des gesamten Stromverbrauchs aus allen anderen Sektoren. Wären alle Rechenzentren derzeit ein Land, dann wäre ihr Energieverbrauch so groß wie Japan, die fünftgrößte Ökonomie der Welt.
Eine aktuelle Studie des Öko-Instituts im Auftrag von Greenpeace kommt für Deutschland zu dem Ergebnis, dass Rechenzentren bis 2030 einen erheblichen Anteil am nationalen Stromverbrauch haben werden. Welche Konsequenzen dieser gigantische Energiebedarf haben wird, lässt sich am Beispiel der USA ablesen. Laut META benötigt das Hyperion etwa 5 Gigawatt Energie, was der Leistung von fünf Kernkraftwerken entspricht und zu einem Anfall von 6.000 kg Atommüll pro Jahr führt. Die Studie von Greenpeace und dem Öko-Institut weist deswegen einen neuen Indikator aus: die Radioactive Waste Usage Effectiveness. Damit soll darauf hingewiesen werden, dass immer mehr Rechenzentren mit Atomkraft betrieben werden sollen.
Von der Cloud zur Fabrik
Und wofür das alles? Inmitten der gegenwärtigen kapitalistischen Polykrise scheinen KI-Rechenzentren ein Fluchtpunkt für eine der letzten sicheren Garantien für Kapitalakkumulation zu sein. In diesem Zusammenhang wird die Cloud, die fälschlicherweise stets als entmaterialisierte Wolke dargestellt wurde, nun auch als Fabrik neu definiert.
Damit sind wir wieder bei Digitalminister Wildberger und seiner Vorstellung der Nationalen Rechenzentrumsstrategie am 18. März 2026. „Rechenzentren sind, ganz einfach gesagt, die Fabriken des 21. Jahrhunderts.“ Als wäre er selbst nicht ganz davon überzeugt, schiebt er noch einmal nach: „Es handelt sich wirklich um Fabriken.“ Damit liefert Wildberger gleich eine unterschwellige Begründung mit, warum der Industriestrompreis auch für Rechenzentren gelten soll – eine Forderung, die sogar die IG Metall erhob.
Die Fabrik-Rhetorik wird damit begründet, dass „Rechenzentren Daten im großen Stil verarbeiten“ und dadurch mit KI „zunehmend auch gesellschaftliche Prozesse gesteuert werden“. Interessanterweise wird KI im Medizinbereich als Beispiel genannt. Dass die Medizin gar keine Industrie ist, ist das eine, das andere ist, dass für spezialisierte und damit sehr kleine KI-Modelle wie im Medizinbereich gar keine großen KI-Rechenzentren notwendig sind. Wildberger sagt auch nicht, dass für seine Fabriken keine Gewerbschaftssteuern anfallen, noch Arbeitsplätze enstehen. Doch ist er mit dieser Rhetorik nicht alleine, auch die EU spricht nun von KI-Fabriken, die bald an fünf Standorten in Europa entstehen sollen.
Auch für den Historiker Nathan Ensmenger ist die Cloud eine Fabrik. In seinem 2021 erschienenen Essay „The Cloud is a Factory“ zeichnet er historische Kontinuitäten zwischen dem US-amerikanischen Handels- und Bestellunternehmen Sears Roebuck und Plattformunternehmen wie Amazon nach. Die damals noch provokative Umdeutung der Cloud als Fabrik ist für Ensmenger aus mehreren Gründen produktiv: Erstens mache sie die Informationsökonomie und ihre hohen sozial-ökologischen Kosten sichtbar. Zweitens verdeutliche sie, dass die Cloud wie andere Fabriken auch auf materielle Infrastrukturen wie Straßen, Brücken, Flächen und Kabel angewiesen ist. Drittens ermögliche sie ein Verständnis der Verflechtungen unterschiedlicher Infrastrukturen und Technologien. Ensmenger nennt hier die Blockchain als Beispiel, heute ließe sich dies ebenso auf KI anwenden. Viertens erlaube sie es, den Gütterketten der Cloud, die unter anderem Chips, seltene Erden, und chemische Kühmittel inkludiert, zu folgen. Fünftens eröffne sie die Frage, welche Versprechen der Fabrik wie etwa die Schaffung von Arbeitsplätzen sich im Kontext der Cloud nicht einlösen. Sechstens ordne sie die Cloud als Bestandteil einer umfassenderen Informationsökonomie ein, etwa als Grundlage für das automatisierte Fahren.
Die Rede von der Cloud als Fabrik hat somit zwei entgegengesetzte Funktionen. Während Ensmenger zu Recht die sozial-ökologischen Kosten der Cloud und ihre industrielle Basis hervorhebt, geht es Wildberger, Reiche und anderen – durchaus erfolgreich, wenn man sich die Zustimmungswerte anschaut – darum, Rechenzentren als notwendige Industrie für Deutschlands Wirtschaft zu positionieren. Diese kapitalaffine Fabrik-Rhetorik drängt die Fragen, wofür die zusätzliche Rechenkapazität benötigt wird und welchen gesellschaftlichen Prioritäten sie dienen soll, effektiv in den Hintergrund. Sollen wir wirklich warten, bis die zirkuläre KI-Bubble platzt, um uns mit diesen Fragen auseinanderzusetzen?
Die KI-Fabrik vergesellschaften
Für Karl Marx waren Fabriken der physische Austragungsort der kapitalistischen Produktionsweise. Durch die zunehmende Automatisierung und einseitige Zerlegung von Arbeit im 19. Jahrhunderts ordnen sich Arbeiter*innen dem Kapital unter: „In Manufaktur und Handwerk bedient sich der Arbeiter des Werkzeugs, in der Fabrik dient er der Maschine“, schreibt Marx.
Allerdings sind in den KI-Fabriken von heute kaum noch Arbeiter*innen zu finden. Deswegen erscheint es umso relevanter, dass sich Aktivist*innen im Rheinischen Revier, Marseille, der Schweiz, in Aragón genauso wie in Ithaca und Andhra Pradesh gegen den Extraktivismus des KI-Kapitals aufbegehren. Als zentraler Ort, in denen nach Antonio Gramsci Hegemonie entspringt, können Fabriken auch zum Ort der alternativen Organisierung und Gegenhegemonie werden. Wer die Fabrik-Metapher konsequent zu Ende denkt, kommt zu dem Schluss, dass die KI-Fabrik vergesellschaftet werden muss.
Miriam Fahimi · 9. Juli 2026 · Spuren des KI-Kapitalismus






