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Identitätspolitik in der Kritik und unter Beschuss

Wir stehen vor dem Dilema einer von autoritärer Identitätspolitik durchzogenen und zersplitterten Linken, die sich angesicht ihrer derzeitigen Schwäche fast in einer beklemmenden Zuschauerrolle wiederfindet – jetzt wo eine starke rechte Bewegung nicht nur in den USA alles, was als „woke“ benannt wird, in einem Kulturkampf mit faschistoiden Zügen zurückdrängen oder gar zu „vernichten“ sucht. Wäre es da nicht notwendig, über alle Streitigkeiten und Abschottungen hinsichtlich falscher und noch falscherer Sprechpositionen hinweg, solidarisch einen gemeinsamen antifaschistischen Kampf aufzunehmen? Ja, unbedingt!70er ton steine scherben

Und da Solidarität in nicht-autoritären Kreisen immer schon ein kritisch-solidarisches Verhältnis meinte, ist es umso wichtiger, eine notwendige linke Kritik an der Identitätspolitik vom rechten Beschuss unterscheidbar zu machen. Das schlimmste, was linker Kritik dabei passieren kann, ist Applaus von recher Seite. Sie ist damit aber nicht überflüssig, auch wenn sie sich leichter als denunziatorisch oder gar als ebenfalls rechts diffamieren lässt.

Oberflächlich geht es bei der Aufregung um die Identitätspolitik oft um die Frage, wer legitmiert ist, sich zu welchen Unterdrückungsverhältnissen und mit welchen Begrifflichkeiten glaubhaft zu äußern? Eine der großen Unverständlichkeiten bei der häufig anzutreffenden, reduzierten Auslegung von Idenitätspolitik ist der Ausschluss von vermeintlich unzulässigen bzw. irrelevanten Sprechpositionen. Darüber franst das Bündel eines gemeinsam gedachten Kampfes aus in indentitäre Themenstränge, die puristisch voneinander getrennt geführt werden. Die sehr wohl wechselseitig verschränkten Diskriminierungsformen müssen sich nur erst wieder intersektional solidarisch aufeinander beziehen, um nicht im Kampf um Aufmerksamkeit zerfasert zu konkurrieren. Hier werden wir sehen, dass die algorithmisch verstärkte Fragmentierung in den `sozialen`Medien, als hauptsächlichem Austragungsort des identitätspolischen Diskurses eine fatale Rolle spielt. Tatsächlich geht es aber um viel mehr, nämlich um die Perspektive einer linken Politik, die nicht nur um Anerkennung spezifischer Unterdrückungsformen innerhalb der bestehenden Machtverhältnisse kämpft, sondern für die Überwindung eben dieser Machtverhältnisse. Hier sehe ich eine eklatante theoretische und praktische Leerstelle der aktuellen identitätspolitschen Strömungen, deren ganz und gar nicht radikale Perspektive mit einer stigmatisierugsreduzierten Integration in eine neoliberalen Gesellschaft vereinbar ist. So weit, so schlecht.

Im Einzelnen: Es dürfte unstrittig sein, dass von Rassismus, Sexismus, Trans- und Queerfeindlichkeit sowie anderen Diskriminierungen Betroffene sich gegenüber einer ignoranten Mehrheitsgesellschaft mehr Gehör verschaffen, um die Öffentlichkeit für diese Themen zu sensibilisieren und für ihre Rechte zu kämpfen. Weniger einleuchtend erscheint dabei das eingeschränkte Verständnis von Sprache der identitätspolitschen Bewegung. Obwohl sich der überwiegende Teil dieser Bewegung positiv auf Judith Butlers Queer Theory bezieht, sieht Butlers Auffassung von Sprache, in der Begriffe dynmaisch umkämpft und widerständig verschoben werden können, vollständig anders aus, als der von Verboten und Nicht-Sagbarkeiten zurückgestutze Sprachraum der identitäspolitischen Bewegung. Derartige Versuche der autoritären Sprachregulation weist Guler als anti-intellektuell und widerstandsverhindernd zurück.

Den Sprechakt maßgeblich festgelegt zu sehen, durch die Sprechpostion, in der die gesamte Erfahrung eines Sprechers kondensiert, ist ähnlcih apolitsche Reduktion im identitätspolitischen Diskurs. Lässt sich deutsche Kolonialgeschichte wirklich nur aus der schwarzen Perspektive erzählen und verstehen? Natürlich nicht – es gibt nicht die eine homogenisierte, schwarze Sichtweise, sondern eine Vielzahl von unterschiedlichen, sogar widersprüchlichen (schwarzen) Standpunkten und Perspektiven. Die autoritäre Reduktion auf ein stereotypes wir und ein die treibt Robin DiAngelo in ihrem Buch White Fragility auf die Spitze, indem sie von Weißen folgende Etiquette im Gespräch mit Schwarzen über `race`einfordert: „Widersprich nicht! Widersetze dich nicht! Schweige nicht! Entziehe dich nicht!“ – kein besonders spannendes Gespräch; eher ein Orwellscher podcast.

Die einer kollektiven (z.B. schwarzen) Identität zugeordnete Erfahrung wird darüber hinaus noch mit Verständnis gleichgesetzt. Viele Erfahrungen zu sammeln, ist eher eine hilfreiche Vorbedingung, aber keineswegs hinreichend für ein tiefes Verständnis. Ein Mensch, der Jahrzehnte auf der Straße lebt, hat vielschichtige Erfahrungen von Armut gemacht, aber die ermöglichen nur unter bestimmten Voraussetzungen ein analytisches Verständnis von den Macht- und Herrschaftsverhältnissen im Kapitalismus. Ein mit Millionen von Texten trainiertes Sprachmodell wie ChatGPT sammelt mehr Erfahrungen (kodiert in statistischen Häufigkeiten von Wortbeziehungen) als jeder Mensch und dennoch hat es gar kein Verständnis von den Dingen, über die es schreibt, sondern imitiert ein solches nur. Die notwendige Unterscheidung zwischen Erfahrung (Korrelationen) und Verständnis (Kausalität) bedeutet dabei keine Relativierung der gemachten Erfahrungen und auch keine Herabwürdigung der Erfahrungen machenden Person. Bisheriges Verständnis in Kombination mit weiteren Erfahrungen bilden zusammen die Grundlage für weitergehende bzw. korrigierende Theoriebildung.jaguar

Das gewollt Binäre eines stereotypisierenden Identitätsbegriffs, der bewusst statisch im wir und die verharrt, scheint im identitätspolitischen Diskurs allenthalben auf und wird der Komplexität von (Macht-) Beziehungen an keiner Stelle gerecht. Es erscheint wie ein viel zu grober Holzzuschnitt – nicht aus Unvermögen, sondern in ideologischer Absicht. Das autoritär-identitäre Aufsplitten von Menschen nach künstlich vereindeutigter Gruppenzugehörigkeit sorgt für eine große Übereinstimmung von Selbsteinschluss und Blasenbildung im (linken) Diskursraum. Diese Blasen zeichnen sich dadurch aus, dass innerhalb eine große Übereinstimmung an Wahrnehmungen und Meinungen besteht, während nach außen hin (zu anderen Blasen) eine gesteigerte Abgrenzung bis hin zu einer Feindseligkeit besteht.

Eine derartige soziale Fragmentierung (wie sie übrigens auch innerhalb einer zutiefst verunsicherten Linken hinsichtlich der Covid-Pandemie vorherrschte) lässt sich inklusive Blasenbildung und resolutierender Polarisierung durch ein einfaches mathematisches Gesellschaftsmodell beschreiben, welches alleinig die simple Dynamik einer binären Meinungsbildung (dafür oder dagegen) zusammen mit der Dynamik binärer Freundschaftsbeziehungen (Freund oder Feind) in ein Modell des sozialen Gleichgewichts integriert. Die einzige Vorgabe, ein kategorisches entweder - oder bei der Bildung von Meinungen und Freundschaften reicht dazu aus, um eigentlich komplexe soziale Prozesse von Ein- und Ausschluss erschreckend zutreffend zu beschreiben - verrückt wie wirkmächtig binärer Reduktionismus ist!

Dieser Effekt des blasenförmigen Selbsteinschlusses und der Abgrenzung gegen über anderen wird zusätzlich verstärkt durch die hauptsächliche Verbreitungsform identitärer Politik im`linken`Diskursraum – den, sozialen Medien. Die Dynamik der algorithmischen Reichweitensteurung bevorzugt binäre Muster der Ab- und Ausgrenzung (sowie auch Hass, Hetze und Fakenews), da Mitteilungen mit sochen Inhalten nachweislich für eine höhere soziale Temperatur im Netzwerk sorgen. Netzwerkpsychologen meinen damit erstens emotionalere und unmittelbarere Interaktion und zweitens einen längeren Verbleib der Diskursteilnehmer auf der Plattform. Beides sind exakt die ökonomisierbaren Kenngrößen, nach denen Plattformbetreiber wie Instagram, TikTok und X den Preis für Wewrbetreibende auf ihrer Plattform bemessen: Je höher die Temperatur im `sozialen`Netz, desto höher die Werbeeinnahmen, als einzige maßgebliche Einnahmequelle der Plattformen.

Noch beklemmender als diese diskursive Dynamik der Spaltung erscheint die fehlende revolutionäre Perspektive identitärer Politik, die sich im Konformismus der Anerkennung innerhalb des kapitalistischen Systems erschöpft. Soziale Ungleichheit lediglich als eine weitere Dimension der Diskriminierung (aufgrund sozialer Herkunft) zu interpretieren, stutzt die mögliche Kritik an den materiellen Verhältnissen eines Systems der Ausbeutung auf einen neoliberale Anerkennungsumverteilung zurecht. Lars Distelhorst beschreibt in seinem Buch „Dekonstruiert Identitätspolitik“ unaufgeregt und analytisch genau die „zahlosen Formen der Kritik durch die Verschiebung vom Materialismus zum Kulturalismus“. Wenn die Unternehmerin und Aktivistin Lisa Jaspers in ihrem Artikel „Unlearn Kapitalismus“ fordert, dass nicht nur weißen Männern, sondern allen (in der Lieferkette) eine faire Teilhabe am Mehrwert garantiert werden müsse, dann schütteln nicht nur Marxianer zurecht den Kopf.

Nach dem Mord an George Floyd 2020 legten US-Regierung und führende Unternehmen Diversity-Programme auf, nach denen mehr people of colour in den Vorständen vertreten sein sollten. Man gab vor, so dem Rassismus zu begegnen. Microsoft setzte sich das Ziel, die Zahl schwarzer Mitarbeiter im Managemnt zu verdoppeln. Derartige Föderprogramme für upper class people of colour mussten der armen Community von Georg Floyd wie Hohn vorkommen. Eine randstündige und unzutreffende Machtanalyse sozialer Ungleichbedingungen in der Identitätspolitik lässt hingegen solche Befriedungsangebote wie echte Zugeständnisse erscheinen. Diese Kritik an der identitären Selbstbeschränkung ändert allerdings nichts an der Notwendigkeit, den derzeitigen ultrarechten roll-back in der Unternehmenspolitik z.B. des Meta-Konzerns, in der Mark Zuckerberg Diversität als Sackgasse bezeichnet und nun lieber auf maskuline Aggressivität setzt, feministisch und antirassistisch anzugreifen.80er

Die identitätspolitische Engführung und Schwächung einer Linken ist kein alleinig US-amerikanisches Phänomen. Bereits 2012 kaperten Aktivisten der identitätspolitischen Gruppe reclaim society ein antirassistisches Camp in Köln. Vielen ist dieses Camp immer noch als unrühmlicher Höhepunkt eines linken Autoritarismus in Erinnerung. Die meisten waren geschockt und paralysiert von der missbräuchlich-autoritären Auslegung des Konzepts von critical whiteness. Zahlreiche ungläubig (also zweifelnde) Campteilnehmer wurden mit Rassismusvorwürfen belegt und vom Camp ausgeschlossen. Die Vorwürfe durften nicht diskutiert werden, der Ausschluss blieb damit unhinterfragbar. Während des Camps hatte es die autonome Linke nicht geschafft, sich erfolgreich und konsequent gegen einen derart machtbewussten Missbrauch einer vorgeblichen Diskurs-Àwarness` zu wehren. Im Nachhinein haben einige ihre Sprache wiedergefunden und ein solches Vorgehen als autoritär-antilinks, regressiv-inquisitorisch und strukturell rechts kritisiert. Ein Paradestück in Sachen Selbstzerlegung linker Strukturen. Wüssten wir nicht von der offenen Flanke weiter Teile der radikal Linken gegenüber autoritären Anwandlungen, hätte manch einer eine externe Inszenierung vermuten können, die auf Zersetzung in Selbstbeschäftigung zielte.

Von den damaligen identitätspolitischen Akteuren der Gruppe reclaim society ist heute übrigens nur noch einer in der antirassistischen Szene aktiv -er hält seinen einstigen Auftritt heute für „den größten Schwachsinn“. In weiten Kreisen des linken Aktivismus wurde und wird das identitäre Ausfransen eines ehemals über viele Teilbereiche solidarisch gebündelten Kampfes jedoch weiter hofiert und damit normalisiert. Eine Entwicklung,die meiner Meinung nach nicht unausweichlich ist, uns aber in der aktuellen Abwehr eines massiven Angriffs von rechts enorm schwächt.