IMI-Analyse 2026/13
Eskalierende KI, wachsender Widerstand
Machtansprüche, Deregulierung und strategischer Kontrollverlust
von: Christoph Marischka | Veröffentlicht am: 29. April 2026
Auch die ersten Monate des Jahres 2026 waren von alarmierenden Nachrichten über den militärischen Einsatz Künstlicher Intelligenz geprägt. Zugleich ließ sich jedoch eine wachsende öffentliche Aufmerksamkeit für die Machtansprüche und die bereits stattfindende Machtübernahme der dahinterstehenden Big-Tech Unternehmen und deren Nähe zu extrem rechtem bis faschistischem Gedankengut erkennen. Einen Beitrag hierzu mag die vielbeachtete Veröffentlichung von 22 Thesen durch den US-Softwarekonzern Palantir geleistet haben, von denen selbst die ARD schreibt, dass sie Ausdruck einer „gefährliche[n] ideologische[n] Agenda“ seien – hier verschmelze „die Forderung nach militärischer Aufrüstung mit KI-Waffen mit einer Rhetorik kultureller Überlegenheit“. „Kein Staat und kein Unternehmen, das mit Palantir zusammenarbeitet, kann jetzt noch behaupten, man habe nicht gewusst, welche Agenda Palantir verfolgt.“1
Noch im Februar hatte der Bundestag die Anschaffung potentiell autonomer Waffensysteme (Kamikazedrohnen) eines Herstellers abgesegnet, der wesentlich von Peter Thiel – dem wichtigsten Investor hinter Palantir – mitfinanziert wird. Im Jahr zuvor hatte das Bundesland Baden-Württemberg Software des Unternehmens angeschafft und für deren Anwendung eigens die Polizeigesetze angepasst. Ähnliche Gesetzesnovellen sind gegenwärtig auf Bundesebene auf dem Weg.2
Die aktuelle Aufmerksamkeit für die Themenbereiche KI und Big Tech sowie dahinterstehende Ideologien und Machtansprüche ist weder unbegründet, noch voraussetzungslos. Dieser Beitrag will dazu beitragen, schlaglichtartig den aktuellen Kontext und die Vorgeschichte dieser Debatte zu beleuchten und auch auf den wachsenden Widerstand aus den sozialen Bewegungen hinweisen. Er will auch unterstreichen, dass sich die Kritik keinesfalls auf Palantir und die USA begrenzen sollte – denn gerade die aktuelle Bundesregierung verfolgt letztlich eine ganz ähnliche Agenda.
Cyber-Flash-War in greifbarer Nähe?
In seinem im Februar 2026 erschienenen Buch „Künstliche Intelligenz und Krieg“ führt der KI-Forscher Karl Hans Bläsius auch das Konzept des „Flash War“ ein: eine „Kettenreaktion von autonom geführten Angriffen und Gegenangriffen“, durch die „in sehr kleinen Zeitintervallen eine Eskalationsspirale entstehen [kann], die von Menschen nicht beherrscht werden kann“. Zugleich wären LLMs (Large Language Models, wie etwa ChatGPT) grundsätzlich in der Lage, Schwachstellen in anderen Systemen zu finden und „Cyber-Angriffe zu optimieren“, indem sie „besonders wichtige Infrastruktursysteme und einen günstigen Zeitpunkt“ identifizieren, „um eine möglichst große Wirkung bei einem Angriff zu erzielen“:
„Systeme wie ChatGPT können Cyberangriffe ausführen, die von Menschen, Bots oder anderen Systemen der generativen KI beauftragt sind. Falls andere KI-Systeme, mit denen es ohnehin Interaktionen gibt, dies erkennen, könnten diese das mit ähnlichen Angriffen nachahmen. Auf diese Weise könnte in kurzer Zeit eine Kettenreaktion mit immer stärkeren Cyberangriffen zwischen diesen KI-Systemen entstehen. Das wäre damit auch ein ‚flash war‘ im Internet.“3
Wenige Wochen nach dem Erscheinen dieses Buches lassen Meldungen über eine Software mit dem (vielleicht bezeichnenden) Namen „Mythos“ des Unternehmens Anthropic diese Befürchtungen durchaus realistisch erscheinen. Sie seien nach Angaben des Unternehmens imstande, „Schwachstellen in jener Software aufzudecken und auszunutzen, mit der Banken, Stromnetze und Regierungen weltweit arbeiten“. Ein Artikel in der New York Times4 vom 22. April beschreibt die relative diskrete, aber hektische Betriebsamkeit, die seit der Fertigstellung des Modells zwischen Regierungen, Großbanken und Tech-Unternehmen ausgebrochen ist. Bislang sei „Mythos“ vierzig Unternehmen und Institutionen bereitgestellt worden, ausschließlich in den USA und Großbritannien. Natürlich können Banken und Tech-Unternehmen das System nutzen, um Fehler in ihrer Software zu finden und zu beheben. Sie kann aber eben auch für Angriffe genutzt werden. Mittlerweile gibt es auch erste Hinweise darauf, dass es unautorisierten Zugriff auf das Modell gegeben habe, und ohnehin gehen viele davon aus, dass zumindest mit China auch ein geopolitischer „Rivale“ des Westens bald ein entsprechendes Modell entwickeln – oder möglicherweise bereits darüber verfügen – könnte. Die Möglichkeit eines Flash Wars durch autonome Cyberwaffen scheint damit in greifbarer Nähe.
KI-Zielfindung für konventionelle Angriffe
Auch im konventionellen Krieg könnte der Kontrollverlust durch den Einsatz von sog. „Künstlicher Intelligenz“ bereits weiter fortgeschritten zu sein, als vielen bewusst ist. Relativ klar scheint, dass die israelische Armee (IDF) bei ihren Luftangriffen auf Gaza in großem Stil Ziele angegriffen hat, die von KI-Systemen vorgeschlagen bzw. „produziert“ wurden, wie der Journalist und Filmemacher Yuval Abraham anhand anonymer Zeugenaussagen von Beteiligten enthüllt hatte.5 Neben den halbherzigen Dementis der IDF spricht nach Auffassung des Autors die schiere Masse der in dem kleinen Küstenstreifen angegriffenen Zielen dafür. Allein in den ersten sechs Tagen des Krieges wurden auf einem Gebiet von der Fläche des Großraums München 3.600 Ziele aus der Luft angegriffen, in den folgenden drei Wochen über 8.000 weitere (400 neue Ziele pro Tag). Selbst im Dezember 2023 konnte Israel im weitgehend zerstörten Gebiet noch fast 300 neue Ziele pro Tag identifizieren und bombardieren. Letztlich käme das eher einem technologisch legitimierten Flächenbombardement als gezielten Angriffen gleich, folgerte damals der Autor.6 Die Systeme zur KI-gestützten, massenweisen Produktion von Zielen „funktionieren letztendlich nicht anders als eine große ungenaue Bombe“, kritisierten damals auch drei deutsche Friedensorganisationen und forderten entsprechend eine „völkerrechtliche Ächtung von Praktiken des Targeted Killing mit unterstützenden KI-Systemen […] als Kriegsverbrechen“.7
Auch beim Angriffskrieg der USA und Israels auf den Iran kamen nach verschiedenen Berichten in großem Maßstab KI-basierte Systeme zur Zielfindung zum Einsatz. „Im Iran-Krieg haben die USA und Israel in kurzer Zeit auffallend viele Ziele angegriffen. Fachleute führen die hohe Geschwindigkeit und Koordination der Angriffe auch auf den verstärkten Einsatz von Künstlicher Intelligenz zurück“, berichtet tagesschau.de und verweist auf das „Maven Smart System“ (MSS) von Palantir. Mit dessen Hilfe seien „in der Anfangsphase […] binnen 24 Stunden Hunderte bis rund 1.000 Ziele ausgewählt und angegriffen worden sein“.8 Früh kamen auch Gerüchte auf, „ob auch die Bombardierung der Shajareh-Tayyebeh-Grundschule im Süden Irans, bei der mindestens 168 Menschen ums Leben kamen, auf eine KI-gestützte Entscheidung zurückzuführen ist“.9 Später wurden die Luftangriffe Israels und der USA ganz offensichtlich und bewusst auch auf zivile Ziele wie Brücken, Bahnlinien und Forschungseinrichtungen ausgeweitet. Während v.a. für die Angriffe der ersten Stunden eigentlich davon ausgegangen werden könnte, dass die Streitkräfte der USA und Israels durchaus auch auf konventionellem Wege genug Ziele auf dem Gebiet ihres Erzfeindes Iran vorbereitet haben dürften, ist der Einsatz von KI-Systemen bei der Ermittlung immer weiterer – auch ziviler – Ziele durchaus naheliegend in einem Krieg, der sich offenbar länger hinzog, als von den Angreifern ursprünglich erwartet.
Strategischer Kontrollverlust
Der Verdacht liegt nahe, dass in den Fällen Gaza und Iran der Einsatz von KI etwas beschleunigt hat, was man vielleicht als ’strategischen Kontrollverlust‘ bezeichnen könnte: Dass sich der Fokus militärischen Handelns vom eigentlichen politischen Ziel zunehmend auf eine fortsetzbare und fortgesetzte Zerstörung als Selbstzweck verlagert.
Nach dem humanitären Völkerrecht – dem ‚Recht IM Krieg‘ – ist bei jedem militärischen Angriff auf ein militärisches Ziel, bei dem auch mit zivilen Opfern oder Schäden zu rechnen ist, eine individuelle Abwägung zwischen dem erwartbaren militärischen Nutzen und den absehbaren zivilen Kosten zu treffen. Das hat nicht primär ‚moralische‘ Gründe, sondern soll auch in einem rein rationalen Sinne der Einhegung des tendenziell ausufernden Charakters von Kriegen dienen – kann z.B. auch einem völlig ausufernden Verbrauch (militärischer) Ressourcen entgegenwirken.
Ganz konkret bedeuten die Anforderungen des humanitären Völkerrechts wie auch die etablierte militärische Praxis, dass sich Menschen mit jedem einzelnen Ziel und dessen Relevanz für das Erreichen der strategischen Ziele beschäftigen (sollten). Das kann dazu führen, dass innerhalb der militärischen Kommandokette ein Bewusstsein dafür entsteht, dass die politischen oder militärischen Ziele mit einer Fortführung vergleichbarer Angriffe oder vielleicht auch ganz grundsätzlich nicht erreicht werden können. Das kann auch dazu führen – und hat auch schon dazu geführt –, dass sich auf die Ankündigungen des Oberbefehlshabers, die Angriffe zu intensivieren (typischer Weise gerade im Falle ausbleibender strategischer Erfolge), hochrangige Militärs zu Wort melden und zum Beispiel andeuten, dass es keine lohnende Ziele mehr gäbe. Die Verwendung von KI-basierten Systemen zur „Entscheidungsunterstützung“ führt in der Verbindung mit der entsprechenden Verfügbarkeit „kinetischer Wirkmittel“ zu einer anderen Praxis und damit vermutlich zu einer schleichenden Veränderung der Kriegführung. Durch eine Modulation weniger Parameter durch wenige Klicks können täglich, vermutlich innerhalb von Sekunden, hunderte neue Ziele von zweifelhaftem strategischem Nutzen freigeschaltet werden – ggf. nur, um die Ankündigungen des Oberbefehlshabers auf Truth Social und anderen „sozialen Netzwerken“ umsetzen zu können: Eine tendenzielle Entkoppelung fortgesetzter Zerstörung von ihren politischen oder strategischen Zielen.
Gesellschaftlicher und politischer Kontrollverlust
Was aber sind eigentlich die politischen oder strategischen Ziele der Unternehmen, welche die Technologien und Infrastrukturen für diese Art der Kriegführung bereitstellen? Diejenigen Technologien und Infrastrukturen, die weitgehend identisch sind mit jenen, die im Zuge der „Digitalisierung“ auch in die zivile Verwaltung, das Gesundheits- und zunehmend das Bildungswesen einsickern und den öffentlichen Raum zumindest insofern weitgehend beherrschen, als damit diejenigen technischen Medien gemeint sind, über die wir und v.a. die Politik hauptsächlich kommunizieren, Meinungen gebildet werden?
Da ist – oder war einmal – in erster Linie der Profit. Es existieren je nach Erhebungsmethode verschiedene Listen der zehn reichsten Menschen der Erde, mindestens sieben davon sind unmittelbar dem Bereich Big Tech/Big Data und damit der Grundlage des gegenwärtigen KI-Booms zuzurechnen. An der Spitze fast aller dieser Listen steht Elon Musk, Trump-Unterstützer und zumindest Proto-Faschist. Viele, v.a. die aktuellsten Statements der meisten westlichen Regierungen, auch Reden z.B. der EU-Kommissionspräsidentin, sind nur über seine Plattform X abrufbar. Musk ist zugleich ein Warlord der neuesten Generation, der offenbar persönlich darüber entscheidet, welche Kriegspartei in der Ukraine die Dienste von Starlink wo nutzen kann, und damit z.B. massivere ukrainische Angriffe auf die Krim verunmöglicht hat, die mit seiner Unterstützung möglich gewesen wären.
Palantir, das Unternehmen, das u.a. hinter dem von Alphabet/Google geerbten Projekt Maven steht, ist nach eigener Darstellung über seine Software ebenfalls an vorderster Front an taktischen Entscheidungen der ukrainischen Kriegführung und über MSS angeblich auch an der Zielfindung im Krieg gegen den Iran beteiligt. Hinter Palantir steht wiederum der extrem rechte Investor Peter Thiel, der einst gemeinsam mit Elon Musk Paypal gegründet und damit seine ersten Millionen verdient hat. Palantir als Unternehmen hat kürzlich auf X (Musk) das eingangs erwähnte 22-Punkte-Manifest veröffentlicht, das sich wesentlich an Thiels Buch „Die Technologische Republik […] und die Zukunft des Westens“ orientiert. Das Manifest ist offen rassistisch, predigt einen (KI-gestützten) Kulturkampf und fordert u.a. die „Beendigung der Nachkriegs-Kastration Deutschlands“.10 In den deutschen Leitmedien war Thiel zuletzt ein Thema, weil er in eines jener Startups (Stark Defence) investiert hatte, die weitgehend autonome Kamikazedrohnen für die Bundeswehr herstellen – potentiell autonome Waffensysteme, die trotz kurzfristiger Kritik an den Positionen Thiels nun per Beschluss des Bundestages für bis zu 2,9 Mrd. (stückchenweise, zunächst wohl nur für 270 Mio., da die Systeme offensichtlich noch nicht ausgereift sind) angeschafft werden sollen.11
Ähnlich dubios verliefen zuvor in Deutschland auf Länderebene verschiedene Vertragsabschlüsse der Innenministerien bzw. Polizeibehörden mit Palantir zur Nutzung von deren KI-basierten Software zur „Kriminalitätsbekämpfung“ und letztlich Massenüberwachung. Wer genau auf wessen Weisung unterschrieben hatte, blieb teilweise im Unklaren. In vielen Fällen stellten Verwaltungs- und Landesverfassungsgerichte die Rechtswidrigkeit der Anwendung der entsprechenden Software fest – mit der Konsequenz, dass die Polizeigesetze der Länder entsprechend angepasst oder eine undurchsichtige provisorische Anwendung beschlossen wurde.
KI: Deregulierung als globaler Wettbewerb
„Künstliche Intelligenz“ war von Anfang an ein Versprechen, das sich ans Militär wandte – und an Geldgeber*innen. Als Versprechen blieb sie fast zwangsläufig vage, entsprechend geeignet für Utopien und Dystopien gleichermaßen. Jetzt ist sie da, zumindest ist sie in aller Munde, begegnet uns täglich in den Schlagzeiten, ihren Inszenierungen, unserem alltäglichen Medienkonsum und der darin zunehmend integrierten persönlichen Kommunikation.
Es ist eine Künstliche Intelligenz, die wenige Menschen unverschämt reich und mächtig werden lässt, die dazu führt, dass Atomkraftwerke wieder hochgefahren, neue Gaskraftwerke gebaut werden, dass mit Milliarden-Subventionen Wälder für Rechenzentren und Chip-Fabriken gerodet werden. Es ist eine Künstliche Intelligenz, die in Gaza über Leben und Tod ganzer Familien entscheidet und in der Ukraine täglich tausende Drohnen in ihre menschlichen oder infrastrukturellen Ziele begleitet. Es ist eine Künstliche Intelligenz, die an vielen Orten schon lange mitentscheidet, wer Sozialleistungen erhält oder wegen Betrugs verfolgt wird. Es ist eine KI, die all das – Datenakkumulation, riesige Energiemengen, ständig aktualisierte Rechenkapazitäten und ihre laufende Erprobung in der Praxis braucht und voraussetzt. Es ist eine KI, die massiv von der krisenhaften Zuspitzung geopolitischer Konflikte und der Marginalisierung des Völkerrechts profitiert. Es ist eine KI, die vielleicht nur deshalb gerade in die Welt kommt, weil Staaten bereit sind, alles dafür zu tun (und aufzugeben), was ihnen den geringsten Vorteil im Wettlauf um die fortschrittlichste Software und die dafür nötigen Rechenkapazitäten verschaffen könnte. Es ist eine KI, die Deregulierung – vom Völkerrecht bis zum lokalen Baurecht – braucht.
Auf Ebene der Europäischen Union hatte auch der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz eine solche Deregulierungsinitiative in seiner Regierungserklärung vom 18. März angekündigt12 – obwohl ihm hierfür eigentlich die politische Kompetenz fehlt. Diese Regierungserklärung war mit Spannung erwartet worden, da sie eine Möglichkeit zur Positionierung der Bundesregierung im Hinblick auf den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg zweier enger Verbündeter – der USA und Israels – auf den Iran geboten hätte. Hierzu kamen jedoch nur zusammenhangslose Sprechblasen. Stattdessen wetterte Merz in AFD-Manier gegen die Brüsseler Bürokratie und kündigte in Elon-Musk-Manier an, aufzuräumen:
„[N]ichts anderes ist diese Bürokratie: überflüssige Wachstumshürden […]. Ich erwarte deshalb nicht mehr und nicht weniger, als dass die Kommission die Gesamtheit des gültigen EU-Rechts durchforstet. Zwei simple Fragen muss die Kommission dabei beantworten: Wo lassen sich bestehende Gesetze vereinfachen? Und wo können Überregulierungen ersatzlos gestrichen werden? Ich erwarte, dass die Kommission mit der gleichen Rigorosität, mit der sie in der Vergangenheit neue Regeln erlassen hat, heute prüft, wo und wie bestehende Gesetze und Gesetzesvorschläge zurückgenommen werden können, die unsere Bürgerinnen und Bürger, die unsere Unternehmen in Europa belasten. Was wir an Regulierung nicht brauchen, muss weg.“
Eine massive Deregulierung forderte Merz auch im Hinblick auf KI: „Wenn wir mehr industrielle künstliche Intelligenz made in Europe haben wollen – und wir haben die Akteure dieser Innovation dafür in Europa –, dann müssen wir die Regeln auf der europäischen Ebene schlanker und einfacher gestalten und auch hier mehr Freiräume schaffen. Europa reguliert auch im Bereich der künstlichen Intelligenz zu viel.“13
Und obwohl Merz persönlich und die CDU insgesamt keine eskalierende Weltlage und eskalierende KI-Kriegführung brauchen, um solch ein Programm anzukündigen, schließt sich hier doch der Kreis zum „Mythos“ von Anthropic und dem entgrenzten Einsatz von KI auf den Schlachtfeldern. Je mehr KI zur geopolitischen Wunderwaffe und globalen Gefahr wird, desto mehr sehen sich zumindest diejenigen Regierungen nahezu gezwungen, sie zu deregulieren, die im Konzert der Mächte in der ersten Reihe mitspielen wollen.
Kritische Analysen
Im Dezember 2025 hatte Francesca Bria in der Monde Diplomatique unter dem Titel „United States of Palantir“ einen vielbeachteten Beitrag veröffentlicht. Er beschreibt einen „grundlegenden Umbau des Staates“ in den USA, bei dem Tech-Unternehmen wie Palantir und Anduril, „an deren Software wichtige hoheitliche Aufgaben delegiert werden“, eine „Hauptrolle spielen“. „Dieser Trend zur ‚Privatisierung der Souveränität‘ setzt sich immer mehr auch in Europa durch“, so Bria weiter.14 Mitte 2025 bereits erschien ein kleines Büchlein des Philosophen und Mathematikers Rainer Mühlhoff mit dem Titel „Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus“ im Reclam-Verlag und wurde relativ breit besprochen.15 Mühlhoff arbeitet darin die strukturelle Nähe von Daten-, Reichtums- und Machtakkumulation einerseits und faschistischen und eugenischen Gesellschaftsbildern andererseits heraus. Den konkreten Aufhänger für Mühlhoffs Analyse bot der zweite Amtsantritt Trumps und die Einsetzung Musks als Leiter des Departement of Government Efficiancy (Doge) und deren putsch- und säuberungsartiges Vorgehen gegen den Verwaltungsapparat mit Mitteln der Daten- und Zugriffsaneignung und der KI. Anfang 2026 erschien beim Suhrkamp-Verlag das Buch „Was das Valley herrschen nennt“ von Adrian Daub,16 Literaturwissenschaftler in Stanford, quasi im Herzen des „Ökosystems“ Silicon Valley. Auf einem ganz anderen Weg – wie schon in seinem vorangegangenen Buch „Was das Valley Denken nennt“, nämlich aus Alltagserfahrungen und den konkreten Diskursen/Dispositiven des „Ökosystems“ – kommt er zu ähnlichen Schlüssen wie Mühlhoff, beschreibt aber ohne nennenswerte Bezüge zu Trump und damit einer hoffentlich endenden Legislaturperiode einen fundamentalen Bruch: „In den letzten fünf Jahren haben die [Startups und Big-Tech-] Unternehmen aufgehört, uns die Welt zu versprechen, und geben sich stattdessen damit zufrieden, sie zu dominieren“. Sie haben es nicht mehr nötig, sich einen irgendwie progressiven Anstrich zu verpassen, zelebrieren offen ihren Machtanspruch, benennen ihre Unternehmen nach explizit negativ konnotierten Fantasy-Ikonen.
Die Zuspitzung der KI-Kritik auf einen neuen Faschismus ist relativ neu und völlig berechtigt. Grundlegende Tendenzen hatte Joseph Weizenbaum 1978 bereits angedeutet,17 Cathy O’Neil hat in ihrem Buch „Weapons of Math Destruction“ (2016)18 früh die Asymmetrie herausgearbeitet, mit der Frauen und einkommensschwache Milieus besonders von (für sie) unhinterfragbaren, KI-generierten Verwaltungsentscheidungen betroffen sind. Kate Crawford hat mit ihrem „Atlas of AI“ 2021 – deutscher Untertitel: Die materielle Wahrheit hinter den neuen Datenimperien19 – den Blick auf den Ressourcenverbrauch Künstlicher Intelligenz geworfen und den damaligen, exkludierenden techno-zentrischen Blick auf konkrete, (post-)koloniale Arbeits- und Ausbeutungsverhältnisse geworfen, KI als einen Diskurs herausgearbeitet, der ein globales Machtverhältnis der Ausbeutung von Arbeit und Ressourcen kaschiert. In Deutschland erschien bei C.H. Beck 2025 das Buch „Digitaler Kolonialismus“ von Ingo Dachwitz und Sven Hilbig, welches ähnliche Strukturen weniger grundsätzlich, aber umso konkreter und lesenswert darstellt.20
Wachsender Widerstand
Doch der immer offener zutage tretende Machtanspruch der Tech-Unternehmen, die immer offener zutage tretenden Folgen von KI in ihrer Anwendung und v.a. aber auch ihrer Entwicklung bringen auch neue Sichtweiten, Allianzen und Widerstände hervor. So trafen sich vom 10. bis 12. April 2026 Hunderte von Menschen unter dem Titel „Cables of Resistance“ in Berlin zu einer „Bewegungskonferenz gegen Big Tech“. Es kamen tatsächlich Vertreter*innen aus unterschiedlichen Bewegungen zusammen: der Klima- und Umweltbewegung – wegen des durch KI wachsenden Energiebedarfs, des massiven Ausbaus von Gaskraftwerken, Rechenzentren und Chipfabriken; der (vielleicht eher akademischen) antifaschistischen Bewegung – wegen der sozialdarwinistischen, eugenischen und tw. offen faschistischen Ideologien der Big-Tech-Unternehmen und ihres langsamen Einsickerns in Politik und allgemeinen Diskurs; der queer-feministischen Bewegungen, der stadtpolitischen Bewegungen und natürlich auch der antimilitaristischen Bewegungen.
Das Bemerkenswerte war, dass die verschiedenen Bewegungen hier nicht um Relevanz konkurrierten, sondern soweit ersichtlich tatsächlich einen zusammenhängenden Problembereich sahen, dem es gemeinsam etwas entgegenzustellen galt. Zwar gab es relativ wenige Workshops und Podien, die explizit dem Themenstrang „Antimilitarismus“ zugeordnet waren – entsprechende Aspekte spielten aber an vielen Stellen eine Rolle. Es gab auch wenig erkennbare Brüche oder Konflikte zwischen eher reformistischen Ansätzen, die an die technische oder politische Lösbarkeit vieler der angesprochenen Teilprobleme glauben (wollten) und jenen, die einen grundlegenden Zusammenhang zwischen ihnen und den bestehenden Machtstrukturen hervorheben. In erstaunlicher Klarheit hieß es im zuvor von den Organisator*innen veröffentlichten Entwurf eines Manifestes zur Konferenz:
„Wir lehnen insbesondere ‚Künstliche Intelligenz‘ grundsätzlich ab und halten Gegenwehr für dringend nötig, um zerstörerische Soft- und Hardware unschädlich zu machen und den technokratisch-autoritären Umbau von Gesellschaften zurückzudrängen.“21
Wer sich eine Konsequenz dieser Ablehnung gar nicht mehr vorstellen kann, dem sei z.B. die Lektüre von Josefine Rieks Roman „Serverland“ von 2018 empfohlen: Ein Near-Future-Szenario, das einige Jahre nach der Abschaltung des Internets spielt; in einer Generation, die in einer nur leicht entschleunigten und deglobalisierten Welt ohne Big Data aufgewachsen ist und Partys in den stillgelegten und zerfallenden Rechenzentren am Rande der Städte feiert. Science Fiction muss nicht immer dystopisch sein; ein politisches Programm allerdings auch nicht.
Anmerkungen
1 Angela Göpfert: Von ‚Techno-Faschismus‘ und Milliardengeschäften, www.tagesschau.de (28.4.2026).
2 Vgl.: „Das Grundrechtekomitee lehnt Palantir-Gesetze und biometrische Rasterfahnung ab“, www.grundrechtekomitee.de (1.4.2026).
3 Karl Hans Bläsius: Künstliche Intelligenz und Krieg – Welche Risiken entstehen, wenn der Mensch die Kontrolle verliert?. Springer, Februar 2026 (S.65ff).
4 Paul Mozur, Adam Satariano: Anthropic’s New A.I. Model Sets Off Global Alarms, www.nytimes.com (22.4.2026).
5 Yuval Abraham: ‘A mass assassination factory’: Inside Israel’s calculated bombing of Gaza, www.972mag.com (30.11.2023) und Yuval Abraham: ‘Lavender’: The AI machine directing Israel’s bombing spree in Gaza, www.972mag.com (3.4.2024).
6 Christoph Marischka: AI-based Targeting – The Case of Gaza, Paper presented at the Pre-Conference Workshop “Imaginations of Autonomy: On Humans, AI-Based Weapon Systems and Responsibility at Machine Speed”, 22-24 May 2024, at the Paderborn University, veröffentlicht unter: https://www.imi-online.de/download/MeHuCo-Gaza-Paper-Editiert.pdf.
7 Arbeitskreis gegen bewaffnete Drohnen, Informationsstelle Militarisierung, Forum InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung: Mythos ‚Targeted Killing‘: Gegen die Rationalisierung von Krieg, https://berlinergazette.de (9.5.2024).
8 Philipp Weimar, Kira Drössler, Jasmin Klofta: Wie Algorithmen Angriffe beschleunigen, www.tagesschau.de (23.4.2026).
9 Piotr Heller: KI kämpft in Iran längst mit, www.faz.net (10.03.2026).
10 L.S.: Vom Tech-Feudalismus zum Tech-Faschismus?, www.imi-online.de (22.4.2026).
11 Christoph Marischka: Zur Ökonomie des Drohnenkrieges, www.imi-online.de (24.4.2026).
12 Deutsche Bundesregierung: Regierungserklärung von Bundeskanzler Friedrich Merz zum Europäischen Rat am 19./20. März 2026 vor dem Deutschen Bundestag am 18. März 2026 in Berlin, www.bundesregierung.de.
13 Ebd.
14 Francesca Bria: United States of Palantir, monde-diplomatique.de (13.11.2025).
15 Rainer Mühlhoff: Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus. Reclam, Juli 2025.
16 Adrian Daub: Was das Valley herrschen nennt. Suhrkamp, 2026.
17 Joseph Weizenbaum: Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft. Suhrkamp, 1978.
18 Cathy O’Neil: Weapons of Math Destruction. Crown Books, 2016.
19 Kate Crawford: Atlas der KI – Die materielle Wahrheit hinter den neuen Datenimperien. C.H.Beck, 2024.
20 Ingo Dachwitz, Sven Hilbig: Digitaler Kolonialismus – Wie Tech-Konzerne und Großmächte die Welt unter sich aufteilen. C.H. Beck, 2025.
21 „Manifest 1.0“, https://cableresist.de/de/.
Hechingerstr. 203
72072 Tübingen Tel: 07071/49154 Fax: 07071/49159
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