Die Odyssee [Part ll] – Mythen und Befreiung
Sebastian Lotzer 13. Juni 2026
“Die apokalyptische Idealisierung ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Es ist die lineare Welt, die von innen her untergeht. Apokalyptische Logik existiert in einer geistigen, mentalen und emotionalen toten Zone, die sich selbst kannibalisiert. Es sind die Toten, die auferstanden sind, um alles Leben zu verschlingen.
Unsere Welt lebt, wenn ihre Welt aufhört zu existieren.
Als indigene Anti-Futuristen sind wir die Konsequenz aus der Geschichte der Zukunft der Kolonisatoren. Wir sind die Konsequenz aus ihrem Krieg gegen Mutter Erde. Wir werden nicht zulassen, dass das Gespenst der Kolonisatoren, die Geister der Vergangenheit, in den Ruinen dieser Welt spuken. Wir sind die Verwirklichung unserer Prophezeiungen.
Dies ist die Wiedererstehung der Welt der Zyklen.
Dies ist unsere Zeremonie.
Zwischen den stillen Himmeln. Die Welt atmet wieder und das Fieber lässt nach.
Das Land ist still. Es wartet darauf, dass wir zuhören.”
Die Apokalypse neu denken – Ein indigenes anti-futuristisches Manifest [1]
Ja, das ist eine Möglichkeit, die Welt zu sehen, zu begreifen, sie wirklich wahrzunehmen. Sie ist vielleicht wahrer als alle anderen Perspektiven, sie speist sich aus einer spirituellen Welt, die in den Vorstellungen der indigenen Völker existierte, bevor die sogenannten Hochkulturen, aus denen das Elend, das sich heute Zivilisation nennt, hervorging, sie mit Genozid, Pocken und militärischer Technik praktisch auslöschte. Sich darin wiederzufinden, seine eigene Sehnsucht inmitten des Abfucks, in dem wir unser Leben tagtäglich fristen, wieder zu entdecken, kreierte schon in den 70er und 80er in den autonomen Bewegungen in Italien und Deutschland die “Stadtindianer”, die 1977 den PCI Vorsitzenden Lama aus der Uni von Rom prügelte, in nicht nur einem Manifest der Westberliner Hausbesetzerbewegung hieß es “Nur Stämme werden überleben”. Aber wir, die wir aus der materialistischen Welt des Westens kommen, können nicht fliehen aus unserer Geschichte, unserer Verantwortung, unseren Begrenzungen. Physisch, psychisch, spirituell. Wir sind körperlich und geistig gefangen, unsere einzigen Perspektiven ergeben sich aus dem historischen materialistischen Antagonismus, den wir repräsentieren. Alles andere sind für uns schön erzählte Sagen und Märchen – Der mit dem Wolf tanzt – aber so wie sich am Ende von ‘Dances with Wolves’ die Welten, bei aller Neugier aufeinander und Liebe füreinander, sich wieder voneinander verabschieden müssen, so müssen wir unser Glück in dem absurden Schicksal von Sisyphos entdecken, wir haben keine andere Wahl, denn “der Felsen ist unsere Sache”, wie uns Camus in “Der Mythos des Sisyphos“ lehrt.
Dass “die Katastrophe nah ist”, ist keine Entdeckung irgendwelcher Bewegungsmanager, die sich nach dem kläglichen Dahinsiechen von ‘Ende Gelände’ nun als Gurus der ‘Klimakollapsbewegung’ inszenieren. Die militante Bewegung in Frankreich und der BRD der 70er gegen die “zivile” Nutzung der Atomkraft speiste sich eben aus diesem Bewusstsein, ein Großteil der jugendliche Revolte der 80er in der BRD und Westberlin generierte sich Jahrzehnte vor ‘Fridays for Future’ aus der Wut über den ökologische Raubbau, allerdings ohne den appellativen, partizipatorischen Touch der neuen “Ökos”.
Die “Bewegung gegen den imperialistischen Krieg”, die sowohl in den Straßenschlachten 1981 und 1982 bei den Staatsbesuchen von Haig und Reagan in Westberlin als auch in dem Versuch des Aufbaus einer „antiimperialistischen Front” durch RAF, Action Directe, und zahlreichen nicht untergetauchten Militanten ihren Ausdruck fand, entstand im drohenden Schatten der plötzlichen Vernichtung der “Welt wie wir sie kennen” im atomaren Winter nach dem nuklearen ‘Schlagabtausch’ der Großmächte.
Es gibt keinen Zweifel an der Dringlichkeit und dem überschaubaren Zeitfenster das zur Verfügung steht um dem Kapitalismus den Garaus zu machen, genau deshalb gilt es sich zu wenden gegen den Defätismus der selbst in jenen Kreisen en vogue ist, die von sich behaupten, erklärte Feinde des Systems zu sein. Geschichte ist immer ein absolut offener Prozeß, wer meint, die Erde in 10 Jahren zu kennen, unterscheidet sich letztendlich nicht von den esoterischen Spinnern mit ihren Tarotkarten und Glaskugeln, aus denen sie die Zukunft zu lesen meinen zu können. In der gegenwärtigen Zuspitzung mit der allgegenwärtigen Tendenz zum Krieg, der Automatisierung des Lebens selbst und dem rasanten Tempo mit dem die ökologische Verwüstung voranschreitet, gilt es einen ‘kühlen revolutionären Kopf zu bewahren’. Die Aufstände und Revolutionen von 1917 ff generierten sich eben aus den sozialen und gesellschaftlichen Verwerfungen des 1. Weltkrieges, inmitten der Barbarei, dem Inferno, verdichtete sich die historische Zeit, brachen Zaren – und Kaiserreiche über Nacht zusammen, schien der revolutionäre Horizont zum Greifen nah. Geschichte zu verstehen, sie sich anzueignen, vor allem die eigene, ist unverzichtbar, wenn man antritt, wirklich selbst Geschichte schreiben zu können.
“Letztendlich geht es bei der Revolution nicht nur um die eingesetzten Mittel, sondern um ihren Inhalt. Nur durch den Kampf selbst werden sich vielmehr die für diese Kontexte geeigneten praktischen und organisatorischen Formen herauskristallisieren. Und es ist Aufgabe der Revolte, in der Lage zu sein, mögliche Handlungswege ausgehend von der gegenwärtigen Situation und den aus früheren Kampfzyklen gewonnenen Erkenntnissen zu identifizieren. Sei es in Situationen, die wir selbst herbeiführen können, vor allem aber in den Gelegenheiten, die sich unangekündigt ergeben. Anders ausgedrückt: Man muss sich politisch auf das Unvorhersehbare vorbereiten. Historisch gesehen fanden „revolutionäre Situationen“ in Kontexten statt, die sie unmöglich erscheinen ließen. Das Ende der kapitalistischen Normalität wird innerhalb ihrer eigenen Normalität immer unwahrscheinlich erscheinen, bis etwas in sie einbricht und die Revolution wieder zu einer materiellen Möglichkeit wird.”
Colapso y Desvío – Anmerkungen zur Organisierung und Praxis für die kommenden Kampfzyklen [2]
Die einzig relevante Frage, die es zu diskutieren gibt, ist die, was aus den aufständischen Bewegungen, den Gründen ihrer Begrenzungen, den Bedingungen ihrer historischen Niederlagen, den Wurmfortsetzungen ihrer antagonistischen Kerne zu lernen ist. Genau diese Anstrengung, die im Angesicht der Härte des Aufpralls des aufständischen Zyklus der letzten Jahre im wahrsten Sinne des Wortes eine enorme herausfordernde seelische und geistige Anstrengung bedeutet, scheint derzeit das Dilemma der weltweiten Signalmeldungen und Diskurse zu sein, die sich ernsthaft mit der ‘revolutionären Frage” beschäftigen.
“Nachdem die Revolte endgültig der Vergangenheit angehört, fällt es mir schwer, etwas Sinnvolles zu sagen. Auch auf die Gefahr hin, melodramatisch zu klingen, wenn Normalität und Stabilität wieder die Oberhand gewinnen, sehe ich ehrlich gesagt keinen Sinn darin, irgendetwas zu tun, und selbst die banale Tätigkeit des Lebens kann sich als ziemlich zäh erweisen. Darüber hinaus würde ich wetten, dass jeder von uns mit diesem Zustand vertraut ist, in dem diese Anstrengung von einem gewissen Maß an Leid begleitet wird, das von leichtem Unbehagen bis hin zu schwersten Qualen reicht.”
Idris Robinson – Postskriptum: Über den Schmerz [3]
Es gilt den Schmerz ernst zu nehmen, von dem Idris hier spricht, darüber hinweg zu gehen, gebärt jene ideologische Traurigkeit, die sich in der Inflation und Dominanz der neuen K-Gruppen ebenso materialisiert wie sie sich schon in den traurigen Überresten und Verhärtungen der diversen militanten und bewaffneten Gruppierungen in Italien Ende der 70er manifestierte. Es gibt dann nur noch das Ringen um die eine “richtige Linie” und den Zwist bis hin zum “Brudermord” unter den Angehörigen der bewaffneten Gruppen. Die Allermeisten allerdings brechen einfach mit ihrer Geschichte oder werfen ihr Leben buchstäblich weg durch Suizid oder harte Drogen. Nanni Balestrini hat immer wieder eindringlich an die Zehntausenden von jungen Proleten aus dem Süden erinnert, für die die Bewegung der 70er alles, ihr ganzes Leben war, und die nach dem Scheitern der Bewegung an der Nadel hingen.
Erfahrungen, die sich nicht nur in der Vergangenheit ereigneten, sondern sich, Geschichte als Tragödie oder Farce, ebenso im heutigen Chile nach dem Zusammenbruch der Revolte von 2019 wiederholen und worauf ‘Colapso y Desvío’ in ihrem Absatz von ‘Anmerkungen zur Organisierung..‘ zu dem ‘Problem des Racket’ [4] eingehen
“Informelle Gruppierungen, kleine Gruppen, die miteinander um Anhänger konkurrieren. Sie widmen sich der Konspiration und der Verbreitung der Ideen des jeweiligen Lagers, das sie vertreten (oder zu vertreten vorgeben). Sie sind nicht in die institutionellen Strukturen eingebunden und stehen diesen mehr oder weniger kritisch gegenüber. Je nach ihrer Praxis und ihrem Diskurs können sie ausdrücklich verboten sein oder auch nicht. Sie neigen dazu, die ideologische Reinheit ihrer Mitglieder zu verteidigen, was zu gewaltsamen Säuberungen und Spaltungen führt und dabei weitere Sekten hervorbringt. Die Unterdrückung innerer Minderheitenströmungen ist unerlässlich, um den ideologischen Purismus und die militante Disziplin der Sekte zu wahren…”
und
“Das Problem des ‚Rackets’ ist vielleicht die wichtigste Herausforderung, vor der die Organisierung steht. Dies verschärft sich in Zeiten wie der unseren, in denen die Niederlage noch frisch in Erinnerung ist, bis zu dem Punkt, an dem das Fortbestehen der Organisationen kontraproduktiv erscheint. Die Organisierung kann nicht nur das revolutionäre Projekt an neue Generationen weitergeben, sondern auch die Form des Rackets fortsetzen, indem sie den Neuzugängen den ideologischen Purismus, das Sektierertum und die Laster früherer Generationen vererbt.”
Wir stehen also vor einer komplexen Polykrise der ‘revolutionären Frage’
Erstens: Das Erbe der gescheiterten historischen Linken, die trotz ihrer Irrelevanz für den revolutionären Prozess diesen immer noch in diversen Formen, u.a. durch ihre diskursive Macht, die sich auch in der Eigentumsfrage der diversen Medien äußert, blockieren und sabotieren kann. Die immer noch in der Lage ist, gerade junge Menschen “abzufischen”, die nach Ausdrucksformen für ihre rebellische Haltung sind (siehe in Deutschland die unendliche Eventmaschinerie von IL und Co, von ‘Widersetzen’ bis zu “Ende Gelände” oder der “Rheinmetall-Kampagne”).
Zweitens: Wir befinden uns in einer analytischen Krise. In den letzten Jahren sind aberhunderte von klugen und ehrlichen, aufwühlenden Berichten und Einschätzungen zu den zahllosen Revolten und Aufständen erschienen, die den Globus umspannt haben. Aber so, wie alle diese Revolten den Punkt erreichten, in denen sie in sich zusammenfielen, ohne die Perspektive des revolutionären Horizonts zumindestens ansatzweise skizzieren zu können, so stagniert die revolutionäre Reflexion darüber eben genau auch an diesem Bruchpunkt. Vielleicht aber ist es auch so simpel und doch zutreffend wie es Emilio Quadrelli [5] formuliert hat, auch wenn er das Problem an dieser Stelle anders fasst:
“Die historische Partei ist die Klassensubjektivität, die formale Partei ist die politische Form, in der die Subjektivität verkörpert ist. Dieses Verhältnis kann nur das Ergebnis eines historisch bestimmten Szenarios sein und nicht das Ergebnis des individuellen Willens.”
Drittens: Das ‚Racket-Problem‘, wie es die chilenischen Genoss*innen nennen. In Deutschland, wo es kaum noch organisatorische Überreste aus der letzten Bewegung der Revolte gibt, tritt dieses Problem in Form der “Wiedergeburt” der K-Gruppen und der diversen “postkolonialen Zusammenhänge” auf, die beide schon lange totgeglaubte sektiererische Muster und theoretische Versatzstücke reproduzieren. Teilweise in personeller Überschneidung: So findet sich hinter der gleichzeitigen Gründung diverser ‘Migrantifa’-Gruppen nach dem Attentat von Hanau teilweise kein migrantischer Selbstorganiserungsprozeß in Analogie zu Antifaşist Gençlik [6], auch wenn genau das behauptet wird, sondern die Kaderpolitik linker Sekten, vor allem trotzkistischer Prägung. Dies drückt sich dann auch in der Bündnispolitik zum 1. Mai in Berlin oder der alljährlichen Hanau-Gedenkdemo in Berlin aus, die explizit die Wünsche der Hinterbliebenen der Opfer des faschistischen Anschlags von Hanau missachtet.
Das unsägliche Schauspiel der bundesweit beworbenen Demo in Leipzig-Connewitz “gegen die Antideutschen” reproduziert dann 1:1 den “Kampf um die richtige, einzige Linie” der K-Gruppen der 70er, die damals häufig in Massenschlägereien endeten. Abschreckend erinnert sei auch an die Abrechnungen der türkischen Exillinken untereinander, das blutigste Beispiel war der interne Machtkampf um die “richtige” Linie innerhalb von Dev-Sol. die auch in Massenschlägereien und Schiessereien ausartete und ihren traurigen Höhepunkt in einer Konfrontation am Kottbusser Damm fand, bei der ein Mensch erschossen wurde. Notwendigerweise muss an die Brutalität dieser ideologischen ‘Racket-Auseinandersetzungen’ erinnert werden, in der derzeitigen Zuspitzung, die sich andeutet, sind solche Ereignisse auch für die Zukunft nicht auszuschließen.
Viertens: Die Erzählung vom ‘Ende der Geschichte’, diesmal aus linker, teilweise anarchistischer Perspektive. Wenn alles untergeht, die Erde, wie wir sie kennen, dem Untergang geweiht ist, kann man sich nur in der Katastrophe “einrichten”. Darin “einrichten” und “weiterkämpfen” sind in dieser Erzählung kein Widerspruch, sondern Bedingung. Um “das Ende” “zu überleben” muss man sich “vorbereiten”, viele heutige Anarchist*innen tun so, als wenn sie die “gegenseitige Unterstützung” neu erfunden hätten [7]. Es wird tief in der Psycho-Ecke gekramt und statt Gegenmacht aufzubauen, bzw. sich Gedanken darüber zu machen, wie man das anstellen kann, wird “Empowerment” genauso geschichtslos propagiert wie “Mutual Aid”, Hautsache Denglisch. Das eigentliche Problem ist nicht die individuelle Erwartungshaltung, jeder und jede kann sich das Ende der Welt vorstellen, wie er oder sie will und sich auch gerne darauf vorbereiten, das Problem ist die Demobilisierung, die mit dieser Erwartungshaltung einhergeht. Wer will schon sein Leben dem Kampf widmen, wenn der Kahn eh schon am sinken ist. Dann doch lieber ein letzter Tanz.
So wie beim ganzen ideologischen Quatsch mit dem “Das guten Leben für alle” – das eben nur auf der Grundlage der Ausbeutung des Trikonts durch die Metropole möglich ist, weil es ein zutiefst materialistisches “gutes Leben” meint – kommt der “Hedonismus” also mal wieder um die Ecke. Statt weltweite Klassensolidarität und Umverteilung der Besitzverhältnisse Privilegien für mich und die ‘Meinen’, wer auch immer diese ‘Meinen’ seien. Die Berliner Szene ist ja schon seit Jahrzehnten diesem Prozess weit voraus. Wo früher überall für die ‘Knastkasse’ gesammelt und “enteignet” wurde und einmal im Monat ein Tanzvergnügen im Mehringhof “für den guten Zweck” genügte, jagt seit langem jedes Wochenende eine “Soliparty“ die nächste. Jeder rechte Angriff, jedes staatliche Massaker fernweg, jeder Bullenübergriff löst sofort heftige Gegenwehr in Form der entschlossenen Organisierung einer “Soliparty” aus. Tanz mit mir den Untergang. Bitte blackblock dresscode.
Fünftens: Das Problem, das Idris Robinson in “Über den Schmerz” beschreibt, sollte als nicht als zu gering geachtet werden. Geschichte ereignet sich innerhalb von Gesetzmäßigkeiten, aber sie wird letztendlich von Subjekten gemacht. Zwischen Hoffnung, Euphorie und tiefster Depression liegen manchmal nur Tage, ja Stunden. Alles, was an Begehren, an tiefsten Sehnsüchten in den Aufständen freigelegt wird, Raum haben darf, findet sich schlagartig in einem Vakuum wieder. Die Brüderlichkeit, die Geschwisterlichkeit im Kampf, die zu erleben vielen der Leser*innen dieser Zeilen vielleicht schon gegeben war, lässt sich nur sehr schwierig in der post-aufständischen Dürre weiter am Leben halten. Gleichzeitig steigen die Ansprüche an sich selbst und die anderen, künstlich werden Binnenverhältnisse am Leben erhalten, die nicht mehr die realen Beziehungen der Subjekte zueinander und zu sich selbst ausdrücken. Die einen entziehen sich dem Druck und “steigen aus”, die anderen igeln sich immer mehr in ihrer “Kader-Mentalität” ein. Je abstrakter “der Kampf” wird, desto mehr wirken diese Zentrifugalkräfte. Jeder und jede kennt diese Erfahrung, in der Blütezeit einer Bewegung gibt es keinen anderen Ort, an dem man sein möchte, gibt es nichts, was man vermisst, was noch zu wünschen wäre. Im Niedergang, in der Agonie einer ‘politischen Szene’ “sind die Hölle immer die anderen”, wie Sartre sagte. Die hohe Kunst und die Anforderung dieser Zeit ist es vielleicht, gleichzeitig zu träumen und trotzdem mit beiden Beinen fest auf dem Boden zu stehen. Die Realität anzuerkennen und trotzdem ihr die Gefolgschaft zu verweigern.
“Das einzige, was in der Lage ist, die Gesamtheit dessen transversal in einer historischen Partei zu vereinen, was aus dieser Gesellschaft ausbrechen will, ist das Verständnis der Situation, all das, was sie schrittweise lesbar macht, all das, was die Bewegung des Gegners unterstreicht, all das, was die praktikablen Wege und die Hindernisse in identifiziert – das Systematische der Hindernisse.”
Das Unsichtbare Komitee – Jetzt
Anmerkungen
[1] Die Apokalypse neu denken – Ein indigenes anti-futuristisches Manifest (https://bonustracks2.noblogs.org/post/2023/01/26/die-apokalypse-neu-denken/)[2] Colapso y Desvío – Anmerkungen zur Organisierung und Praxis für die kommenden Kampfzyklen (https://bonustracks2.noblogs.org/post/2026/06/12/anmerkungen-zur-organisierung-und-praxis-fuer-die-kommenden-kampfzyklen/)[3] Idris Robinson – Postskriptum: Über den Schmerz (https://sunzibingfa.noblogs.org/post/2022/06/26/postskriptum-ueber-den-schmerz/)[4] ebd.: Colapso y Desvío – Anmerkungen zur Organisierung und Praxis für die kommenden Kampfzyklen[5] Emilio Quadrelli – It’s Only Rock ‘n’ Roll (https://bonustracks2.noblogs.org/post/2023/08/28/es-ist-der-kampf-der-die-organisation-schafft-die-zeitung-la-classe-an-den-ursprungen-der-anderen-arbeiterbewegung-5/)[6] Zur Geschichte von Antifaşist Gençlik gibt es sehr unterschiedliche Darstellungen, ich möchte an dieser Stelle an den Text von Fatma erinnern, die sich letztes Jahr das Leben genommen hat. Diesen Text hat sie kurz vor ihrem Tod noch veröffentlicht und er war ihr wichtig. Da dieser auf Indymedia erschien, was häufiger beim Aufrufen Probleme macht, der Verweis auf meinen Nachruf auf Fatma, an den ich den Text von ihr angehängt habe.
https://kontrapolis.info/17122/
[7] Wenn man regelmäßig CrimethInc liest, bekommt man den Eindruck, die Eruption gegen die rassistische Razzia Politik von ICE sei eine anarchistische „Erfolgsgeschichte“. Dabei wurzelte der Widerstand in den Twin Cities in den schon seit Jahren bestehenden Netzwerken vor allem der Latino Community. Eine zwar auch anarchistische Perspektive, die aber die Selbstorǵaniserung der Klasse im Zentrum der Überlegungen stellt, liefert der Artikel ‘Arbeiterwiderstand gegen ICE’ (https://bonustracks2.noblogs.org/post/2026/05/29/arbeiterwiderstand-gegen-ice/)
wird fortgesetzt…
„Sicherheit ohne Überwachung“ – Hunderte bei Demonstration in Berlin gegen geplantes Sicherheitspaket
14.06.2026 um 15:30
In Berlin fand am Samstag eine Demonstration gegen die bereits durchgesetzten Überwachungsmaßnahmen und das geplante „Sicherheitspaket 2.0“ statt. Dies ermöglicht der Polizei bundesweit uneingeschränkte KI-Überwachung und Zugriff auf alle persönlichen Daten im Netz.
Erst vor wenigen Monaten wurden die Befugnisse der Berliner Polizei und Sicherheitsbehörden in Bezug auf Überwachung ausgeweitet. Mit Baden-Württemberg wird jetzt bereits in vier Bundesländern die auf Künstlicher Intelligenz beruhende Überwachungssoftware Palantir genutzt.
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) scheint dies jedoch noch immer nicht genug zu sein: Er plant nun einen weiteren Ausbau der Überwachung mit dem bundesweiten „Sicherheitspaket 2.0“, das bereits vom Kabinett bestätigt wurde und noch vor der Sommerpause vom Bundestag beschlossen werden soll. Das Paket sieht vor, der Polizei und den Sicherheitsbehörden die Befugnisse und technischen Mittel an die Hand zu geben, um alle Bilder, Chats und andere Daten im Internet auswerten und durchsuchen zu lassen.
In Berlin und in Kiel fanden gegen dieses Paket und die allgemeine Überwachung vergangenen Samstag Demonstrationen mit mehreren hundert Teilnehmer:innen statt. Aufgerufen hatte in Berlin das Netzwerk Sicherheit ohne Überwachung. Der Name des Netzwerks diente gleichzeitig als Motto der Demonstration.
Das Ende der Privatsphäre?
„Die Privatsphäre im öffentlichen Raum wird abgeschafft“, beschreibt eine Rednerin des Netzwerks in ihrer Rede die Auswirkungen des geplanten Sicherheitspakets. Ein anderer Redner des Netzwerkes kritisierte, dass mit dem Paket die „Zweckbindung“ der Daten aufgehoben werde. Laut Artikel 5 der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) dürfen personenbezogene Daten nämlich nur für den Zweck verwendet werden, für den sie ursprünglich erhoben wurden.
Das Sicherheitspaket 2.0 sieht jedoch vor, dass die Polizei alle Daten, die aus egal welchem Grund erhoben wurden, auswerten und verwenden darf. Ganz egal, ob diese zum Beispiel aus medizinischen Gründen ermittelt oder privat auf Social-Media-Plattformen geteilt wurden.
Der Republikanische Anwält:innenverein kritisierte auf der Demonstration ebenfalls, dass dieses Paket eingeführt werden soll, obwohl das Bundesverfassungsgericht im Jahr 2023 ein ähnliches Gesetz in Hessen bereits als verfassungswidrig erklärt hatte. Auch prangerte die Organisation an, dass diese Technologie eingesetzt werden könne, wann immer die Polizei es wolle – ohne jedweden richterlichen Beschluss oder Ähnlichem.
Des Weiteren sieht der Verein eine Gefährdung der Versammlungs- und Meinungsfreiheit in dem Sicherheitspaket 2.0: „Wer weiß, dass sein Gesicht gescannt wird, wenn er auf die Straße geht, der überlegt sich das zweimal.“
Kämpferische Demo entlang „kriminalitätsbelasteter Orte“
Die Demonstration startete an der Warschauer Straße in Berlin-Friedrichshain. Teilnehmer:innen hatten selbstgebastelte Überwachungskameras auf PVC dabei, um auf die Überwachung aufmerksam zu machen und um das Thema der Demonstration von außen sichtbar zu machen. Manche Kameras waren mit der Aufschrift „Palantir“ oder „KI-Analyse“ versehen.
Die Demonstrationsroute führte entlang verschiedener sogenannter „kriminalitätsbelasteter Orte“ (KBO), die im Fokus der neuen Überwachungsmaßnahmen stehen sollen. Dazu gehören zum Beispiel der Wrangelkiez und Görlitzer Park sowie die Warschauer Brücke. Am Görlitzer Park, den die Berliner Behörden mittlerweile umzäunt haben, gab es noch eine Zwischenkundgebung.
Mit Parolen wie „Palantir – nicht mit mir“, „Überall Gesichtserkennung – nirgendwo Gerechtigkeit“ und „BRD Überwachungsstaat, wir haben dich zum Kotzen satt“ zog die Demonstration schlussendlich laut und kämpferisch in Richtung Rio-Reiser-Platz in Kreuzberg, wo sie nach einer Abschlusskundgebung ihr Ende fand.
Anmerkungen zur Organisierung und Praxis für die kommenden Kampfzyklen
12 Juni 2026 — Von Bonus Tracks (source)
Colapso y Desvío
„Den Blick auf das zu richten, was anderswo geschieht, kann uns eine Atempause verschaffen, die uns Kraft und Mut gibt, wenn unser ‚Zuhause‘ düster und unerträglich wird. Denn irgendwo auf dieser Erde wird es immer Menschen geben, die sich organisieren, die es versuchen, die nicht aufgeben.”
Manifiesto – Los Pueblos Quieren
1. Die Aufstand und seine Formen
Trotz des Fatalismus, den unsere Gegenwart natürlich hervorrufen mag, sind Völkermorde, Vertreibung und Umweltkatastrophen nicht die einzige Seite der Zeit, in der wir leben. Die Revolten, wenn auch punktuell und – wie könnte es anders sein – widersprüchlich, machen die Fragilität des gegenwärtigen Zustands deutlich und zeigen letztlich die Möglichkeiten des Lebens und der Selbstorganisation auf, die sich in den Lücken der Ordnung und den Zwischenräumen der kapitalistischen Logik finden. Im Laufe einiger Monate, während der vorangegangenen Aufstandswelle, sowohl in China als auch in Ecuador, Chile und den Vereinigten Staaten, erprobten die verschiedenen Aufstandsbewegungen fast zeitgleich neue (oder manchmal auch nicht ganz so neue) Formen, ihren Kampf zu organisieren, miteinander in Beziehung zu treten und den Raum, den sie durchlebten, zu nutzen. Aus diesen Erfahrungen ragen verschiedene Aktionen, Gesten, Affekte und praktisches Wissen hervor, die, soweit sie sich als wirksam erwiesen, auf die gesamte Aufstandsbewegung übertragen werden sollten und so den Verlauf des Kampfes in verschiedenen Gebieten beeinflussten. Die Verbreitung des Wissens über diese Kampferfahrungen aus anderen Gebieten und über die eigenen Erfahrungen aus der Vergangenheit ist ein grundlegender Moment in der Entwicklung jedes Aufstands.
Dies gilt beispielsweise – um nur einige zu nennen – für die Sabotage von Maschinen der Rohstoffindustrie, massive Plünderungen, Schwarzfahren in der U-Bahn, das Anzünden strategischer Infrastruktur sowie die Zerstörung symbolträchtiger Denkmäler der Geschichte der herrschenden Ordnung (die „Vandalismusakte“ an Statuen kolonialer Persönlichkeiten und das Anzünden der Kirche der Carabineros). Aber auch die Suppenküchen, die Barrikaden, Erste-Hilfe-Gruppen, selbstorganisierte Versammlungen und die praktische Solidarität mit politischen Gefangenen sowie andere Formen aktiver Solidarität, die darauf abzielen, uns im Alltag zu stützen. Jede Aktion, sei sie defensiv oder offensiv, wird im Arsenal proletarischer Strategien und Taktiken (im weitesten Sinne) verzeichnet. Der Übergang von einem Kampfzyklus zum nächsten ist meist dadurch gekennzeichnet, wie die verschiedenen praktischen und organisatorischen Formen, die die Aufstände der Vergangenheit prägten, aufgegeben und/oder an die Gegenwart angepasst werden. Der Erfolg dieser Anpassung zeigt sich in dem Maße, in dem die Revolte in der Lage ist, das Potenzial bestimmter Praktiken weiterzuentwickeln oder sie durch ihre Metamorphosen und Anpassungsprozesse aufrechtzuerhalten.
Ein aktuelles Beispiel für diese Entwicklung könnte der Übergang vom Niederbrennen der Polizeiwache in Minneapolis [1] (2020) zum Niederbrennen des Parlaments in Nepal (2025) sein. Wir möchten klarstellen, dass wir damit weder eine Verherrlichung der Pyromanie meinen, noch dass die Demonstranten, die im vergangenen Jahr das Parlament in Brand gesteckt haben, die Praktiken des schwarzen amerikanischen Proletariats studiert hätten, sondern dass ihr Motiv eine praktische Intuition war, die spontane Gewalt auf die Machtzentren lenkt. Eine spontane Form der „Organisation des Chaos jenseits jeglicher Kontrollmaßnahmen“ [2], so paradox das auch klingen mag. Wir wissen, dass es nicht ausreicht, ein paar Gebäude anzuzünden, um die Revolution zu machen; es geht darum, einen Zustand der Unregierbarkeit herbeizuführen, in dem die Ordnung nicht einfach wiederhergestellt werden kann, in dem die Institutionen überfordert sind und keine Antwort geben können und ihre Begrenzungen und Ineffizienz offenbaren. Gleichzeitig liefert die Eindämmung des Aufstands in Nepal einige wichtige Erkenntnisse darüber, wie Macht durch die Anpassung an digitale Technologien wiederhergestellt werden kann (wir beziehen uns auf die Wahl der ersten interimistischen Premierministerin über Discord im Oktober 2025).
Andererseits zeigt dies auch, dass die Entwicklung des offensiven Kampfes nicht vom defensiven Kampf getrennt werden kann, nicht davon, den Raum zu beleben, in dem gekämpft wird, und nicht davon, Selbstversorgung und Gegenlogistik ebenso zu berücksichtigen wie die Taktiken des Straßenkampfes. Seit einiger Zeit sind es die Aufstände, die Besetzungen von Plätzen und Universitäten und vor allem die ZAD (aus dem Französischen: zone à défendre) sowie der Kampf der indigenen Völker die Kontexte, in denen die notwendigen Infrastrukturen entstehen, um den Kampf langfristig aufrechtzuerhalten und alternative oder gegensätzliche Formen der Beziehung untereinander und zum Territorium zu entwickeln, die sich von den von der kapitalistischen Gesellschaft geförderten unterscheiden (Wettbewerb, Individualismus, Vertikalität, Geschwindigkeit und Fortschritt).
Die bisher aufgeführten Formen der Praxis und Organisierung dürfen jedoch nicht so verstanden werden, als schließen sie sich gegenseitig aus. Auch nicht als unveränderliches Modell, das sich nicht an die vielfältigen und widersprüchlichen Kontexte anpasst, die den Ausbruch einer Revolte als Praxis der sozialen Selbsttransformation ermöglichen. Letztendlich geht es bei der Revolution nicht nur um die eingesetzten Mittel, sondern um ihren Inhalt. Nur durch den Kampf selbst werden sich vielmehr die für diese Kontexte geeigneten praktischen und organisatorischen Formen herauskristallisieren. Und es ist Aufgabe der Revolte, in der Lage zu sein, mögliche Handlungswege ausgehend von der gegenwärtigen Situation und den aus früheren Kampfzyklen gewonnenen Erkenntnissen zu identifizieren. Sei es in Situationen, die wir selbst herbeiführen können, vor allem aber in den Gelegenheiten, die sich unangekündigt ergeben. Anders ausgedrückt: Man muss sich politisch auf das Unvorhersehbare vorbereiten. Historisch gesehen fanden „revolutionäre Situationen“ in Kontexten statt, die sie unmöglich erscheinen ließen. Das Ende der kapitalistischen Normalität wird innerhalb ihrer eigenen Normalität immer unwahrscheinlich erscheinen, bis etwas in sie einbricht und die Revolution wieder zu einer materiellen Möglichkeit wird.
Der Aufstand an sich ist in der Lage, Zukunftsvisionen (oder vielmehr die Möglichkeit einer Zukunft) zu entwerfen, die zuvor durch die sprachlose Gewalt und das existenzielle Elend, die die Normalität des Kapitalismus ausmachen, blockiert waren. Für diejenigen, die sie erleben, führt das Eintauchen in die Aufbruchstimmung der Revolte und insbesondere in die daraus entstehenden keimenden Formen postkapitalistischer Organisation zu einer Klarheit im Verständnis der Dinge, die außerhalb des Ereignisses, das der Aufstand darstellt, nicht erreicht werden kann. Es handelt sich nicht nur um eine Aussetzung der historischen Zeit im Sinne von Furio Jesi, sondern um einen ersten Moment einer Art „therapeutischen Prozesses“ [3] gegen den kapitalistischen Realismus, in dem sich die Vorstellungskraft und die Lust beginnen, sich von ihren Fesseln zu befreien. Die Revolte ermöglicht es uns, andere Formen des Miteinanders, der Fürsorge und des Wohnens zu denken und zu gestalten, als Versuche einer neuen Gemeinschaft; einer realen Gemeinschaft.
Die verschiedenen Kampfzyklen dieses Jahrhunderts tendierten jedoch dazu, sich aufzulösen, noch bevor die von der Revolte projizierten Zukunftsvisionen verwirklicht werden konnten. Dies ist keine willkürliche Situation, sondern sie definiert die historischen Grenzen der zeitgenössischen Kampfformen. Diese Problematik lässt sich als Hindernis auf dem Weg zu einem Punkt verstehen, an dem es kein Zurück mehr gibt. Insofern der Aufstand nicht in der Lage ist, die Bedrohungen durch die Partei der Ordnung zu überwinden, vor allem aber auf die Existenzbedürfnisse der Bevölkerung einzugehen, wird seine Niederlage fatal sein. Diese Bedrohungen äußern sich nicht nur in direkter Konfrontation, sei es mit der Polizei und/oder der Armee, sondern zeigen sich gleichzeitig in der Abschwächung des Aufstands durch den linken Flügel der Bourgeoisie. Die Gefahr, die von der institutionellen Ablenkung der Revolte und den Zugeständnissen an die Regierungsparteien ausgeht, besteht darin, dass sie auch als Bedrohung aus dem Inneren der Revolte auftritt. Durch die reformistischen Sektoren wird die Bewegung von innen heraus ausgehöhlt; von ihnen ausgehend werden demokratische Auswege aus der Krise legitimiert. (Wie Mario Tronti zu Recht sagte: „Die Arbeiterklasse wurde nicht vom Kapitalismus besiegt, sondern von der Demokratie, vom Bürger.“)
Die gezielte Etablierung der Verfassung als Ziel des chilenischen sozialen Aufstands und später einer Mitte-Links-Regierung erforderte beide Formen der Abschwächung: eine Intervention von außen und einen Verrat von innen. Die Aufrechterhaltung der demokratischen Ordnung hängt nicht nur mit der Stärke des Feindes zusammen, sondern auch mit einer mangelnden Reife der Revolte, die unfähig war, vollständig mit der Demokratie zu brechen, und sich von den Nebelkerzen und Fiktionen eines Progressivismus mitreißen ließ, der die Bewegung bereits an die Parteien des Monopols der kapitalistischen Ordnung verkauft hatte. Ausgehend von der Kriminalisierung der aufständischen Sektoren durch den linken Flügel der Partei der Ordnung und deren Verfolgung musste sich die Erzählung des konservativen Flügels (die im Übrigen die derzeit vorherrschende Erzählung ist) nur auf die gesamte Bewegung ausweiten (als „krimineller Ausbruch“), wobei der Begriff des Kriminellen über die Anarchisten und das Mapuche-Volk hinaus auf jeden auch nur minimal disruptiven linken Sektor ausgedehnt wurde [4].
Der Sieg über die Partei der Ordnung vollzieht sich jedoch nicht allein durch den Sturz des jeweiligen Regimes. Die Berichte aus Ägypten, Tunesien, dem Libanon und Sri Lanka von den Genoss*innen von „Los Pueblos Quieren“ machen dies deutlich: „Aufständische überall haben die Lektion gelernt, dass der Austausch einer Regierung oder einer Verfassung nicht gleichbedeutend ist mit einer Bedrohung der Macht. Die sozialen Aufstände haben es nicht geschafft, das System im Kern anzugreifen.“ Der wahre Punkt ohne „Rückkehr“ ist nicht der Sturz der Regierung, sondern die embryonale Erzeugung des Kommunismus durch die praktische Negation der sozialen Beziehungen, die das Kapital ausmachen. Andernfalls wird der Staat, den wir für abgeschafft hielten, dort wieder auftauchen, wo wir ihn verschwunden glaubten.
2. Was nach dem Aufstand bleibt
Die Unterbrechung der Kampfzyklen und die dadurch entstehenden unerfüllten Sehnsüchte ermöglichen eine reaktionäre Verzerrung der Motive und Merkmale der Revolte, wodurch deren Verständnis so manipuliert werden kann, dass sie zu einem Ereignis wird, das sich völlig von dem unterscheidet, wie es damals erlebt wurde. Eine Art historischer Revisionismus der eigenen Erfahrung, der dazu führt, dass Menschen, die in gewissem Maße an der Revolte teilgenommen haben, diese letztendlich ablehnen. Der unerfüllte gesellschaftliche Wunsch, den das Ende der Revolte hinterlassen hat, kann perfekt als Treibstoff für reaktionäre Politik aller Art instrumentalisiert werden und so zu einer konservativen Umkehrung desselben führen. Vom sozialen Aufstand zum „kriminellen Aufstand“; das heißt, vom strukturellen Wandel zur Bekräftigung der Ordnung.
Im Gegensatz zu der therapeutischen Erfahrung, die das Eintauchen in den Aufstand hervorrufen kann, wirkt dessen Scheitern und damit die Wiederherstellung der kapitalistischen Normalität deprimierend. Während in der Revolte ein Prozess der psychologischen Enthemmung entsteht, führt die Rückkehr zu den psychosozialen und physischen Leiden, deren Ursachen durch die Revolte durchbrochen worden waren, letztendlich dazu, dass das entfremdende Erleben des Leidens als „psychische und körperliche Reaktion auf die abstrakte Ausbeutung, der wir ausgesetzt sind“[5], noch verstärkt wird. Alles, was während der Unterbrechung des Status quo an Bedeutung verloren hatte – wie Arbeit, familiärer Druck und finanzielle Zwänge –, gewinnt wieder an Bedeutung. Und es kehrt zurück als traumatische Last, als Sackgasse, als Ernüchterung und Hoffnungslosigkeit gegenüber jenem anderen Leben, das für einen kurzen Moment möglich war.
In diesem Zusammenhang erscheinen charismatische Persönlichkeiten, das Versprechen sozialer Rache, die Wiederbelebung des patriarchalischen Mythos des Nationalstaats und die Bekräftigung bürgerlicher Werte (Wettbewerb, Individualismus usw.) nicht nur als einfacher Ausweg aus der Depression, sondern auch als Mittel, um die einst erlebte gesellschaftliche Euphorie künstlich wiederherzustellen. Bifo Berardi beschreibt dies als „eine amphetaminartige Form der Therapie von Leid und Einsamkeit, die stets und systematisch zu einer Vervielfachung der Gewalt und zu suizidalen Dynamiken führt“ [6].
In dem Maße, wie die Normalität wiederhergestellt wird, bleibt kein Raum für die aus dem Ereignis gewonnenen Erkenntnisse und die persönliche Wandlung, die gerade stattfand; sie wird durch die Wiederherstellung des Status quo negiert und entwertet. Dies wird durch die Auswirkungen des Sieges der Partei der Ordnung nur noch verschlimmert: Verfolgung, Exil und politische Kerkerhaft für einen selbst oder die Genoss*innen, mit denen man sich mit Leib und Seele dem Kampf und dem Aufbau neuer Beziehungsformen verschrieben hatte. In der chilenischen Erfahrung spiegelt sich dies in den Selbstmordfällen unter Opfern von Augenverletzungen und ehemaligen politischen Gefangenen wider, die sich nach dem Aufstand nicht in der Lage sahen, wieder in das Arbeits- und Familienleben zurückzufinden [7]. Wie Tiqqun treffend feststellt: „Die Manifestation des Kapitalismus in unserem Leben ist die Traurigkeit“.
3. Organisierung ohne Revolution
„Keine Kraft wird es allein schaffen, einen gemeinsamen Plan zu entwerfen und ihn mit Leben zu erfüllen. Uns als Teil einer Bewegung zu verstehen, die über uns hinausgeht, und nicht als eine Organisation oder einen sektiererischen Block, der über alles verteidigt werden muss, bedeutet, komplementär und nicht konkurrierend zu handeln und zu denken. Die Kraft einer gemeinsamen Bewegung liegt darin, jene taktischen Kombinationen zu finden, die sich am besten an die verschiedenen gelebten Situationen anpassen.“
Manifiesto – Los Pueblos Quieren
Das abrupte Ende der Kampfzyklen – also das vorzeitige Scheitern der Aufstände – hinterlässt ein unerfülltes gesellschaftliches Verlangen, das von keinem organisatorischen Raum, der fortbesteht oder während der Rückzugsphase entstanden ist, vollständig erfasst werden kann. Unabhängig davon, ob militante Organisationen in der Lage sind, Repression und Demobilisierung zu überstehen, sind sie niemals aus eigener Kraft in der Lage, die Gesamtheit des allgemeinen Wunsches nach einer radikalen Neugestaltung der Welt zu repräsentieren, da sie weder die Revolte noch ihre aufständischen Momente vollständig repräsentieren, sondern nur einen Teil davon, der sich der Zerstreuung widersetzt.
Die Kampfzyklen dieses Jahrhunderts werden nie von einer bestimmten Organisation verkörpert, sondern zeichnen sich durch eine unterschwellige, dezentrale und führerlose Spontaneität aus; durch ein äußerst vielfältiges organisatorisches Ökosystem, das im Verlauf des Aufstands bereichert wird. Auch wenn sich bestimmte Organisationen im Kampf aufgrund ihrer theoretischen Klarheit und/oder einer besseren taktischen Vorbereitung natürlich hervorheben, lassen sie sich nicht als klassische revolutionäre Avantgarde beschreiben. In den Aufständen in Chile, Kolumbien und Ecuador (um nur einige Beispiele zu nennen) führten die aus dem Kampf selbst resultierenden Notwendigkeiten zur Schaffung verschiedener, mehr oder weniger komplexer Organisationsformen und zur Erneuerung bereits bestehender Organisationen. Der Sieg der Konterrevolution (in diesen Fällen durch den Reformismus repräsentiert) und die daraus resultierende Wiederherstellung der Fragmentierung des Lebens haben jedoch stets die teilweise Zerstörung des sozialen Gefüges zur Folge, das die Entstehung dieser Organisationen ermöglicht hatte. Auf diese Weise werden sie auf einen Zustand des marginalen Überlebens reduziert, gleich archäologischen Überresten der revolutionären Situationen, die sie hervorgebracht haben.
Diese überlebenden Organisationen können potenziell zu einem Zufluchtsort für Gruppen und Einzelpersonen werden, die sich nach der Niederschlagung der Aufstände der Repression widersetzen wollen. Vor allem aber dienen sie dem Fortbestand des revolutionären Projekts an sich – als Raum, in dem es gelingt, einige der wertvollen kollektiven Erfahrungen aus dem Kampfzyklus fragmentarisch und vorübergehend wiederzubeleben. Durch den Austausch von theoretischem und praktischem Wissen, Techniken der Selbstfürsorge und Erfahrungen aus dem Partisanenkampf, durch Solidarität mit politischen Gefangenen und mit Genoss*innen, die von der Repression verfolgt werden, durch die Analyse des Kampfzyklus und die taktische Vorbereitung sowohl auf die gegenrevolutionäre Situation als auch auf die folgenden Zyklen.
Wahrscheinlich sind die gesammelten Erkenntnisse aus verschiedenen Aufständen und konjunkturellen Kämpfen erforderlich, damit die breite Masse der revolutionären Bewegung die notwendigen Voraussetzungen schafft, um nicht erneut besiegt zu werden. Die Umstände, die sich aus der gegenwärtigen Phase des Kapitalismus ergeben (Kriege, Zerstörung der Natur, Polykrisen usw.), lassen uns jedoch nicht genügend Zeit, um auf einen langen historischen Prozess des Lernens, der Anstrengungen und der Opfer zu warten. Ganz im Gegenteil, es ist keineswegs sicher, dass dieser Prozess linear verläuft. Daher besteht die Aufgabe dieser Organisationen nicht nur darin, eine Vorbereitung auf künftige Kampfzyklen zu leisten [8], sondern vor allem darin, das Eintreten dieser Zyklen durch proaktives Handeln unter ungünstigen historischen Bedingungen zu beschleunigen.
Ihr Streben nach langfristigem Überleben und Relevanz kann sie jedoch dazu veranlassen, klassenübergreifende Praktiken anzunehmen, um die Folgen der Zersplitterung des Proletariats auszugleichen, während sich ihre marginale Stellung zu ihrer Identität wandelt. Unabhängig davon, ob sie in der Lage sind, große Mitgliederzahlen zu halten oder nicht, führt die durch die Niederlage hervorgerufene Verunsicherung, ja sogar der Verlust der Gewissheit der Revolution dazu, dass sich ihre Praxis ausschließlich auf Aktivismus beschränkt und sie sich mit rein performativen Aktionen begnügen, die sich wie ein Ritual wiederholen. Angesichts der konterrevolutionären Entwicklung der Organisationen selbst ist die Selbstauflösung eine der letzten Handlungen, die mit dem revolutionären Projekt im Einklang stehen. Das lehrt uns das Ende der Situationistischen Internationale im Jahr 1972 durch die Hand ihres Gründers und wichtigsten Referenzpunkts, Guy Debord.
Ob die überlebenden Organisationen zu einem operativen Organ der Partei der Ordnung werden oder im Gegenteil zu einem Werkzeug, durch das „das Wesentliche des zentralen Erbes des kommunistischen Projekts bewahrt und an die nachfolgenden Generationen weitergegeben wird, wenn auch nur in abgeschwächter und verfälschter Form“ [9], hängt ganz davon ab, ob ihre Praxis unter ungünstigen historischen Bedingungen dem Geist des Kampfzyklus treu bleibt, der sie hervorgebracht hat [10]. Die Verwandlung bestimmter revolutionärer Organisationen in eine leere Hülle bedeutet nicht zwangsläufig das Verschwinden des Geflechts aus Techniken, Erfahrungen und theoretischem Wissen dieser Organisation. In den meisten Fällen wird dieses Geflecht in kleinen pro-revolutionären Strömungen erhalten bleiben, die innerhalb der Organisation fortbestehen, oder es wird aus dieser herauswandern, indem ihre klarsichtigsten Mitglieder zu anderen Gruppen überwechseln. Letzteres ist der Fall beim Anarchismus, der nach der Erfahrung der Pariser Kommune und dem Umschwung des offiziellen Marxismus hin zum Parlamentarismus und zur Sozialdemokratie teilweise das Überleben des revolutionären Projekts verkörperte. Wie Jean-Yves Bériou (ehemaliges Mitglied der Zeitschrift Négation) feststellt: „Der Anarchismus war in dieser konterrevolutionären Periode der Zufluchtsort für ‚kommunistische‘ Menschen und Ideen“ [11].
Über das Racket und seine Überwindung
Diese Situation, in der die konservative Konjunktur das revolutionäre Engagement der überlebenden Organisationen und Individuen auf die Probe stellt, begünstigt die Umwandlung der Organisation in ein Racket. Dieser Begriff stammt aus dem Englischen und wurde ursprünglich verwendet, um kriminelle Organisationen zu bezeichnen, die am Rande der Legalität existieren und sich der Erpressung und Nötigung bedienen, um Gewinne zu erzielen (das offensichtlichste Beispiel ist die Cosa Nostra). Für Jacques Camatte hingegen bezieht sich der Begriff des politischen Rackets auf instabile Organisationen, die aus Fanatikern bestehen, die ihre Individualität aufgeben, um Teil einer falschen Gemeinschaft zu werden, die die Organisation des Staates im Kleinen nachbildet. Wir können diese Organisationen in zwei typische Modelle unterscheiden, die trotz ihrer ästhetischen Unterschiede „denselben Prototyp der tatsächlichen und notwendigen Funktionsweise jeder ‚Organisation‘ im Rahmen der bestehenden Gesellschaft verkörpern” [12].
Erstens. Die formale Organisation, die um Machtanteile innerhalb der Institutionen ringt, was sich in der Regel in einer minoritären und instabilen Präsenz innerhalb oder im Umfeld der neuen Regierung – oder der Verfassungsgebenden Versammlung, sofern es eine solche gibt – niederschlägt. Sie fungiert als eine Art Interessengruppe, deren Ziel es ist, ein Mindestmaß an Verbesserungen für den sozialen Sektor, den sie vertritt, zu sichern. Das revolutionäre Projekt wird durch ein pazifistisches, schrittweises, demokratisches und reformistisches politisches Programm ersetzt.
Zweitens. Informelle Gruppierungen, kleine Gruppen, die miteinander um Anhänger konkurrieren. Sie widmen sich der Konspiration und der Verbreitung der Ideen des jeweiligen Lagers, das sie vertreten (oder zu vertreten vorgeben). Sie sind nicht in die institutionellen Strukturen eingebunden und stehen diesen mehr oder weniger kritisch gegenüber. Je nach ihrer Praxis und ihrem Diskurs können sie ausdrücklich verboten sein oder auch nicht. Sie neigen dazu, die ideologische Reinheit ihrer Mitglieder zu verteidigen, was zu gewaltsamen Säuberungen und Spaltungen führt und dabei weitere Sekten hervorbringt. Die Unterdrückung innerer Minderheitenströmungen ist unerlässlich, um den ideologischen Purismus und die militante Disziplin der Sekte zu wahren [13].
Beide sektiererischen Formen erfüllen – ob formell oder informell – Funktionen bei der sozialen und wirtschaftlichen Regulierung der kapitalistischen Gesellschaft. Angesichts des Ausbruchs neuer Aufstände spielen sie dieselbe reaktionäre Rolle als Bremse für diese.
Die erste: Indem sie nun die Ordnung bekräftigt, um die im demokratischen Spiel erzielten minimalen Fortschritte zu schützen, wird sie den Aufstand als Bedrohung für ihre Interessen ansehen. Das Eingreifen dieser Organisationen in den Kampf beschränkt sich auf Versuche, ihn in Richtung Gesetzgebung und Wahlkampf zu lenken. Zu diesem Zweck werden sie versuchen, die Bewegung in friedliche Proteste und diejenigen, die den sozialen Frieden stören, zu spalten. Ihr Pazifismus und ihre moralische Kritik an den aufständischen Mitteln werden sich bald in eine mehr oder weniger aktive Zusammenarbeit mit den repressiven Staatsapparaten niederschlagen, sei es durch die Weitergabe persönlicher Daten der Demonstranten oder sogar durch eigenes Handeln als eine Art Schlägertruppe, die die bürgerliche Ordnung schützen will.
Im zweiten Fall hingegen zerfällt sie in eine Vielzahl reaktionärer Splittergruppen, was durch die Zersplitterung des gesellschaftlichen Lebens vorangetrieben wird. Da sie nicht in der Lage sind, sich langfristig als „revolutionäre Organisation“ zu behaupten, übernehmen sie die kapitalistischen Verwaltungslogiken, die nun zu einer militanten Doktrin erhoben wurden. Je länger sie als marginale Einheit bestehen bleiben, desto weniger werden ihre revolutionären Methoden und ihre militanten Analysen, die im Allgemeinen unveränderlich sind, den Bedingungen der gegenwärtigen Kämpfe entsprechen. Die Potenziale der Revolte bleiben ihr verborgen, stattdessen behaupten sie statische Modelle und veraltete praktische Formen. Ihre Losgelöstheit von der aktuellen Lage führt dazu, dass sie sich während der Aufstände am Rande halten. Und sollten sie eingreifen, so werden sie versuchen, mittels ihrer politischen „Kader“ und professionellen Revolutionäre eine mechanistische Vorstellung davon durchzusetzen, wie die Revolution (oder der Aufstand, falls sie den ersten Begriff ablehnen) auszusehen hat.
Die gravierendste Form dieser Art von Racket sind jedoch die bewaffneten Organisationen, die die Kampfzyklen überlebt haben. Da sie nicht in der Lage sind, sich wieder in den Alltag zu integrieren, verfällt ihr Handeln in eine nihilistische Spirale der Selbstzerstörung. Ihre Fortdauer birgt die Gefahr, neue Generationen in diese selbstzerstörerische Praxis ohne revolutionäres Projekt hineinzuziehen und offen reaktionäre Handlungen zu begehen, die sich gegen die breite Bevölkerung richten: Bombenanschläge auf öffentliche Verkehrsmittel, Schießereien oder der Einsatz des Drogenhandels zur Selbstfinanzierung. Die Loslösung vom historischen Moment, das Scheitern des Kampfzyklus und ihre Verehrung illegaler Kampfformen sind die perfekten Zutaten, um sie zu dem zu machen, was Ben Morea als „Pancho-Villa-Syndrom“ bezeichnet hat:
„Genossen, die zwar ‚bewaffnet und bereit zu sterben‘ sind, denen aber eine Perspektive für den Wandel fehlt, laufen Gefahr, sich in sich selbst zurückzuziehen: ‚besessen von ihrer eigenen Mythologie‘, unfähig, sich wieder in den Alltag zu integrieren, verbringen sie ihre Tage mit selbstzerstörerischen Ritualen aus Stolz und Wut, bis sie schließlich vergehen“ [14].
Das Problem des „Rackets“ 15] ist vielleicht die wichtigste Herausforderung, vor der die Organisierung steht. Dies verschärft sich in Zeiten wie der unseren, in denen die Niederlage noch frisch in Erinnerung ist, bis zu dem Punkt, an dem das Fortbestehen der Organisationen kontraproduktiv erscheint. Die Organisierung kann nicht nur das revolutionäre Projekt an neue Generationen weitergeben, sondern auch die Form des Rackets fortsetzen, indem sie den Neuzugängen den ideologischen Purismus, den Sektierertum und die Laster früherer Generationen vererbt. Es sind jedoch genau diese ungünstigen Bedingungen, die die Notwendigkeit der Organisierung begründen, „Netzwerke zu schaffen, die zukünftige Aufstände mit einer angemessenen Logistik ausstatten, um Situationen der Repression und des Exils sowie der Eskalation der Kämpfe zu begegnen“ [16].
Der Ausbruch der Revolte wirkt sich in der Regel auf zwei verschiedene Arten auf die bereits bestehenden Organisationen aus. Einerseits als Erneuerung der Organisationen durch die Integration neuer, im Verlauf des Kampfzyklus politisierter Mitglieder und die Reaktivierung der Untergrundnetzwerke, die die verschiedenen Organisationsformen auf umfassendere und komplexere Weise miteinander verbinden (Phil. A. Neel nennt dies „Metaorganisation“). Andererseits hingegen in Form eines radikalen Bruchs mit den Organisationen, die historisch gesehen als Bremse für die Revolution gewirkt haben. Letzteres ist bei den Rackets der Fall. Die kommunistische Praxis muss die sektiererischen Organisationsformen begraben, um an ihrer Stelle Formen zu begründen, die den Bedingungen und Erfordernissen der praktischen Negation des Kapitalismus in seiner gegenwärtigen Phase und der Vorwegnahme der kommunistischen Gesellschaft auf dieser Grundlage entsprechen. In diesem Zusammenhang werden Bündnisse zwischen den verschiedenen Sekten als eine von ihnen selbst (oder einem Teil von ihnen) entwickelte Lösung für dieses Problem erscheinen, doch diese „Einheitsfront“ beseitigt das Racket nicht an sich, sondern bindet es in einer vollendeteren Form ein. „Die wirkliche Neuformierung [der revolutionären Minderheiten] ist unerlässlich, darf aber keine bloße Verschmelzung der bestehenden Organisationen sein. Unter den neuen Bedingungen ist eine Überprüfung der Kampfformen notwendig“ [17]. Hinter Diskursen über abstrakte und klassenübergreifende Einheit (das Volk, die Massen, die Unterdrückten usw.) verbergen sich sowohl die Praxis des Rackets als auch dessen Übernahme der kapitalistischen Logik der Steuerung des Lebens.
Es geht nicht nur darum, dass die revolutionären Minderheiten, aus denen sich der globale Aufstand zusammensetzt, sektiererische Praktiken ablehnen, sondern um einen Bruch mit deren Inhalt. Die Abschaffung des Rackets als Machtstruktur erfolgt durch die Umsetzung der revolutionären Organisierung im weitesten und reinsten Sinne; sie ist die Zerstörung der sozialen Determinanten, die das Racket als solches konstituieren und die Regeneration des kapitalistisch-patriarchalen Systems auf dessen Grundlage ermöglichen.
Im Herbst 2026
Anmerkungen
[1] In Bezug auf den Brand der 3. Polizeistation von Minneapolis im Jahr 2020 hat Jasper Bernes diesen als „eine nachahmbare Aktion, sowohl als Schlachtruf als auch als Handlung an sich, als einen Akt, der zu weiteren Taten aufrief, zu seiner aufständischen Wiederholung“ bezeichnet. Was viel über den aufständischen Nutzen der Praxis der Brandstiftung im Kontext von Revoltenzyklen aussagt. – J. Bernes, Inquiry and Organization after the George Floyd Uprising, Ill Will, April 2025.
[2] In: I. Robinson, Schriften aus dem Ödland, 2025.
[3] Unter therapeutischem Prozess verstehen wir das von Josep Rafanell i Orra entwickelte Konzept: „Die therapeutische Behandlung ist die Fürsorge, die nicht Subjekten, sondern Beziehungen zuteilwird. Die Gemeinschaft ist eine unendliche therapeutische Behandlung. Die Therapie ist die Offenbarung von Fragmenten von Gemeinschaften, ihres neuen Zusammenwachsens.“ – J. Rafanell i Orra, Neue Figuren des Partisanen, Artillería Inmanente, Mai 2021.
[4] Dies kam in dem Paket repressiver Gesetze der Regierung Boric zum Ausdruck, die genau darauf abzielten, soziale Mobilisierungen zu unterdrücken. Die wichtigsten davon sind das Gesetz gegen Besetzungen und das Naín-Retamal-Gesetz, das den repressiven Polizeiapparat schützt, indem es die Strafen für Straftaten gegen die Polizei verschärft und den Einsatz von Waffen im Dienst als „privilegierte Notwehr“ festlegt.
[5] Zusammenbruch und Abkehr, Abhandlung für die aufständische Jugend – Hrsg. Sapos y Culebras, 2023.
[6] Andrés Timón und Lucía Rosique, Bifo: „Die Menschheit hat verloren. Jetzt geht es darum, wie man aussteigt.“ Interview, Zona de Estrategia, Februar 2026.
[7] Auch wenn es nicht der jüngste Fall ist, sticht der Fall von Jorge Salvo hervor, der sich im Juni 2023 das Leben nahm. Zuvor schilderte er sein Leben nach den sozialen Unruhen wie folgt: „Ich konnte nicht mehr arbeiten, verlor meine Mietwohnung und musste zurück zu meiner Mutter ziehen. Ich war das ganze Jahr über arbeitslos (…) Ich fand keine Arbeit, man sah mich ohne Auge, und wenn ich die Prothese aufsetzte, fragten sie mich auch danach, und wenn ich sagte: ‚Wissen Sie, ich sehe auf dieser Seite des Auges nichts‘, ließen sie mich einfach nicht gewähren.”
[8] Ein Großteil dieser Vorbereitungen besteht darin, einfallsreiche und wirksame Formen des kollektiven Handelns zu entwickeln und zu erproben: Taktiken ernsthaft und unter ungünstigen Bedingungen zu durchdenken. Und auch Mittel zu schaffen, durch die verschiedene Organisationsformen und -ebenen miteinander verbunden werden können, ohne miteinander zu konkurrieren oder aneinandergeraten (d. h. Formen zu erproben, wie eine Organisierung im weitesten Sinne funktionieren würde).
[9] J-Yves Bériou -Revolutionäre Theorie und historische Zyklen, Lazo Ediciones, S. 45
[10] In Bezug auf diese Treue argumentiert Phil Neel, dass eine Beschränkung auf die unkritische Verteidigung tatsächlicher Errungenschaften für die Arbeiterklasse letztendlich dazu führt, dass die Organisationen ihre Treue zum kommunistischen Projekt verlieren. Denn diese Kämpfe um die materiellen Lebensbedingungen bergen Widersprüche, die, wenn sie nicht überwunden werden, zur Unterstützung reaktionärer Maßnahmen wie der Verschärfung der Sicherheitsmaßnahmen oder der rassistischen Ablehnung ausländischer Arbeitskräfte führen. „Der revolutionäre Elan jedes Kampfes verblutet durch die tausend kleinen Schnitte des Kompromisses.“ P. A. Neel, Theorie der Partei, Ill Will, September 2025. Deutsch auf Bonustracks:
bonustracks2.noblogs.org
[11] J-Yves Bériou, ebenda.
[12] F. Corriente, Jacques Camatte und das fehlende Glied der zeitgenössischen Gesellschaftskritik, dndf, Mai 2014.
[13] Ein Extremfall dieser Säuberungen war der Bruderkampf (Uchigeba) zwischen den sektiererischen Organisationen der japanischen Studentenbewegung, der zur Ermordung von mehr als 100 Mitgliedern führte. Eines der bekanntesten Ereignisse dieses Krieges ereignete sich 1971, als die ‘Vereinigte Rote Armee’ vierzehn ihrer Mitglieder während der militärischen Ausbildung im Rahmen eines disziplinarischen Verhörs ermordete. Siehe: H. Abe, Fragmentierung, Zentralisierung und Bürgerkrieg in der japanischen Ultra-Linken, Ill Will, Juni 2025.
[14] B. Morea, Das Pancho-Villa-Syndrom, Ill Will, 2025.
[15] Für eine Analyse der typischen Organisationsformen der Linken empfehlen wir die Lektüre von: Grupo de Investigación Revolucionaria Intercomunalista, „Punta de lanza“, Radar journal, 2026. Auch wenn darin die Frage des Rackets nicht explizit erwähnt wird, trägt der Text doch zur Debatte bei, indem er die Grenzen und Widersprüche bestimmter historischer Organisationen aufzeigt, von den Black Panthers bis zur Focus-Guerilla.
[16] Nueva Icaria, „Die globale Revolte und ihre historischen Sackgassen“, Colapso y Desvío, Oktober 2025.
[17] P. Mattick, „Die Massen und die Avantgarde“, Living Marxism, Band 4, Nr. 4, August 1938.
Veröffentlicht im chilenischen Original am 16. Mai 2026, ins Deutsche übersetzt von Bonustracks
Quelle: Bonustracks2.noblogs.org
Saboteure treffen sich in Tatortnähe, legen Erddepots an und flüchten mit dem Fahrrad
Welt (Axel Springer Schmutz) 13. Juni 2026 Presseartikel
Welt konnte interne Polizeieinschätzungen einsehen, die erstmals ein konkretes Täterprofil und mögliche Vorgehensweisen der linksextremen Berliner Stromsaboteure beschreiben.
Die Berliner Polizei nimmt neue Drohungen gegen das Stromnetz der Hauptstadt deutlich ernster als bislang öffentlich bekannt. Das geht aus internen Unterlagen hervor, die WELT exklusiv einsehen konnte. Darin wird ein entsprechender Aufruf aus der linksextremen Szene nicht nur als authentisch bewertet, sondern ausdrücklich als „sehr ernst“ eingestuft.
Auslöser ist ein Beitrag vom 8. Mai dieses Jahres auf der linksextremen Internetseite Indymedia mit dem Titel „Cut the Power, so we can see the stars“. Darin beziehen sich die anonymen Verfasser auf frühere Sabotageakte gegen die Energieversorgung in Berlin und stellen diese in einen politischen Zusammenhang aus Antimilitarismus, Staatskritik und Protest gegen polizeiliche Maßnahmen. Zudem zeigen sich die Verfasser solidarisch mit Betroffenen einer Polizei-Razzia gegen die linksextreme Sabotageszene Berlins. Der Beitrag verbinde anarchistische, „technikfeindliche, antimilitaristische und antistaatliche Inhalte“ mit einer positiven Darstellung von Sabotage und direkten Aktionen.
Am 9. Mai 2026 wurde der Beitrag zudem auf der englischsprachigen linksmilitanten Plattform „Act for Freedom Now!“ unter der Überschrift „Germany: Solidarity with the comrades hit by repression on 24.3.26“ erneut veröffentlicht. Beide Veröffentlichungen enthalten ein identisches Plakat: Zu sehen ist ein Sternenhimmel auf schwarzem Grund, darunter eine fahrradfahrende, dunkel gekleidete Figur in einem Wald, die ein Banner mit der Aufschrift „SA-BO-TAGE“ trägt. Besonders hervorgehoben wird ein Vers am Ende des Plakats, der ein nächtliches Stadtszenario beschreibt und von Ermittlern als unterschwellige Andeutung möglicher „direkter Aktionen“ im urbanen Raum interpretiert wird.
Öffentlich hatte die Polizei bislang zurückhaltend reagiert und lediglich von „möglichen, bislang unspezifischen Bedrohungsszenarien“ gesprochen. Intern fällt die Bewertung jedoch deutlich konkreter aus. In den Unterlagen heißt es, dass entsprechende Aktionen aus dem Spektrum der militanten linken Szene weiterhin „wahrscheinlich“ seien. Besonders im Fokus stehen demnach Ziele aus dem Bereich der kritischen Infrastruktur. Nach Informationen dieser Redaktion wurden im gesamten Stadtgebiet Sicherheitsmaßnahmen hochgefahren, um kritische Infrastruktur zu sichern.
Neben Energieanlagen zählen dazu auch Einrichtungen von Sicherheitsbehörden, Justiz, Rüstungsunternehmen sowie Technologie- und Logistikfirmen. Explizit genannt werden unter anderem Strommasten, Verteilzentren oder Kraftwerke. Die Auswahl der Ziele erfolge laut den internen Papieren häufig kurzfristig und orientiere sich an Gelegenheiten sowie an aktuellen politischen Anlässen.
Erstmals beschreiben die Ermittler in den Unterlagen auch detailliert den mutmaßlichen Modus Operandi der Stromterroristen. Demnach gehen die Behörden davon aus, dass Angriffe überwiegend von kleinen, konspirativ agierenden Gruppen von drei bis acht Personen durchgeführt werden. Diese bewegten sich in der Regel in der Nacht, bevorzugt zwischen 1 und 5 Uhr. Die Saboteure würden gezielt auf unübersichtliche Tatorte setzen. Das war zuletzt auch bei der Attacke auf die Berliner Stromversorgung Anfang des Jahres im Südwesten der Stadt der Fall, wie interne Einsatzprotokolle zeigen, die diese Redaktion ebenfalls einsehen konnte.
Die Beteiligten treten demnach bevorzugt dunkel gekleidet und vermummt auf und bewegen sich auf Fahrrädern fort. Sie tragen Handschuhe, Mützen, Kapuzen und Mundschutz, häufig in einem sogenannten „Action-Outfit“. Auffällig sei auch der Einsatz von Wechselkleidung im Anschluss an die Tat, um Spuren zu verwischen. Als typische Ausrüstung nennen die Ermittler neben Fahrrädern zur unauffälligen Fortbewegung auch Rucksäcke, Taschen und Kommunikationsmittel. Darin befänden sich Funkgeräte, „Brandlegungsmittel“, Kabelbinder, Kleinpflastersteine oder ähnliche Wurfgeschosse, Feuerlöscher und Handys.
Die Vorbereitung erfolge konspirativ: Treffpunkte liegen häufig in Parks oder schwer einsehbaren Bereichen in Tatortnähe, von wo aus sich die Gruppen in Zugriffsteams, Aufklärer und Absicherungsteams aufteilen. Tatmittel würden zum Teil Wochen vorher in Erddepots vergraben. Auch die Flucht werde auf festen Routen vorab geplant und führe oft mit Fahrrädern gezielt über Grünanlagen, Baustellen oder andere schwer zugängliche Wege, um eine Verfolgung durch Einsatzwagen der Polizei zu erschweren. Nach Angaben aus Polizeikreisen würden die Täter bei der Flucht zum Teil erhebliche Wegstrecken zurücklegen.
Die Behörden sehen darin ein wiederkehrendes Muster. In der Vergangenheit hatte es bereits eine Reihe von Brandanschlägen und Sabotageakten gegeben, die sich gegen staatliche Einrichtungen, Unternehmen oder kritische Infrastruktur richteten.
Konkrete Hinweise auf unmittelbar bevorstehende Anschläge liegen laut den Unterlagen derzeit zwar nicht vor. Dennoch gehen die Sicherheitsbehörden von einer fortbestehenden abstrakten Gefährdung aus. Gerade die wiederholte Bezugnahme auf kritische Infrastruktur, Technologieunternehmen und staatliche Einrichtungen in entsprechenden Veröffentlichungen wird als Indiz dafür gewertet, dass diese Bereiche weiterhin im Fokus stehen. So sei etwa von vereinzelten Brandstiftungen an Fahrzeugen und Objekten auszugehen.
Die Polizei hat ihre Maßnahmen auch mit Betreibern kritischer Infrastruktur abgestimmt. So würden etwa Einsatzkräfte sensibilisiert. Insbesondere im Umfeld relevanter Anlagen achten Beamte verstärkt auf verdächtige Personen oder Gruppen, die sich auffällig verhalten oder sich in der Nähe potenzieller Ziele aufhalten.
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Zwei Brandanschläge auf Stromversorgung
13 Juni 2026 — Von Switch Off (source)
Dieser Artikel wurde automatisch neu veröffentlicht.
Regensburg/Pentling 7. Juni 2026
Laut Medienberichten kam es in Regensburg und dem nahe gelegenen Pentling zu zwei versuchten Brandstiftungen. An einem Strommast wurden Brandvorrichtungen vorgefunden, die zwar zündeten, jedoch keinen signifikanten Brand verursachten. An anderer Stelle kam es hingegen zu einem Feuer, welches mehrere Kabel beschädigte. Es liegen jedoch keine Hinweise vor, dass es zu einem größeren Stromausfall gekommen ist. Wie bereits bei anderen Anschlägen auf die Energieinfrastruktur heißt es von der Generalstaatsanwaltschaft, dass aufgrund der „Tatobjekte und Tatmodalitäten” in beiden Fällen von einer extremistischen Tatmotivation auszugehen sei. Ein Blick auf die Karte gibt mögliche Hinweise darauf, warum es diese Annahme gibt. In Regensburg befindet sich ein Standort des Halbleiterherstellers Infineon. Angesichts einer ganzen Reihe anderer Angriffe auf Chip-Hersteller in den vergangenen Wochen ist ein Zusammenhang mit diesem Unternehmen durchaus denkbar. Infineon selbst schreibt über ihr Werk in Regensburg:
„Halbleiter sind in der heutigen Zeit unverzichtbar. Sie machen Autos umweltfreundlicher, sicherer und komfortabler. Sie speisen erneuerbare Energie aus Windrädern und Solarkraftwerken verlustarm in die Stromnetze ein. Sie machen Smartphones und Computer energieeffizienter. Chips verbessern die Datensicherheit in Kreditkarten und Personalausweisen. Produkte von Infineon sind intelligent und umweltfreundlich. Um das zu erreichen, müssen Entwicklung und Produktion perfekt aufeinander abgestimmt sein, wie in Regensburg.
Infineon Regensburg – Innovationsstandort und Hightech-Fabrik in einem. Hier konzipieren und bauen wir die Chip-Standards der Zukunft. Gemeinsam mit unseren mehr als 3.000 Mitarbeitern entwickeln wir Innovationen mit neuen Materialien und konzipieren neue Verpackungen, Fertigungsprozesse und neue Chip-Trennverfahren für unsere Leistungshalbleiter, Sensoren, Mikrocontroller und Hochfrequenzchips. Da sich die Entwicklungs- und Produktionsstätten auf einem Campus befinden, können die Menschen schnell kreative Ideen austauschen.“
Auf der Ursprungsseite weiterlesen…
Presse:
Unbekannte haben in der Nacht von Sonntag, 7. Juni, auf Montag, 8. Juni, versucht, einen Strommasten an der Gemeindegrenze Regensburg/Pentling und Kabel in einem Lüftungsschacht in Regensburg in Brand zu setzen. Wie das Bayerische Landeskriminalamt mitteilt, befindet sich der betroffene Mast in unmittelbarer Nähe der Autobahn A3 auf Höhe des Solarparks Pentling. Ein möglicher Zugangsweg zum Tatort besteht von der A3 aus Richtung Regensburg kommend.
Die Täter versuchten, mit einem selbstgebauten Brandsatz die Kabel des Strommastes zu beschädigen. Obwohl die Brandvorrichtung gezündet wurde, kam es aus bislang ungeklärter Ursache zu keinem Brandereignis.
Kabel bei zweitem Brandanschlag in Regensburg beschädigt
Der zweite Brandanschlag ereignete sich am 8. Juni gegen 4 Uhr in unmittelbarer Nähe zum Wasserkraftwerk Regensburg im Bereich Winzerweg / Sportbootschleuse. Der oder die Täter setzten mehrere Kabel in einem dort befindlichen Lüftungsschacht in Brand. Durch das Feuer entstand ein Sachschaden von etwa 30.000 Euro. Ein größerer Stromausfall entstand hierbei nicht.
Ermittlungen nach möglichen Brandanschlägen von Extremisten
Nach einem Feuer in Regensburg und einer mutmaßlich gescheiterten Brandstiftung in Pentling ermittelt die Generalstaatsanwaltschaft. Möglicherweise handelt es sich um Sabotage durch Extremisten. Ziele waren die Stromversorgung und Infrastruktur.
Nach mutmaßlichen Brandanschlägen auf die Stromversorgung im Regensburger Westen sowie in der Stadtrandgemeinde Pentling ermittelt jetzt die Generalstaatsanwaltschaft in München. Beide Fälle werden von der Zentralstelle für die Bekämpfung von Extremismus und Terrorismus bearbeitet, wie die Behörde dem BR bestätigte. Zunächst hatte die Mediengruppe Bayern berichtet.
War Wasserkraftwerk im Visier?
Am Montag hatte es nach einem Kabelbrand an der Staustufe über die Donau im westlichen Regensburg eine starke Rauchentwicklung gegeben. Zeitweise war dadurch laut Polizei die Sicht auf der daneben verlaufenden A93 eingeschränkt.
Auf BR-Nachfrage teilt der Wasserkraftwerksbetreiber Uniper mit, dass die dort verlegten Kabel mit Anlageteilen des Wasserkraftwerks verbunden seien. Allerdings habe der Brand nur sehr geringe Auswirkungen auf den Betrieb der Anlage gehabt. Man wolle den Untersuchungen nicht noch mehr Publizität verleihen, so ein Uniper-Sprecher. Aber: „Für den Fall, dass es tatsächlich Brandstiftung war: Der Vorfall in Regensburg ist nicht der erste seiner Art.“
In einem ähnlichen Fall sollen Unbekannte in Pentling am Stadtrand von Regensburg erfolglos versucht haben, Strommasten anzuzünden. Wegen dieser „Tatobjekte und Tatmodalitäten“ sei in beiden Fällen von einer extremistischen Tatmotivation auszugehen. Das teilte Sebastian Murer, Sprecher bei der Generalstaatsanwaltschaft, dem BR auf Anfrage mit.
Behörde prüft möglichen Zusammenhang mit anderen Vorfällen
Die Behörde ermittelt laut Murer jetzt zusammen mit dem Bayerischen Landeskriminalamt wegen des Verdachts der Brandstiftung. Dabei geht es auch um einen möglichen Zusammenhang der Vorfälle im Regensburger Westen und in Pentling.
Gefragt, ob die Zentralstelle auch einen möglichen Zusammenhang zu Vorfällen in Baden-Württemberg sieht, sagte Murer, eine solche Verbindung werde ebenfalls überprüft.
In Reutlingen war nach einem Brand in einem Umspannwerk am Montag der Strom ausgefallen – 20.000 Haushalte waren in der Spitze betroffen.
Einen weiteren mutmaßlichen Anschlag auf die Stromversorgung hatte es Ende Mai in Garching bei München gegeben: Hier setzten Unbekannte zwei Strommasten in Brand. Auch in diesem Fall ermitteln die Behörden.
Quelle: Tagesschau
Quelle: Switchoff.noblogs.org
Eine Reihe von Sabotagen legt die Produktion bei Rüstungs- und Technologieunternehmen lahm
anonym
Während die Polizei in Reutlingen im Dunkeln tappt und nur spekulieren kann, wer das Feuer in einem Umspannwerk gelegt hat, erfahren wir bei einem Blick auf verschiedene Gegeninformations-Blogs, dass es in letzter Zeit in Frankreich und Deutschland eine ganze Reihe von Angriffen auf die Stromversorgung von Rüstungsfirmen und Technologiekonzernen gab, insbesondere auf die Halbleiterproduktion. Für manche dieser Taten ist im Nachhinein ein entsprechendes Bekenner:innenschreiben aufgetaucht, bei anderen bleibt die Urheberschaft ungewiss. Auch wir können nur vermuten, welches Ziel mit diesen anonym durchgeführten Sabotagen verfolgt wurde. Auffällig ist jedoch, dass sich in allen Fällen in unmittelbarer Nähe der Anschlagsorte bzw. in den von den Stromausfällen betroffenen Gebiete Akteure der Kriegs- und High-Tech-Industrie befinden. Dass solche Taten ausgerechnet in Frankreich und Deutschland zunehmend Verbreitung finden, ist auch nicht besonders überraschen. Schließlich sind es diese beiden Länder, die die Militarisierung und Aufrüstung Europas maßgeblich vorantreiben. Gleichzeitig gehören diese zu den größten Exporteuren von Kriegsgerät und profitieren von der Zunahme globaler Kriegsschauplätze.
Wie bereits an anderer Stelle dargelegt wurde, ist die Halbleiterproduktion eine Schlüsseltechnologie für Waffensysteme und darüber hinaus eine ökologische Katastrophe. Aufgrund der hohen Komplexität in ihrer Herstellung sind nur wenige Unternehmen weltweit in der Lage, diese zu produzieren, sodass der Weltmarkt in hohem Maße von wenigen Anbietern abhängig ist. Ein Stromausfall in den entsprechenden Fabs hat das Potenzial, massive Schäden an den Produktionsanlagen zu verursachen. Darüber hinaus würden Lieferengpässe sich schnell negativ auf den Weltmarkt auswirken. Das hat der Produktionsausfall während der Corona-Pandemie in Taiwan bereits gezeigt. Auch ist belegt, dass Russland Mikrochips, die auf Sanktionslisten verschiedener Staaten verzeichnet sind, aus zivil nutzbaren Elektrogeräten demontiert und in Waffen verbaut, um den Nachschub ins ukrainische Kriegsgebiet zu decken.
Es lassen sich also verschiedene plausible Gründe anführen, die dafürsprechen, dass die genannten Angriffe durch das Bestreben motiviert sind, Unternehmen zu schädigen, die gegenwärtig in hohem Maße von Krieg und Zerstörung profitieren. Aber macht euch am besten selbst ein Bild. Zu diesem Zweck dokumentieren wir hier verschiedene Bekenner:innenschreiben und Presseartikel, die wir auf switchoff.noblogs.org gefunden haben.
Brandanschlag auf Umspannwerk
Reutlingen 8. Juni 2026
Wie der Presse zu entnehmen ist, brannte es in der Nacht auf Montag in einem Umspannwerk im Westen von Reutlingen. Dies führte zu einem umfangreichen Stromausfall. Aufgrund von drei verschiedenen Brandherden auf dem Gelände und Beschädigungen am Zaun gehen die Ermittler:innen von einer vorsätzlichen Tat aus. Neben 7.600 Privathaushalten war auch ein Industriegebiet von dem Blackout betroffen. In diesem befindet sich unter anderem das Bosch-Werk Reutlingen. Der Konzern schreibt auf seiner Website über den Standort ;
Die Bosch-Waferfabrik in Reutlingen ist der traditionsreichste und erfahrenste Halbleiterproduktionsstandort des Unternehmens. Mit mehr als 60 Jahren Halbleiter-Know-how hat Reutlingen entscheidend dazu beigetragen, die weltweite Führungsposition von Bosch im Halbleiterbereich zu festigen – von den frühen Arbeiten an ICs für die Automobilindustrie über die Pionierarbeit in der MEMS-Fertigung bis hin zur Weiterentwicklung von Siliziumkarbid-Leistungshalbleitern (SiC) für die Automobilindustrie. […] Als weltweit einziger Halbleiterstandort, der Frontend- und Backend-Fertigung einschließlich eines eigenen Testzentrums vereint, bietet Reutlingen eine außergewöhnlich enge Zusammenarbeit zwischen Entwicklung, Produktion und Testtechnik und schafft damit ein Umfeld, das in der Halbleiterindustrie selten anzutreffen und für Ingenieure äußerst attraktiv ist.
Während die Anwohner:innen seit Dienstag wieder mit Strom versorgt werden konnten, warteten die betroffenen Firmen im Industriegebiet laut Medienberichten auch am Mittwoch noch auf Anschluss.
Presse: Stromausfall in Reutlingen – Verdacht auf Anschlag
Im baden-württembergischen Reutlingen ist großflächig der Strom ausgefallen. Rund 30.000 Menschen sind betroffen. Laut Sicherheitskreisen könnte es sich um einen linksextremistischen Anschlag handeln.
In Teilen von Reutlingen ist am Montagmorgen der Strom ausgefallen. Es seien rund 30.000 Menschen in 7.600 Haushalten ohne Strom, sagte Oberbürgermeister Thomas Keck (SPD) bei einer Pressekonferenz am Vormittag. Grund für den Stromausfall ist ein Brand in einem Umspannwerk um 1:43 Uhr. Um 5 Uhr konnte dieser gelöscht werden, so Matthias Hertler von der Feuerwehr.
Der Brand könnte nach Einschätzung aus Sicherheitskreisen gezielt gelegt worden sein. Hinweise auf einen politischen Hintergrund gebe es bisher nicht. Zuvor hatte die Deutsche Presse-Agentur (dpa) berichtet, die Vorgehensweise deute auf linksextremistische Täter hin und weise Parallelen etwa zu einer entsprechenden Tat in Berlin auf. Hinweise auf einen möglichen Drahtzieher im Ausland gebe es nicht.
Stromausfall in Reutlingen: Polizei ermittelt in alle Richtungen
Nach Angaben des Netzbetreibers Netz BW seien am betroffenen Umspannwerk Reutlingen-West drei Brandstellen gefunden worden. Außerdem sei der Zaun beschädigt, erklärte ein Sprecher von Netze BW. Die Polizei hält sich mit Vermutungen zurück. Man ermittle in alle Richtungen, sagte Tina Rempfer bei der Pressekonferenz am Vormittag. „Wir beziehen ein, ob es eventuell ein technischer Defekt sein könnte oder eine Brandlegung“, so Rempfer. Spezialisten von der Krimaltechnik des Landeskriminalamts (LKA) seien vor Ort. Zuvor hatte ein Sprecher des LKAs der dpa erklärt, dass es bei Vorfällen dieser Dimension üblich sei, dass Brandsachverständige eingebunden würden.
Vom Stromausfall betroffen seien die Reutlinger Kernstadt sowie die Oststadt, Betzingen und Ohmenhausen. Auch in Wannweil (Kreis Reutlingen) und Kirchentellinsfurt (Kreis Tübingen) sei der Strom ausgefallen. Zunächst waren 20.000 Kunden der FairNetz GmbH, des Strom- und Gasnetzbetreibers in der Region, betroffen. Um 6 Uhr war der Strom laut Stadt in der Kernstadt wieder verfügbar.
Das Bosch-Werk in Kusterdingen (Kreis Tübingen) ist weiterhin vom Stromnetz abgeschnitten. Wann dort wieder Strom fließt, dazu gibt es laut einer Bosch-Sprecherin noch keine Auskunft vom Netzbetreiber. Das Bosch-Werk in Reutlingen war auch vom Stromausfall betroffen, aber inzwischen werden die Maschinen dort wieder kontrolliert hochgefahren.
Wie die Stadt Reutlingen am Montagnachmittag mitteilte, haben die Stadtteile Ohmenhausen und Betzingen wieder Strom. Reutlingen-Wannweil und Kirchentellinsfurt im Kreis Tübingen sollen gegen 19 oder 20 Uhr wieder ans Netz gehen. […]
Mehrere Millionen Euro Schaden
Für die weiter betroffenen Haushalte werde der Stromausfall für „eine längere Zeit andauern“, so die Stadt. Eine belastbare Prognose zur vollständigen Wiederherstellung sei noch nicht möglich. Auch Telefon und Internet funktionierten nur eingeschränkt. In Betzingen, Wannweil und Kirchentellinsfurt seien die Ampeln noch außer Betrieb.
Die Energieunternehmen FairNetz und Netze BW teilen sich das Umspannwerk. Laut einem Sprecher der Netze BW leistet der Netzbetreiber Amtshilfe beim Wiederaufbau der Stromversorgung. Nach dpa-Informationen ist ein Schaden von mehreren Millionen Euro entstanden.
Hochspannungsmasten sabotiert – Den Mikrochip-Fabriken den Strom abstellen
Froges (Isère, Frankreich) 5. Juni 2026
Bekenntnis zu Angriffen auf Strommasten gegen STM und Soitec: Wasser und Sterne, statt Chips und Atomkraft!
Anfang dieser Woche haben wir zwei Hochspannungsmasten angegriffen, die das Umspannwerk in Froges (im Grésivaudan) versorgen. Dieses Umspannwerk liefert Strom insbesondere an die Halbleiterfabriken von STMicroelectronics und Soitec. Wir haben die Fundamente dieser Masten durchgesägt, doch sie blieben trotz unserer Bemühungen, sie zum Einsturz zu bringen und einen Stromausfall zu verursachen, stehen.
RTE, diese Leitungen müssen sofort abgeschaltet werden!!
Unsere Sabotage ist Teil eines umfassenderen Kampfes gegen das techno-industrielle System. Wir nutzen diese Gelegenheit, um die Teilnehmer*innen der derzeit in Grenoble stattfindenden Protestwanderung zu grüßen und ihnen zu zeigen, dass wir viele sind, die sich gegen die Welt der Mikrochips, der Entfremdung und der Zerstörung des Lebens wehren.
Direkte Aktion!
Solidarität!
Widerstand!
Transformatoren in Industriegebiet in Brand gesteckt
Rousset (Bouches-du-Rhône, Frankreich) 2. Juni 2026
In der Nacht vom Montag, dem 1. Juni, auf Dienstag, den 2. Juni, löste laut Angaben der Stadtverwaltung ein „Vandalismusakt“ einen Brand in einem Transformator im Industriegebiet von Rousset aus. Ein Zaun des Geländes, auf dem sich der Transformator befindet, wurde durchtrennt, um Zugang zum Ort des Geschehens zu erhalten, so die Gemeinde weiter. Diese Sachbeschädigung führte zu einem Stromausfall, von dem drei Unternehmen in der Gegend betroffen waren.
Ein Spannungstransformator ist eine für den Betrieb von Stromnetzen unverzichtbare Hochspannungskomponente. Sobald der Vorfall bekannt wurde, rückte die Stadtpolizei an, um erste für die Ermittlungen relevante Hinweise zu sammeln. Die Aufnahmen der kommunalen Videoüberwachungsanlage wurden den Ermittlern auf Anfrage der Gendarmerie, die mit den derzeit von der Ermittlungsabteilung durchgeführten Untersuchungen betraut ist, umgehend zur Verfügung gestellt. Eine ähnliche Tat soll auch am Transformator am Weg „Chemin de la Cairanne“ begangen worden sein.
Die Gemeinde Rousset teilt mit, dass sie diese vorsätzlichen Taten, die für das Funktionieren der Region unverzichtbare Einrichtungen beschädigen und die betroffenen Unternehmen unmittelbar benachteiligen, aufs Schärfste verurteilt. […]
Anmerkung: Laut der Website des „Groupement des Industries de la Haute Vallée de l’Arc“ (hXXps://www.gihva.com/entreprises/) sind mehrere Unternehmen der Branche im Bereich Halbleiter und Spitzentechnologie tätig (und könnten daher zu den drei Unternehmen gehören, die von dem Stromausfall betroffen sind):
STMICROELECTRONICS ROUSSET (mehr zu den wohlverdienten Rückschlägen, die dieses Unternehmen bereits getroffen haben hier)
NBS TECHNOLOGIES
SILIOS TECHNOLOGIES
MICROCHIP TECHNOLOGY ROUSSET
FUJIFILM ELECTRONIC MATERIALS
Gefunden auf attaque.noblogs.org
Stromversorgung von Rüstungskonzern Eurolinks durch Feuer zerstört.
Marseille (Frankreich) 4. Juni 2026
Die Stromversorgung von Eurolinks wurde durch Feuer zerstört.
Damit diese Todesfabrik, die in Marseille Kriegsmaterial herstellt, das an die israelische Armee verkauft wird, welche in Palästina einen Völkermord begeht, für mehrere Wochen stillgelegt wird.
Um unsere Solidarität mit denjenigen zu zeigen, die unter dem Krieg im Libanon, im Iran, in Palästina und anderswo leiden.
Damit die französischen Rüstungsunternehmen aufhören, Profit aus Tod und Kolonialismus zu schlagen.
Um uns mit den Widerstandsbewegungen auf der ganzen Welt im Kampf gegen Militarismus und Autoritarismus zu verbünden.
4. Juni 2026
Brandanschlag auf zwei Strommasten
München-Garching 25. Mai 2026
Über den Hightech-Campus Garching bei München und zwei brennende Strommasten
Am 25. Mai kam es in München-Garching zu einem Brandanschlag auf zwei Strommasten. „Die bisherigen Erkenntnisse deuten klar auf Sabotage hin. Unser Staatsschutz ermittelt mit Hochdruck“, erklärte Innenminister Joachim Herrmann (CSU) am Montag. Obwohl der Brand nur zu einem 45-minütigen Stromausfall führte, fällt auf, wie zurückhaltend die Medien hinsichtlich des Ortes und des Kontextes des Vorfalls sind. „Aufgrund des Tatobjekts und der Tatmodalitäten ist von einer politischen Tatmotivation auszugehen“, erklärte die Generalstaatsanwaltschaft, die die Ermittlungen leitet. Die Medien haben jedoch kein Wort darüber verloren, warum das Ziel zu dieser Schlussfolgerung führt. Die nationalen Medien schweigen sich über den Vorfall völlig aus. Eine kurze Internetsuche macht deutlich, warum der Staat so sicher ist, dass es sich um einen Sabotageakt handelte.
Der Ort Garching bei München besteht größtenteils aus einem weitläufigen Campus der Technischen Universität München. Diese Einrichtung, die zu den Spitzenuniversitäten Europas zählt, verfügt über verschiedene Standorte in ganz München. Der Standort Garching wurde 1957 mit der Inbetriebnahme eines Forschungsreaktors eröffnet. Dies war das erste AKW in der Bundesrepublik Deutschland. Dieser Forschungsreaktor wurde nie zur Stromerzeugung genutzt, sondern ausschließlich zu Forschungszwecken; allerdings produziert er seit 70 Jahren Atommüll (vor 20 Jahren wurde ein neuer Reaktor gebaut und der alte stillgelegt). Erst 2025 fand ein weiterer Castor-Transport von Atommüll nach Ahaus statt. Da das Uran in den Brennstäben auf über 90 Prozent angereichert ist, steht der Reaktor seit langem in der Kritik, „waffenfähiges“ Uran anzureichern – das Uran in Atombomben ist auf ein ähnlich hohes Niveau angereichert. Bayern schafft damit theoretisch die Voraussetzungen für die Herstellung von Atomwaffen. Die Brennstäbe in Garching werden mit Wasser aus der Isar gekühlt und nachdem das Wasser radioaktiv verstrahlt ist, wird es wieder in den Alpenfluss eingeleitet. Da es jedoch nur „schwach radioaktiv“ ist, stellt dies laut den Wissenschaftlern in Garching natürlich kein Problem dar.
Neben dem Forschungsreaktor und der Nuklearforschung gibt es in Garching noch jede Menge andere Hightech-Forschung. Neben Astrophysik, Halbleiter- und Plasmaphysik, Energie- und Reaktorsicherheit, Quantenoptik, Maschinenbau und Triebwerkstechnik gibt es seit 2006 das Leibniz-Rechenzentrum. „Dort ist in einem technologisch einzigartig innovativen Technikgebäude mit Hochleistungsklimatisierung eines der weltweit leistungsfähigsten Rechenzentren inklusive der Netzinfrastruktur für den Hochschulstandort München installiert.“
Die TU Garching arbeitet eng mit privaten Unternehmen zusammen und so gibt es seit einigen Jahren den SAP-Campus auf dem TU-Gelände, wo Technologie-Start-ups gefördert und aufgekauft werden. Dass ein führendes DAX-Privatunternehmen auf einem Universitätsgelände einen eigenen Campus unterhält, spricht Bände über die wirtschaftliche und wissenschaftliche Bedeutung Garchings. Die Forschung im „SAP Labs Munich Campus“ konzentriert sich auf künstliche Intelligenz und deckt Bereiche wie die digitale Lieferketten, Umwelt, Soziales und Governance, die Zukunft der Arbeit, synthetische Daten und Quantencomputing ab.
Darüber hinaus verfügt die TU Garching über einen der führenden „Start-up-Hubs“ Europas, das „Entrepreneurship Center Garching“. Hier entstehen jedes Jahr mehr als 140 Tech-Start-ups, darunter beispielsweise Isar Aerospace, deren abstürzende Raketen man regelmäßig im Fernsehen beobachten kann.
Dass diese akademische Schnittstelle aus den technischen Wissenschaften auch für die Rüstungsindustrie inspirierend ist, liegt auf der Hand. Ein Programm der TU München, die „TUM Venture Labs“, vergibt Fördermittel, stellt Laborräume zur Verfügung und ermöglicht Kooperationen für Tech-Start-ups aus allen Bereichen – von Biotech über KI bis hin zur Rüstungsindustrie. So unterhält das TUM Venture Lab eine Partnerschaft mit dem Rüstungsunternehmen Hensoldt, das vor allem für seine Drohnen bekannt ist. „Als führender europäischer DeepTech-Entrepreneurship-Hub sind TUM Venture Labs und unsere Münchner Partner entscheidend für verteidigungsrelevante Innovationen in den Bereichen Weltraum, autonome Systeme und Software/KI“, erklärt Dr. Philipp Gerbert, CEO von TUM Venture Labs. „Hensoldt ist ein unschätzbarer neuer Partner an unserer Seite.“
Die TUM Venture Labs unterhalten Partnerschaften mit zahlreichen Rüstungsunternehmen, insbesondere in den Bereichen Luftfahrt, Satelliten und Drohnen, und fördern diese. Zu den Schützlingen der TUM Venture Labs gehören beispielsweise DeltaOrbit, Vaeridion, deltaVision, Vortex Aerotec und TYTAN Technologies – allesamt Start-ups, die sich auf Innovationen in der modernsten Kriegsführung spezialisieren (KI, Drohnen usw.), sogenannte DefenseTech oder deftec und teilweise Fördermittel in Höhe von mehreren Millionen Euro erhalten. Die Drohnenfirma TYTAN Technologies protzen auf ihrer Webseite : „Built for the battlefield, not the lab“ Ergänzt mit dem Spruch: „Battlefield-testes in Ukraine“.
Am 17. Juni 2026 veranstalten die TUM Venture Labs beispielsweise einen „Defense Fundraising Class“. „Dieser Kurs bringt wichtige Akteure zusammen, um Gründer*innen dabei zu helfen, Risikokapital, öffentliche Förderung und Skalierung im Verteidigungsökosystem zu verstehen.“ Die meisten der Labore, die die TU angehenden Hightech-Wissenschaftler*innen und Rüstungsunternehmen anbietet, befinden sich in Garching.
Dieser Ergänzung ging nur eine kurze Recherche voraus, die deutlich umfangreicher ausfallen könnte. Sie sollte jedoch ausreichen, um den Charakter der Forschung darzustellen, die in Garching seit 70 Jahren betrieben wird.
Es ist davon auszugehen, dass nicht nur Staatsanwälte und Innenminister von der Bedeutung und dem Stellenwert des Standorts in Garching wussten, sondern auch die Saboteur*innen, die vor einer Woche die Brände an den Strommasten in Garching legten.
Quelle: Indymedia






