Eine Nachricht an die Klimabewegung
anonym 23. April 2026
In den letzten zehn Jahren hat eine neue Generation von Aktivist:innen sowohl in Europa als auch darüber hinaus die Klimabewegung sichtbar gemacht. Gruppen wie Extinction Rebellion, Fridays for Future und Ende Gelände ist es gelungen, aus dem Schattendasein hervorzutreten und Millionen von Menschen davon zu überzeugen, sich für den Schutz unseres Planeten einzusetzen. Denn es ist noch gar nicht so lange her, dass nur wenige Menschen sich der Möglichkeit einer Klimakatastrophe bewusst waren – heute ist genau das Gegenteil der Fall. Diese Erfolge möchte ich keineswegs kleinreden. Was ich jedoch aufzeigen möchte, ist, dass der Umweltaktivismus wenig oder gar keinen Einfluss auf etwas sehr Wichtiges hatte, auf das Einzige, was wirklich zählt: die tatsächliche Senkung der von Menschen weltweit verursachten CO2-Emissionen. Diese Emissionen steigen weiterhin jedes Jahr an, genauso wie die globalen Durchschnittstemperaturen, Wetterkatastrophen oder die Anzahl der aussterbenden Arten. Die gesellschaftliche Anerkennung dessen allein reicht nicht aus. In all ihren Kernzielen bleibt die Klimabewegung daher ein deutlicher Misserfolg.
Ich habe eine Vermutung, warum das so ist. Die Klimabewegung ist nämlich immer noch der Auffassung, dass die Herrschenden überzeugt werden müssen, um die notwendigen Veränderungen für uns herbeizuführen. Obwohl sie sich einer Ästhetik von direkten Aktionen bedient, konzentriert sich der Großteil des Klimaaktivismus darauf, die Aufmerksamkeit der Medien (einschließlich der Mainstream-Sozialen Medien, die ebenso wie Fernsehen und Zeitungen eine Erweiterung der kapitalistischen Macht darstellen) zu gewinnen, um gesellschaftliche Anerkennung zu erlangen und letztendlich Einfluss auf Politiker:innen auszuüben. Die politische Elite wird diese Krise jedoch niemals lösen können, denn das System, das ihr Macht verleiht, ist das selbe System, das unmittelbar davon lebt, den Planeten zu zerstören. Was wir als „Wirtschaft“ bezeichnen, ist eine außer Kontrolle geratene Megamaschine, die alles, was nicht unbegrenzte Expansion ermöglicht (ein Prozess, der immer ökologische Zerstörung mit sich bringt), als eine Art Desaster betrachtet. Unabhängig von ihrer Zugehörigkeit oder welche Versprechen sie machen, schwören alle Politiker:innen und Konzerne dieser rückständigen Logik des weltfressenden Monsters die Treue.
Manche würden jedoch argumentieren, dass gewisse Teile der Klimabewegung von dieser Problematik ausgenommen sind. Im Gegensatz zu Extinction Rebellion und Fridays for Future stellen antikapitalistische Gruppen wie Ende Gelände keine expliziten Forderungen an Politik, sondern konzentrieren sich darauf, kritische Infrastruktur direkt zu stören. Allerdings ist nicht davon auszugehen, dass die friedliche Besetzung einer Kohlemine (oder ihrer Zufahrtswege) für einige Stunden ein realistischer Weg ist, um sie endgültig stillzulegen; vielmehr handelt es sich hierbei lediglich um eine weitere Möglichkeit, das Interesse der Medien zu wecken. Denn solche Aktionen sind nur dann von Nutzen, wenn man bewusst oder unbewusst darauf hofft, dass Politiker:innen dadurch überzeugt werden können, einzugreifen und die Wirtschaft für uns zu reformieren. Andere Massenorganisationen (zum Beispiel Soulevemont de la Terre/Aufstände der Erde) mögen als einen Schritt in die richtige Richtung erscheinen, da sie die Sabotage ökozidaler Infrastrukturen befürworten und in diesem Sinne etwas fördern, das einer direkten Aktion ähnelt (wenn auch unter der Führung einer geheimnisvollen Avantgarde). Aber auch dies könnte nur ein weiterer verführerischer Weg sein, die Aufmerksamkeit der Medien zu gewinnen, denn solche Angriffe wären weitaus wirkungsvoller, wenn sie von kleinen, autonomen Gruppen durchgeführt würden, die im Schutz der Dunkelheit zuschlagen, insbesondere dort, wo die Behörden nicht damit rechnen.
Kurz gesagt, der Großteil der Klimabewegung fokussiert sich darauf, Hilfe von einem System zu fordern, das von seinem Wesen her unfähig ist, darauf zu reagieren. Dies begünstigt ein Gefühl der Machtlosigkeit und Bevormundung und suggeriert, dass normale Leute nicht in der Lage seien, die Klimakrise selbst zu bewältigen. Aber eigentlich ist es genau umgekehrt. Wir werden alle verbrannt sein, bevor die Regierungen das Notwendige tun. Es liegt daher an den nicht spezialisierten, aber entschlossenen Rebell:innen, unmittelbar mit der Lösung der Krise zu beginnen. Doch wie könnte das aussehen? …Indem wir unverzüglich die notwendigen Maßnahmen ergreifen, die die Herrschenden niemals ernsthaft in Betracht ziehen würden. Konkret heißt das, Kraftwerke, Flughäfen, Autobahnen und Fabriken stillzulegen und gleichzeitig dezentrale (und damit ökologisch orientierte) Möglichkeiten zu schaffen, um uns ohne sie zu versorgen. Dieser Vorschlag bedeutet zweifellos eine massive Eskalation der Strategie. Angesichts der Ernsthaftigkeit der Lage und der Tatsache, dass sich die derzeitigen Methoden als unzureichend erwiesen haben, halte ich es jedoch für angebracht, eine radikale Überprüfung unseres Ansatzes in Betracht zu ziehen.
Inspiration dafür gibt es bereits. Die Kampagne „Switch Off!“ (die 2022 in Deutschland ins Leben gerufen wurde und sich seitdem über Europa hinaus verbreitet hat) etwa verzichtet darauf, den Kapitalismus reformieren zu wollen und hat stattdessen zum Ziel, die Infrastruktur, die für die Zerstörung des Planeten verantwortlich ist, direkt außer Gefecht zu setzen. Insgesamt nehmen solche Sabotageakte zu, unabhängig davon, ob sie mit dem oben genannten Slogan, einem anderen oder gar keinem Bekenntnis in Verbindung stehen. Um nur einige der vielen bedeutsamen Aktionen zu nennen: Im September 2023 wurde das Schienennetz außerhalb Hamburgs an mehreren Stellen sabotiert, wodurch einer der größten Häfen Europas erheblich gestört wurde; Im März 2024 führte ein Brandanschlag auf das Stromnetz in der Nähe von Berlin dazu, dass die riesige Tesla-Gigafactory für mehrere Tage lahmgelegt wurde; Im Mai 2025 verursachte eine doppelte Brandstiftung in einem Umspannwerk und an einem Hochspannungsmast einen Stromausfall im Südosten Frankreichs, wodurch ein Flughafen, verschiedene Fabriken und das Filmfestival von Cannes ohne Strom waren. Außerdem sei daran erinnert, dass der Flughafen London Gatwick 2018 für mehrere Tage geschlossen wurde, angeblich (und aus ungeklärten Motiven), weil eine Handdrohne über den Start- und Landebahnen geflogen war. Trotz massiver polizeilicher Ermittlungsmaßnahmen konnten die Täter:innen dieser leicht reproduzierbaren Tat nie gefunden werden; und auch die anderen hier erwähnten Taten haben bislang zu keinen Festnahmen geführt. Im Gegensatz dazu wird bei den herkömmlichen Taktiken von Klimaaktivist:innen (z. B. Einsatz von Lock-ons, Tripods, Sekundenkleber) eine Verhaftung als selbstverständlich vorausgesetzt, wodurch unsere Mitstreiter:innen den Gerichten, dem Gefängnis und einer ständigen Überwachung ausgeliefert werden. Dies ist ein hoher Preis für Aktionen, die abgesehen davon, dass sie eine unterwürfige Haltung gegenüber den Behörden fördern, wenig oder gar keinen Einfluss auf die Funktionsfähigkeit klimaschädlicher Industrien haben.
Um ein Problem von der Tragweite des Klimawandels anzugehen, müssen die Angriffe auf umweltzerstörerische Infrastrukturen jedoch weit umfassender werden. Dies könnte so aussehen, dass wir uns nicht mehr nur auf bestimmte Industriezweige fokussieren, sondern die industrielle Zivilisation als Ganzes ins Visier nehmen. Das heißt, auf die relevanten Produktions-, Extraktions- und Forschungszentren ebenso zu zielen, wie auf das Stromnetz, das sie miteinander verbindet. Also genau das Netzwerk, das dem System der Zerstörung überhaupt erst seine Power (im doppelten Sinne des Wortes) gibt. Eine solch kühne Vision mag vielen vielleicht unpassend erscheinen. Aber allzu oft wird vergessen, dass der Klimawandel und die industrielle Zivilisation in Wirklichkeit ein und dasselbe Problem darstellen. Denn der vom Menschen verursachte Klimawandel ist kein sehr altes Phänomen, sondern erst so alt wie die Industrialisierung selbst. Seit etwa 150 Jahren ist das menschliche Leben zunehmend auf die Nutzung von Maschinen ausgerichtet, die fossile Brennstoffe in Energie umwandeln und dabei Kohlendioxid ausstoßen. Mit anderen Worten: Die menschliche Kultur wurde in eine Abhängigkeit von einer sich ständig ausweitenden Infrastruktur gezwungen, die nicht funktionieren kann, ohne das Klima zu vergiften. Die industrielle Revolution liegt zwar erst wenige Generationen zurück, doch ihre Folgen haben bereits viele dazu veranlasst, die Lebensfähigkeit über dieses Jahrhundert hinaus in Frage zu stellen. Es könnte keine vernichtendere Anklage gegen diesen relativ jungen technologischen Wandel geben.
Manche werden natürlich entgegnen, dass die industrielle Zivilisation nicht zwangsläufig umweltschädlich ist und sich bereits im Wandel befindet. Die Rede ist hier von der sogenannten „grünen Transformation“, die quer durch das politische Spektrum als Lösung für die Klimakrise angepriesen wird. Es ist jedoch ein weit verbreiteter Irrtum zu glauben, dass Wind-, Solar- oder Wasserkraft echte Alternativen zu herkömmlichen Methoden darstellen, denn in Wirklichkeit werden sie zusätzlich zu fossilen Brennstoffen genutzt, die derzeit in größeren Mengen als je zuvor verbrannt werden. Zu glauben, dass die kapitalistische Wirtschaft jemals akzeptieren würde, unerschöpfte Kohle-, Gas- oder Ölvorkommen im Boden zu belassen, verkennt die Kernlogik eines auf unbegrenztem Wachstum basierenden Systems. Die Rekordinvestitionen in grüne Technologien haben daher lediglich dazu geführt, dass der weltweite Energieverbrauch auf ein noch nie dagewesenes Niveau gestiegen ist.
Darüber hinaus ist die derzeitige wirtschaftliche Umstrukturierung nicht nur kein wirklicher Wandel, sondern auch alles andere als umweltfreundlich. Denn einerseits sind fossile Brennstoffe sehr ergiebige Energiequellen, an die weder Sonnenlicht, Wind noch Wasser auch nur annähernd heranreichen; folglich müssen „erneuerbare Energien“, wenn sie das derzeitige Niveau der Energiegewinnung aufrechterhalten sollen, dafür weitaus größere Flächen beanspruchen als diejenigen, die bereits für die Energieerzeugung genutzt werden. Anderseits hängen die Schlüsseltechnologien dieser Umstrukturierung stark von der Gewinnung von Mineralien ab, insbesondere durch den Bergbau. So werden beispielsweise Nickel und seltene Erden für die Herrstellung von Solarmodulen und Windkraftanlagen benötigt, und Lithium und Kobalt sind wichtige Bestandteile ihrer Batterien, sowie derjenigen von Elektroautos, E-Bikes und Smartphones. Das hat zur Folge, dass die kapitalistische Wirtschaft im Namen des Umweltschutzes jeden Winkel der Erde auf der Suche nach lukrativen Ressourcen plündert, und dadurch ökologische Zerstörung, Zwangsarbeit und geopolitische Konflikte noch weiter voran treibt. Selbst die unerforschten Tiefen der Ozeane werden derzeit dazu durchwühlt, und als Nächstes werden dann Asteroiden und andere Planeten an der Reihe sein. Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass das, was als technologische Lösung für die Klimakatastrophe angepriesen wurde, nichts anderes als eine riesige Lüge ist, welche die weitere Expansion der Megamaschine verschleiern sollte.
In den Äußerungen der meisten Menschen, denen man heute begegnet, ist zwar die Erkenntnis vorhanden, dass die Menschheit die Biosphäre zerstört – und damit zugleich Suizid begeht. Doch die wenigsten davon sind bereit, die Krise als das zu begreifen, was sie tatsächlich ist, nämlich das Ergebnis einer außer Kontrolle geratenen technologischen Entwicklung. Dieses Problem lässt sich nicht durch Wahlen, Petitionen, Proteste, Boykotte oder Investitionen lösen. Die einzige wirkliche Antwort auf die Klimakrise ist es, die industrielle Zivilisation insgesamt anzugreifen. Ich gehe aber nicht davon aus, das dieser Vorschlag viel Zuspruch kriegen wird, schließlich würde das bedeuten, die einzige Welt die wir kennen, grundlegend zu destabilisieren. Viel mehr müssen wir uns wohl damit abfinden, dass viele oder sogar die meisten Menschen für immer darauf bestehen werden, ihre Autos, Kühlschränke und Smartphones weiter zu nutzen – selbst wenn das bedeutet, dafür die Luft opfern, die wir zum Atmen brauchen. Es liegt daher an denjenigen, deren Prioritäten anders gelagert sind, weitere mutige und kompromisslose Taten zu vollbringen.
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Zuerst veröffentlicht auf actforfree.noblogs.org, 15. August 2025.
Übersetzung aus dem Englischen aus Macchie Nr. 2.
Angesichts der Kriege zwischen Staaten: Verweigerung und Sabotage!
von: anonym am: 22.04.2026 - 17:01
Angesichts der Kriege zwischen Staaten: Verweigerung und Sabotage!
Indymedia Lille / Mittwoch, 8. April 2026
In der Nacht vom 6. auf den 7. April haben wir in Bourges (Frankreich) und Umgebung das Stromnetz sabotiert, das diese „Hochburg der nationalen Verteidigung“ versorgt. Dort treffen Militärschulen, die Generaldirektion für Rüstung (eine französische Behörde für Rüstungsbeschaffung) und technische Ausbildungszentren auf den „wichtigsten Standort der Rüstungsindustrie in Europa“: den Raketenhersteller MBDA, den deutsch-französischen Panzerbauer KNDS (Nexter) sowie Zulieferfirmen wie Roxel, Michelin, Mécachrome, Auxitrol Weston und ASB Aerospatiale und zahlreiche weitere Unternehmen der Branche.
Angesichts der Kriege zwischen Staaten: Verweigerung und Sabotage!
Indymedia Lille / Mittwoch, 8. April 2026
In der Nacht vom 6. auf den 7. April haben wir in Bourges und Umgebung das Stromnetz sabotiert, das diese „Hochburg der nationalen Verteidigung“ versorgt. Dort treffen Militärschulen, die Generaldirektion für Rüstung (eine französische Behörde für Rüstungsbeschaffung) und technische Ausbildungszentren auf den „wichtigsten Standort der Rüstungsindustrie in Europa“: den Raketenhersteller MBDA, den deutsch-französischen Panzerbauer KNDS (Nexter) sowie Zulieferfirmen wie Roxel, Michelin, Mécachrome, Auxitrol Weston und ASB Aerospatiale und zahlreiche weitere Unternehmen der Branche.
Kriege sind die Geburtsakte der Staaten; ihre Arsenale und Armeen sind zugleich ihre Lebensversicherung und ihre Visitenkarte.
Für die Staaten ist das Wettrüsten eine Frage des Überlebens, in der Angriff und Verteidigung ineinander übergehen – und in der am Ende immer die Bevölkerung den Preis zahlt. Waffen werden nicht für die Paraden am 14. Juli produziert, sondern um verkauft und eingesetzt zu werden. Dieses verdammte Land ist immerhin der zweitgrößte Exporteur von Todestechnologien weltweit und beliefert rund sechzig Staaten damit. Diese Militarisierung bringt überall Gehorsam, Eroberung, Massaker, Vergewaltigungen, Inhaftierungen und Zerstörung hervor.
Krieg und Frieden sind nur scheinbare Gegensätze innerhalb einer strategischen Kontinuität aller Mächte: zu unterwerfen und sich alles anzueignen, was sich zur Ressource machen lässt. Diese schonungslose Realität wird täglich durch eine Propaganda verschleiert, die zugleich subtil und plump ist. Jede Seite bedient sich derselben Muster: „Der andere ist eine Bedrohung“, „der andere ist ein Monster“, „unsere Werte und unsere Sache sind die einzig gerechten“, „wir reagieren lediglich auf eine Aggression“.
Wir sind jene, die die Mythen zerschlagen wollen, die die Unterdrückten glauben lassen, sie stünden auf der Seite ihrer Unterdrücker . Von der Front bis ins Hinterland beruht der Kriegsaufwand auf unserer Zustimmung und unserer massenhaften Mobilisierung – so wie in diesem militärisch-industriellen Komplex.
Hier wie anderswo trägt jede*r, aktiv oder passiv, Verantwortung dafür, dass diese Kriegsmaschine weiterläuft.
Doch fernab von männlich dominierten Hierarchien und ihrem disziplinarischen Gestank – was würde uns daran hindern, eines schönen Morgens in einen zermürbenden Kampf gegen alle Kriege und ihre Ursachen zu ziehen?
Sich den Kriegstreibern zu widersetzen, ist jederzeit möglich und absolut notwendig. Lasst uns also alle die Reihen verlassen – und vorwärts!
Frankreich: Bahnhof „La Gare“ geräumt.
anonym
Der ehemalige Bahnhof von Lumeville auf der zukünftigen Castorstrecke in Bure/Frankreich ist geräumt
Bahnhof „La Gare“ geräumt.
Der ehemalige Bahnhof von Lumeville auf der zukünftigen Castorstrecke in Bure/Frankreich ist geräumt. Seit 19 Jahren war der Bahnhof ein wichtiger Ort des Widerstandes gegen das Atomprojekt CIGEO welches in Bure einen Ort der Endlagerung für den französischem Atommüll schaffen soll.
Viele Aufrufe aus Bure in Frankreich gab es in den letzten Monaten zur Besetzung und Verteidigung des Bahnhofs, welcher seit einigen Wochen nach langem juristischem Tau ziehen, auch „offiziel“ räumbar war. Leider haben diese Aufrufe nur mässig funktioniert. Im Angesicht des 8 Hektar großen Geländes bräuchte es eine große Anzahl entschloßener Menschen im Moment der Räumung um diese zu verhindern.
Aufgrund des unbekannten Räumungsdatums wäre diese Anzahl realistisch nicht zu erreichbar gewesen. Aus diesem Grund haben wir uns entschieden die Geschichte dieses wundervollen Ortes selber weiter zu schreiben und sie nicht der Präfektur zu überlassen. Wir werden nicht zulassen das sie unsere Ohnmacht zur Schau stellen sondern haben die Geschichte des Bahnhofes auf unsere Weise kämpferisch und kraftvoll weiter geschrieben.
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Für das Wochenende vom 16 bis zum 20. April gab es einen Aufruf am Bahnhof zusammenkommen und sich gemeinsam kraftvoll am 20. zu verabschieden. Am Sonntag war es dann soweit. Kurz vor 15 Uhr wurde die Straße zwischen Lumeville und Mandres besetzt und verbarrikadiert. Nach einer Stunde fröhlichem Barrikadenbauens setzten sich viele der Anwesenden zu einer Demonstration nach Mandres in Bewegung und verabschiedeten sich von diesem geliebten Ort.
Als gegen 19 Uhr die Polizei mit zwei Räumpanzern (Centaur) auftauchte entzündeten sich wundersamerweise die Barrikaden und verhinderten die direkte Durchfahrt. Bis in die späten Abendstunden brauchten sie, um die Straße zu räumen (sie waren nicht erfolgreich) und auch die Räumpanzer kamen an ihre Grenzen. Am Morgen des 20. April begann die eigentliche Räumung des Bahnhofs. Aber wir waren schneller und wollten uns nicht verprügeln, mit Tränengas beschießen und festnehmen lassen. So fand die überraschte Staatsmacht ein verlassenes brennendes Gelände vor. Wir haben unsere Geschichte selbstgeschrieben.
Haltet euch auch in den kommenden Tage auf bureburebure.info auf dem Laufenden.
Fight CIGEO Fight ANDRA
Hier findet ihr den übersetzten Ticker vom 19. April.
22 Uhr: Die Bullen haben sich für heute Abend aus der Umgebung des Bahnhofs verzogen. Ende des Live-Ticker. Der Präfekt sagt den Journalist*innen, dass dieser Einsatz nur dazu diente, die Straße freizumachen, und dass es sich nicht um eine Räumung handelte, aber da er ein lügender Brandstifter ist, glauben wir ihm kein Wort. Übrigens ist die Straße zu diesem Zeitpunkt immer noch nicht geräumt, also Vorsicht vor den übrig gebliebenen Barrikadenresten – das kann beim Autofahren gefährlich sein! Wir bleiben wachsam und rufen alle, die können, dazu auf, sich in Bure zu versammeln
21:22 Uhr: Ein „Centaur“ hat versucht, eine Barrikade wegzuschieben, und ist dabei grandios gescheitert – eine professionelle Barrikade von mega hoher Qualität 🙂
21:20 Uhr: Wir zählen 14 Lastwagen und 2 „Centauren“ in der Nähe des Bahnhofs.
21:00 Uhr: 2 Bullen haben einen kleinen Vorstoß in den Bahnhof unternommen und sind wieder abgezogen. Die, die noch da sind, machen seltsame Manöver.
20:41 Uhr: Die „Centauren“ und der weiße Lastwagen fahren zurück. Die Bullen stehen immer noch statisch auf der Kartoffelseite.
20:15 Uhr: Die Motorradpolizisten und die Bullen rücken auf die Felder vor.
19:54 Uhr: Das gesäte Feld ohne die Windkraftanlage, die die Bullen entfernt haben.
19:50 Uhr: Sie haben die Kuppel, aber auch den Krankenwagen weggeräumt und stehen nun an der letzten Barrikade. Immer noch nicht auf dem Bahnhofsgelände.
19:29 Uhr: Die Bullen sind in der Kuppel, ein echt seltsamer Satz.
19:26 Uhr: Die Bullen verteilen sich entlang der Straße zum Bahnhof und durchqueren die Büsche
19:23 Uhr: Ein Polizeiwagen auf der Straße nach Mandre steht im Zickzack, um die Straße zu blockieren
19:17 Uhr: Der Rauch ist weniger dicht, man sieht wieder die Zelte auf dem Dach des Bahnhofs. Man hört keine Schüsse mehr. Die Bullen ziehen sich in Richtung Kartoffelfelder zurück. Im Moment sind die Bullen noch nicht in den Bahnhof eingedrungen.
19:06 Uhr: Tränengas und Warnrufe im Gang
18:54 Uhr: Die Bullen rücken rund um den Bahnhof auf. Ein Quad kommt aus Luméville. Es wird Tränengas auf den Bahnhof abgefeuert. ALARM: RÄUMUNG.
18:45 Uhr: Die Lastwagen bewegen sich auf die Barrikaden zu.
18:30 Uhr: 12 Lastwagen fahren in Richtung Luméville vorbei, begleitet von einem Hubschrauber.
18:00 Uhr: Es ist ruhig, vielleicht schreiben wir noch was, wenn wir Neuigkeiten von den Barrikaden haben. NIEDER MIT DER ANDRA, MÖGEN DIE NUKLEOKRATEN UND DIE BULLE VERGEHEN!
17:45 Uhr: Samosas und Schokoladencrêpes in Mandres; der brennende Krankenwagen. Man isst im Augustine, während die Bullen weiterhin Autos mit Vollgas in Richtung der Barrikaden durchlassen. Hoffen die Bullen etwa, dass das die Einheimischen gegen uns aufbringt? SKDM!
17:03 Uhr: Professionelle Barrikaden rund um den Bahnhof:
16:42 Uhr: Das Legal-Team chillt voll in der Sonne, das sind super Neuigkeiten!
16:20 Uhr: „Ruhiger Start der Demo, Noisette ist bereit, hoffentlich läuft alles gut für Noisette und die Person, die sie auf dem Rücken trägt!“
Die Demo kommt langsam in Schwung!
Wir sind ein bisschen verstreut zwischen den vorderen Gruppen und den Leuten, die sich um die Barrikaden herum aufhalten!
Der heutige Tag bis 16 Uhr ist „ein schöner Sonntag am Bahnhof!“ Es sind jede Menge neue Barrikaden aufgetaucht, der Bahnhof ist verdammt viel größer als vorher! Es sieht so aus, als würden etwa 70 Leute im Demonstrationszug losziehen, und gut 30 bleiben hier! Polizei: 4 Polizeiwagen am Gabelkreuz; in Mandres steht ein schwarzes Polizeiauto mit zwei bösguckenden Bärtigen. Zivilpolizisten oder RG?
16:10 Uhr: Es geht in Richtung Mandres zurück. Auf einem der Fotos sieht man die Kuppel, den Bahnhof und das Feuer. Die Bullen stehen etwas weiter entfernt an der Gabelung!
15:50 Uhr: Weniger als 4000 Menschen vor Ort, entgegen der Ankündigung des Präfekten!
Der alte Krankenwagen vom Bahnhof wurde auf die Straße geschleppt und angezündet. Parallel zum Anzünden machen die Leute die Barrikaden schöner denn je und andere erkunden die unterirdischen Flüsse
15:30 Uhr: Die Kuppel steht, einige Journalist*innen hatten sich zwischen der Windkraftanlage und der Kuppel eingeklemmt, konnten aber schließlich entkommen, lol
14:48 Uhr: Es wächst auf dem Gelände der Andra! Kartoffeln, Salbei, Bohnenkraut und Sauerampfer aus dem Garten der Keimenden und vom Bahnhof 🙂
14:32 Uhr: Immer noch ein Hubschrauber, der in Richtung Mandres fliegt, und auch eine Drohne in Richtung Bahnhof Das Team im Schatten und in der Sonne. Ein Kuss vom heutigen Medienteam, das die Nacht liebt
13:55 Uhr: Vor dem Bahnhof stehen Autos von Journalisten
13:53 Uhr: Hubschrauber über dem Bois de Glande Noix in Richtung Bahnhof
13:50 Uhr: 3 Polizisten neben dem Misthaufen auf dem Feld Auf dem Weg, der von der D138 zum Bois de Glande Noix führt (in Richtung Labor)
13:33 Uhr: 4 Fahrzeuge der Gendarmerie + Motorräder, Abzweigung von Bonnet in Richtung Mandres. Kontrolle im Gange
13:28 Uhr: Ende der Versammlung Das Ziel ist es, um 15 Uhr vom Bahnhof in Richtung Mandre aufzubrechen. Die Abfahrt verzögert sich, damit die Leute Zeit haben, anzukommen, denn auf der Straße gibt es Kontrollen. Manche sagen, das liege daran, dass wir Linke sind und immer zu spät kommen. Außerdem wird das Wetter schön. Einige Leute haben die Windkraftanlage absichtlich neben dem Bahnhof umgeworfen, um sie auf eine Barrikade zu bringen, und es war krass, das zu sehen. Sie sind gerade dabei, die Kuppel umzustoßen. Das Wetter ist schön, die Leute sind entspannt, die Stimmung ist gut, und die Versammlung verlief reibungslos und klar, was ein gutes Gefühl war.
13:10 Uhr: 5 Lastwagen + 2 Autos auf dem Bauernhof an der Ausfahrt von Mandres auf der Route de l’Antenne.
12:20 Uhr: Kontrolle mit Durchsuchung des Fahrzeugs in Ribeaucourt
Es ist 12:13 Uhr und wir starten den Info-Thread!
Die Demonstration beginnt um 15 Uhr am Bahnhof; derzeit steht alle 200 Meter ein Transporter zwischen Mandres und dem Bahnhof. Es ist nicht bekannt, ob Kontrollen stattgefunden haben oder nicht.
siehe auch:
Einige Neuigkeiten vom Bahnhof und zu den jüngsten Mobilisierungen vor Ort
KI kurzschliessen!
Von Barrikade (source)
Der momentane Hype rund um KI ist nicht zu umgehen. KI-Sprachmodelle wie ChatGPT sind omnipräsent und in allen möglichen Bereichen wird KI als Lösung für alles angepriesen. Dabei ist der Begriff „Künstliche Intelligenz“ pure Propaganda: KI ist nicht intelligent, sondern einfach „Statistik auf Steroiden“. Und KI ist auch nicht rein aus künstlichen Einsen und Nullen, sondern hat sehr reale gesellschaftliche und ökologische Auswirkungen auf die Leben vieler Menschen und Gemeinschaften.
KI als Brandbeschleuniger für die Klimakrise
Diese materiellen Auswirkungen des KI-Hypes zeigen sich auch in der Schweiz: In den nächsten Jahren sollen über 10 neue Datenzentren aus dem Boden gestampft werden, obwohl die Schweiz schon jetzt eine der höchsten Dichten an Datenzentren in Europa hat. Datenzentren verbrauchen gewaltige Mengen an Strom und Wasser. Dafür werden die Trinkwasserreserven der lokalen Bevölkerung angezapft, während Politiker*innen den hohen Stromverbrauch von Datenzentren bereits als Vorwand benutzen, um wieder neue Atomkraftwerke zu bauen. Damit ist KI-Infrastruktur ein Brandbeschleuniger für die ohnehin schon eskalierende Klimakrise.
KI bedeutet Überwachung und Krieg
Auch die grausigen Gestalten, die hinter dem KI-Hype stehen, sollten unseren Argwohn wecken: Faschistoide Techoligarchen wie Elon Musk oder Peter Thiel treiben den Ausbau von KI-Infrastruktur voran, um ihre Macht über die Bevölkerung auszubauen. Von der Palantir-Software, die ICE für seine Abschiebekampagne nutzt, über das KI-Modell „Claude“, das die USA für den Angriff auf den Iran nutzt, bis zur Google-KI-Anwendung, die im Genozid in Gaza Tötungsziele definiert: KI ist Überwachungs- und Kriegstechnologie! Auch in der Schweiz wird die Überwachung durch KI ausgebaut. So darf beispielsweise die Zürcher Polizei mit dem revidierten Polizeigesetz künftig massenhaft Daten über die Bevölkerung sammeln und mit KI-Systemen automatisiert auswerten.
Ausbeutung des Globalen Südens
Für Chips und andere KI-Infrastruktur werden seltene Rohstoffe wie Lithium oder Kobalt benötigt. Diese werden unter prekärsten Bedingungen in Kriegsgebieten abgebaut, beispielsweise in der Demokratischen Republik Kongo. Hinter sogenannt „intelligenten“ Systemen stehen ausserdem tausende von Klickarbeiter*innen, die sich unter miserablen Arbeitsbedingungen hochgradig verstörende Inhalte anschauen und aussortieren müssen. Auch diese Arbeit wird mehrheitlich in Länder des Globalen Südens ausgelagert. Der massive Ausbau von KI basiert also auf der Ausbeutung von Rohstoffen und Arbeit im Globalen Süden.
KI ist ein Angriff von Staat und Kapital gegen uns alle – wehren wir uns dagegen! Ob Baustellen für neue Datenzentren oder Standorte von Tech-Konzernen: Mögliche Angriffspunkte gibt es mehr als genug. Hier eine Karte mit möglichen lokalen Angriffspunkten in der ganzen Schweiz – Lasst eurer Kreativität freien Lauf: aufstaendederallmende.org
Ausserdem wird vom 2.-9. Juli in der region Schaffhausen ein Widerstandscamp gegen den Ausbau von Datenzentren und die Macht der Techoligarchen stattfinden. Save the date und teilt das Datum!
Mehr Infos:
Webseite: aufstaendederallmende.org
Telegram: t.me
Signal: signal.group
Insta: @aufstaende.der.allmende
Künstliche Intelligenz wird zur Mustererkennung von menschlichem Verhalten im Berliner U-Bahnverkehr installiert
von: Rollo Tomasi am: 20.04.2026 - 22:35
Die autoritären Sicherheitsdiskurse, die über Jahre Teil der öffentlichen Debatte waren, sind am besten an landeseigenen Gesellschaften wie den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) sichtbar. Die BVG wird dabei genutzt, um der Politik als Experimentierfeld für staatliche Überwachungssysteme zu dienen. Eingebettet wurden diese Millioneninvestitionen dabei in jahrelang geführte Sicherheitsdiskussionen, die sich an spektakulären Gewalttaten im öffentlichen Nahverkehr entfachen und mit polizeilichen Statistiken unterfüttert werden. Die immer weiter technisierten Überwachungssysteme gipfeln jetzt in Kameras, die mithilfe von Künstlicher Intelligenz Muster menschlichen Verhaltens erkennen können.
Wer sich als Ur-Berliner an das damalige Berlin und die BVG zurückerinnert, weiß, dass die zum Teil hundert Jahre alten Strukturen Anfang der 2000er im miserablen Zustand waren. In den U-Bahnhöfen
wurden im Zuge von Einsparungen die Bahnhofsschaffner bzw. Stationsaufsichten über Jahrzehnte abgeschafft, die in Kästen auf den U-Bahnhöfen Dienst schoben und die U-Bahnen abfertigten. Damals drehte sich die Diskussion darum, ob durch den Wegfall von Personal auf den Bahnsteigen die Sicherheit leiden würde. Um dem entgegenzuwirken, wurden dann Notrufsäulen seit den 1990er Jahren an beiden Enden der Bahnsteige installiert, die jeweils von einer Kamera überwacht wurden, bei der sich die BVG-Sicherheit bei Notrufbetätigung zuschalten konnte. Die Kamera für die jeweilige Notrufsäule wurde dabei oft so installiert, dass sie versuchten, den Bahnsteig in seiner Gänze zu erfassen. Neben der Zuschaltung bei Notrufen, wurden die verschiedenen Kamerabilder der Kameras zufällig auf eine Leinwand in der (geheimen) Sicherheitszentrale der BVG in der Zentrale des Unternehmens am Gleisdreieck übertragen. Die Qualität dieser länglichen Kameras war jedoch miserabel und zufällig aufgenommene Gewalttaten oder Straftaten waren für die Polizei nur in schlechter Qualität verfügbar. Zudem waren die Speicherfristen für Kamerabilder durch strenge Datenschutzgesetze nur 24 bis 48 Stunden verfügbar. Eine spätere Strafverfolgung war somit damals oft nicht mehr möglich, wenn eine Anzeige zu spät kam oder ein Antrag zur Sicherung der Aufnahmen zu lange dauerte.
Die Diskussion über die Sicherheit im Nahverkehr entbrannte dabei damals immer wieder an Gewalttaten von Jugendlichen, die in Streits Erwachsene ÖPNV-Nutzer ins Krankenhaus prügelten. Die Zeitungen damals titelten mit den verschwommenen Bildern von vergrößerten und verpixelten Kamerabildern, auf denen der fast unkenntlich verschwommene Täter seine Gewalttat ausführte. Besonders stark sind die Übergriffe in Lichtenberg und in der Friedrichstraße in Erinnerung. In Lichtenberg wurden in der Nacht zum 12. Februar 2011 zwei Handwerker von einer Gruppe Jugendlicher zusammengeschlagen, wobei die vier sehr jungen Täter zwischen 14 und 17 Jahren einen 30-jährigen Handwerker ins Koma prügelten. Der Fall wurde dabei von Überwachungskameras bei einer Treppe aufgezeichnet und den Medien wurden entscheidende Tatsequenzen zugespielt. Dies befeuerte eine Diskussion über Jugendgewalt und Sicherheit im ÖPNV, wobei die Aufnahmen immer permanent, während der Sicherheitsdiskurse abgespielt wurden und die Diskussion mit einer pro Überwachungstendenz endete. Auch juristisch war der Fall besonders, weil die Anklage gegen die Heranwachsenden den Vorwurf des versuchten Mordes lautete. Dementsprechend hart wurde damals geurteilt und der jugendliche Haupttäter kassierte eine mehrjährige Haftstrafe. Neben der medialen Aufbereitung der Gewalttat spielte dabei jedoch auch die dauerhafte gesundheitliche Schädigung des Handwerkers mit rein.
Eine Gewalttat im April 2011 an der Friedrichstraße wurde ebenfalls aufgezeichnet, wobei ein 18-jähriger Jugendlicher einen 29-Jährigen plötzlich angriff und dem am Boden liegenden gezielt gegen den Kopf trat, sodass er das Bewusstsein verlor. Nur ein eingreifender Zeuge hielt den Haupttäter von weiteren Tritten gegen den Kopf ab. Auch hier wurde ein Haftbefehl wegen versuchten Totschlags erlassen, wobei die Täter sich freiwillig bei der Polizei stellten, nachdem die Aufnahmen veröffentlicht worden waren. In der medialen Diskussion wurde neben sicherheitsverschärfenden Forderungen zudem versucht, die Gewalttat mit Musik des Rappers und Sprühers Taktloss in Verbindung zu bringen, die der Täter privat konsumierte.
Das Schockierende für die Öffentlichkeit an den Gewalttaten in Lichtenberg und der Friedrichstraße war, dass die Taten zwar durch Kameras dokumentiert wurden, aber die eigentliche Gewalttat nicht verhindert werden konnte. Für potenzielle Straftäter hatte eine Kamera nur mäßige bis keine Abschreckung. Bei schweren Gewalttaten konnte zwar der verpixelte mutmaßliche Straftäter veröffentlicht werden, wer jedoch nicht polizeibekannt oder allzu auffällig war, konnte meist nicht identifiziert werden. Das Risiko einer späteren Strafverfolgung war damals noch eher gering. Bei kleineren Delikten wie Sachbeschädigungen und Graffiti spielten Kameras eine eher psychologische Rolle, weil eine Öffentlichkeitsfahndung bei diesen Delikten eigentlich nicht stattfand. Trotz der eher geringen präventiven Wirkung von Kameras, legten diese medialen und sicherheitspolitischen Diskussionen rund um die Gewalttaten, den Grundstein für eine forcierte Kameraüberwachung im ÖPNV.
Neben den U-Bahnhöfen wurden die Kameras ab ca. 2008 schrittweise bei neuen U-Bahnen zum neuen Standard. Ab ca. 2013 waren erste umgerüstete ältere U-Bahnen mit Kameras in den Waggons unterwegs und wurden auf den Linien wie der U1 zum Standard. Öffentlichen Widerstand gegen die massenhafte Überwachung gab es fast nicht, bis auf einzelne militante Aktionen, bei denen die eine oder andere Kamera besprüht oder abgerissen wurde. Von den politischen Parteien der Hauptstadt gab es zwar immer wieder Lippenbekenntnisse gegen die massenhaften Eingriffe und es wurde meist auf die kurzen Speicherfristen von maximal 48 Stunden verwiesen, die dem Datenschutz gerecht werden sollten.
Um den psychologischen Druck von Kameras zu verstärken, wurden verstärkt zusammenhängende Kamerasysteme auf den U-Bahnhöfen Berlins verbaut, die jeden Winkel des Bahnhofs beobachten. Dabei werden statische und bewegliche Domkameras eingesetzt, die klassische Kameras schrittweise ergänzten. Sie unterscheiden sich dabei durch die hervorragende Qualität und durch ihren verdeckten Sichtwinkel. Der beobachtete Fahrgast weiß nicht mehr genau, ob die Kamera ihn im Blick hat. Ganz im Sinne des Panoptikums von Foucault, muss der Überwacher gar nicht sehen, was der Überwachte genau macht, solange dieser sich beobachtet fühlt. Ab ca. 2015 wurden die sogenannten PTZ-Kameras (pan, tilt, zoom) immer mehr zum Standard. Diese schwenkbaren Dome-Kameras können zur besseren Sicht nun in HD schwenken, kippen und heranzoomen. Der Ausbau der letzten Bahnhöfe ohne diese Kameras wie in der Pankstraße oder Birkenstraße, wird auch im Jahr 2026 weiter fortgesetzt, um die letzten blinden Flecken im ÖPNV immer mehr zu schließen.
Trotz des dystopischen Ausbaus der Sicherheitsarchitektur kam es zu weiteren schockierenden und sinnlosen Gewalttaten, wie im Oktober 2016, als einer 26-jährigen Frau an der Hermannstraße auf einer Treppe in den Rücken getreten wurde. Die Frau brach sich durch den darauffolgenden Sturz den Arm, während der Täter mithilfe der HD-Überwachungsaufnahmen erst später gefasst werden konnte, als er aus dem Ausland nach Berlin zurückkam. Auch hier wurde der Fall mit weiteren politischen Überwachungsforderungen garniert.
Es zeigte sich in der Vergangenheit, dass die BVG in die sicherheitspolitischen Ambitionen der Berliner Politik von CDU und SPD stark eingebunden war. Die Medien spielten dabei eine eher unrühmliche Rolle, indem sie die Informationen der Polizei fast unkommentiert abdrucken und schockierende Aufzeichnungen der jeweiligen Gewalttaten medial verbreiten. Der Diskussionsspielraum für eine freiheitliche Gesellschaft, ohne massenhafte Kameraüberwachung wurde damit gezielt immer weiter eingeengt. Dies mag zunächst nur zum Ausbau einer unübersichtlichen Anzahl von Kameras geführt haben, in Zeiten der rasanten technologischen Entwicklung haben sich jedoch jetzt neue Möglichkeiten ergeben. Der Ausbau der Kameraüberwachung bildet nun die Grundlage für neue, ambitionierte und massenhafte Überwachungstechnologien. Dementsprechend stringent wird jetzt der nächste Schritt einer präventiven Berliner Sicherheitsarchitektur freigeschaltet. Denn mittlerweile werden bei 20 von 175 Berliner U-Bahnhöfen die Kamerabilder mithilfe von künstlicher Intelligenz ausgewertet. Mittlerweile ist das KI-System unter anderem im U-Bahnhof Seestraße, Blissestraße, Birkenstraße und Yorckstraße aktiv. Bei verdächtigen Mustern von Personen, wie Gruppenbildung, Bewegungsrichtung zum U-Bahn-Schacht oder Nähe zu Gleisen, wird nun automatisch Alarm ausgelöst und das Bild in die BVG-Sicherheitszentrale am Gleisdreieck in Kreuzberg gesendet. Damit löst die Künstliche Intelligenz zwei Probleme der Überwachungsarchitektur. Zum einen können die vielen unübersichtlichen Bilder nun automatisch vorsortiert werden, um nach Sichtung Sicherheitskräfte gezielt hinzuzurufen. Zum anderen können alarmauslösende Muster kreativ angepasst werden, je mehr Daten zur Verfügung stehen. So soll die KI zum Beispiel eine hilflose Person als ungewöhnliches Muster melden, was jedoch genauso Personen im U-Bahnhof beinhalten kann, die auf einer Bank im U-Bahnhof schlafen. Genauso könnten diese Muster auf zusammenhängende Gruppen erweitert werden, die auf dem Weg zu einem Fußballspiel oder einer Demonstration sind. Die zukünftigen Zwecke können so in Zukunft je nach Machthabender Regierung flexibel angepasst werden. Zunächst trifft das neue KI-System potenzielle Eindringlinge, die versuchen, sich zu den BVG-Anlagen Zugang zu verschaffen. Meist handelt es sich dabei um Graffiti-Sprüher oder Obdachlose, die in den U-Bahn-Tunneln schlafen wollen. Die Technik wird dabei zunächst vorwiegend in nicht-öffentlichen Bereichen der U-Bahnhöfe getestet, obwohl dafür eigentlich schon jahrelang Bewegungsmelder mit Infrarotkameras genutzt werden. Dass zusätzlich zu den Meldeanlagen nun die KI-Software genutzt wird, zeigt, das bestehende und funktionierende Sicherheitssysteme mit viel Steuergeld durch experimentelle Versuche kontinuierlich erweitert werden. Die Gesetzgeber denken dabei gar nicht daran, den technischen Fortschritt durch die hinterherhinkende Gesetzgebung einzuschränken. Im Gegenteil, es werden gezielt Schranken des Persönlichkeitsrechtes immer weiter ausgehebelt und Lücken bei der technischen Erfassung von menschlichem Verhalten ausgenutzt. Noch, so betont die BVG, sei keine Gesichtserkennung bei den KI-Kameras integriert. Es dürfte klar sein, dass die politisch Machthabenden gerade darauf schielen. Die Erkennung von biometrischen Merkmalen im Nahverkehr ist logischerweise der nächste Schritt, wie das Pilotprojekt im Frankfurter Bahnhofsviertel zeigt. Neben der Klarnamenpflicht im Internet, ist die massenhafte Erfassung von biometrischen Daten im öffentlichen Raum der nächste Schritt, der sicherheitspolitisch Diskurs, den wir diesmal gewinnen müssen.
„Those who would give up essential Liberty, to purchase a little temporary Safety, deserve neither Liberty nor Safety.“






