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„Viele Menschen haben für Metas Profit gelitten“

Die Anwältin Mercy Mutemi führt in Kenia mehrere strategische Verfahren gegen Tech-Konzerne. Im Interview erzählt sie, warum Content-Moderator:innen Gerechtigkeit verdienen und wie ihre Vision für eine selbstbestimmte digitale Zukunft Afrikas aussieht.

30.03.2025 um 09:24 Uhr - Ingo Dachwitz

Eine lächelnde Frau in einem pinken Top mit schwarzer WesteMercy Mutemi ist Rechtsanwältin bei der Kanzlei Nzili & Sumbi Advocates in Nairobi. Mit strategischen Klagen arbeitet sie an ihrer Vision einer fairen digitalen Zukunft. So führt sie zum Beispiel Gerichtsverfahren für Internetzugang als Grundrecht in Kenia und gegen Tech-Konzerne wie Meta und TikTok. Sie wurde vom Time Magazine als eine der Top 100 Next Emerging Leaders ausgezeichnet. Ich habe im Rahmen der Recherchen für das gerade erschienene Buch Digitaler Kolonialismus: Wie Tech-Konzerne und Großmächte die Welt unter sich aufteilen“ mit Mercy Mutemi gesprochen.

„Es geht uns um Rechenschaft“

netzpolitik.org: Sie haben vergangenes Jahr auf der re:publica-Konferenz in Berlin gesagt, Big Tech sei heute „auf den geschundenen Körpern und Seelen der afrikanischen Jugend errichtet“. Was meinen Sie damit?

Mercy Mutemi: Große Tech-Konzerne lagern wichtige, aber belastende Arbeit gerne nach Afrika aus. Sie tun das in einer kolonialen und ausbeuterischen Art und Weise. In Nairobi beispielsweise beschäftigte Meta über Dienstleister, sogenannte BPO-Firmen [Business Process Outsourcing], hunderte Content-Moderator:innen, die die Plattformen sicher halten. Auch viel von der Datenarbeit hinter KI-Modellen findet hier statt. Dabei werden besonders die belastenden Tätigkeiten zu uns geschickt, etwa die Arbeit mit pornografischen Inhalten. Auch ChatGPT wurde in Kenia trainiert, trotzdem konnte der Chatbot neulich nicht mal die Frage richtig beantworten, wer der aktuelle Präsident von Kenia ist.

netzpolitik.org: Sie vertreten gleich in mehreren Verfahren ehemalige Content-Moderator:innen gegen Meta und gegen Outsourcing-Firmen, bei denen sie angestellt waren. Worum geht es Ihnen?

Mercy Mutemi: Es geht uns um Rechenschaft. Viele Menschen haben für Metas Profit gelitten. Dafür muss der Konzern Verantwortung übernehmen und bessere Bedingungen schaffen. Diese Menschen haben die Sozialen Medien sicher gehalten, damit der Konzern Milliarden verdienen kann. Als Dank wurden ihre Rechte mit Füßen getreten. Sie wurden nicht fair bezahlt. Manche von ihnen wurden in dieses Land gebracht, ohne dass sie erfahren haben, was sie hier erwartet.

netzpolitik.org: So wie im Fall von Daniel Motaung, dem Content-Moderator, der 2022 als Whistleblower weltbekannt wurde.

Mercy Mutemi: Daniel wurde unter Vorspiegelung falscher Tatsachen aus Südafrika nach Kenia gebracht. Die Job-Ausschreibung enthielt irreführende Formulierungen wie „Call Center Agent“. Stattdessen wurde er bei der Outsourcing-Firma Sama angestellt und arbeitete als Content-Moderator für Meta. Tagein tagaus musste er belastende Inhalte moderieren, ohne ausreichende psychologisch Unterstützung oder gerechte Bezahlung. Als Daniel angefangen hat, die Verhältnisse zu kritisieren und seine Kollegen gewerkschaftlich zu organisieren, wurde er gefeuert.

Mir Gerichtsverfahren für Gerechtigkeit

netzpolitik.org: In einem zweiten Verfahren gegen Meta und Sama vertreten Sie gleich 184 Moderator:innen. Worum geht es da?

Mercy Mutemi: Als die Presse kritisch über Sama berichtete, hat das Unternehmen plötzlich entschieden, ganz aus dem Geschäft mit der Content-Moderation auszusteigen, um sich nur noch auf Datenarbeit für Künstliche Intelligenz zu fokussieren. Ohne große Vorwarnung wurden die Moderator:innen entlassen. Viele von ihnen haben bleibende psychologische Schäden durch die Tätigkeit erlitten. Für viele von ihnen, die aufgrund ihrer Sprachkompetenz aus anderen Ländern eingeflogen wurden, hing der Aufenthaltsstatus in Kenia an dem Job. Meta hat dann einfach eine andere Outsourcing-Firma beauftragt: Majorel.

netzpolitik.org: … ein Unternehmen, das damals zur Hälfte dem deutschen Bertelsmann-Konzern gehörte …

Mercy Mutemi: Das Unternehmen hatte offenbar eine Anweisung von Meta erhalten, keine von Sama gefeuerten Arbeiter anzustellen. Gleichzeitig hat Meta versucht, jegliche Verantwortung als Arbeitgeber von sich zu weisen. Da die Moderator:innen bei den Outsourcing-Firmen angestellt waren, könne Meta gar nicht in Kenia verklagt werden, so die Behauptung.

Digitaler Kolonialismus

Wie Tech-Konzerne und Großmächte die Welt unter sich aufteilen.

Innovativ, mächtig, rücksichtlos: Kaum eine Geschichte wird so oft erzählt wie die vom unaufhaltsamen Aufstieg der Tech-Konzerne an die Spitze der global vernetzten Welt. Nur ein Kapitel wird dabei ausgelassen: Der Preis, den der globale Süden dafür bezahlt. Der Tech-Journalist Ingo Dachwitz und der Globalisierungsexperte Sven Hilbig beleuchten diesen blinden Fleck und zeigen die weltweiten Folgen des digitalen Kolonialismus sowie bestehende Ansätze für eine gerechtere Digitalisierung auf. Soviel steht fest: AI will not fix it.Das Versprechen der Digitalen Revolution ist die Heilserzählung unsererZeit. Dieses Buch erzählt eine andere Geschichte: Die des digitalen Kolonialismus. Statt physisches Land einzunehmen, erobern die heutigen Kolonialherren den digitalen Raum. Statt nach Gold und Diamanten lassen sie unter menschenunwürdigen Bedingungen nach Rohstoffen graben, die wir für unsere Smartphones benötigen. Statt Sklaven beschäftigen sie Heere von Klickarbeiter:innen, die zu Niedriglöhnen in digitalen Sweatshops arbeiten, um soziale Netzwerke zu säubern oder vermeintlich Künstliche Intelligenz am Laufen zu halten. Der Kolonialismus von heute mag sich sauber und smart geben, doch eines ist gleich geblieben: Er beutet Mensch und Natur aus und kümmert sich nicht um gesellschaftliche Folgen vor Ort. Im Wettkampf der neuen Kolonialmächte ist Digitalpolitik längst zum Instrument geopolitischer Konflikte geworden – der Globale Süden gerät zwischen die Fronten.