Das folgende Interview wurde von Genoss:innen der internationalistischen Anarchistischen Gruppe Československé anarchistické sdružení – Czechoslovak Anarchist Association (ČAS ), für die erste Ausgabe der Zeitschrift Ezerter, geführt.
Bitte stell dich den Leser:innen unseres Magazins kurz vor. Bist du aus der Ukraine, wo wurdest du geboren und wo hast du deine Jugend verbracht?
Hallo. Mein Name ist Vadym Yakovlev, ich bin ein:e ukrainische:r queerer Schriftsteller:in und Journalist:in und ich bin gegen den Krieg und den Nationalismus. Ich wurde in Odessa geboren, der größten südlichen multikulturellen Stadt der Ukraine, wenige Monate vor dem Zusammenbruch der UdSSR. Meine Mutter ist Ukrainerin
und mein Vater ist Russe. Ihre Väter waren beim Militär. Mein Vater arbeitete in einer Fabrik. Mit dem Zusammenbruch der UdSSR wurde die Fabrik geschlossen und mein Vater verlor seine Arbeit. Das hatte Auswirkungen auf meine Familie und meine Kindheit. Ich wuchs in Odesa auf, aber ein Jahr bevor ich aus der Ukraine floh, lebte ich in Lviv, der größten Stadt im Westen der Ukraine. Zu Hause sprachen meine Verwandten Russisch und Ukrainisch, so dass ich mich nie mit Themen wie der nationalen Identität beschäftigte. Meine Familie war eine unglückliche internationale Familie, die mit dem Zusammenbruch des Staatskommunismus in der Ukraine viel verloren hat. Ich denke, all das hat mich stark beeinflusst bei der Suche nach meinen wahren politschen Ansichten und meinem Verlangen, etwas zu tun, das Einfluss auf die Gesellschaft haben kann.
Du hast die Ukraine verlassen, was hat dich zu dieser Entscheidung bewogen?
Einerseit konnte ich wegen meiner politischen Überzeugen nicht mehr in der Ukraine arbeiten. Die ukrainische Intelligenzia, Journalist:innen und Künster:innen als Community beschlossen mit Beginn des Krieges, priveligierte Elitepropagandist:innen im Dienste des Staats zu werden. Ich wollte kein:e Propagandist:innen im Dienste des Staates sein, also verlor ich die Möglichkeit, meine Artikel zu veröffentlichen. Und wenn man in der Ukraine öffentlich Ansichten vertritt wie ich, können die Behörden einen ins Gefängnis stecken. Andererseit wollte ich natürlich wegen meiner Haltung nicht an die Front in den Krieg ziehen. Deshalb bin ich geflohen.
Welche Haltung hast du zu Krieg und Antimilitarismus!
Ein Großteil meiner Arbeit in der Ukraine stand im Zusammenhang mit meinen antipatriotischen Überzeugungen. Meine Artikel und meine Teilnahme an Kunstprojekten waren sehr oft der Kritik am ukrainischen Patriotismus, am ukrainischen Nationalismus und an der privilegierten "pro-westlichen" und kriegsbefürwortenden zivilen und kulturellen ukrainischen Elite gewidment. Ich habe mich schon immer für Antikriegskunst und Antikriegsaktivismus interessiert. Seit 2022 musste ich damit beginnen, selbst um den Preis, dass ich die Möglichkeit verlor, in meinem Herkunftsland zu bleiben und zu arbeiten, und dass ich enge Freunde verlor, die mich verlassen haben wegen meiner Überzeugungen.
Der Krieg in der Ukraine hat viele Dinge verändert. Stehst du in Kontakt mit deinen Freund:innen in der Ukraine? Wie denken sie über den Krieg? Wie leben sie?
Wie ich bereits in meiner Antwort auf die vorhergende Frage sagte, habe ich die meisten meiner Freund:innen aus der privilegierten Kunstszene und der journalisitsch-aktivistischenGemeinschaft verloren. Fast alle von ihnen wurden zu Propagandist:innen, die von Staat und westlichen Stiftungen unterstützt werden. Ich habe auch den Kontakt zur Mehrheit der ukrainischen Linken verloren, die den Militarismus, den Nationalismus und die NATO unterstützen. Diese Art von Linken wird ebenfs vom Staat und von westlichen Stiftungen unterstützt. Aber ich habe immer noch Kontakt zu meinen Freund:innen, die nicht mit dem Staat zusammenarbeiten und nichts mit den privilegierten Klassen zu tun haben. Sie unterstützen mich meine Antikriegshaltung. Viele von ihnen sofern es sich um Männer handelt, führen jetzt ein schreckliches Leben, weil sie sich ständig in ihren Wohnungen verstecken müssen, wegen der Anst nach draußen zu gehen. Die ukrainische Armee entführt Menschen von der Straße und schickt sie ohne deren Einverständnis an die Front. Und die meisten Menschenmit einem männlichen Geschechtseintrag in den Dokumenten dürfen laut Gesetz das Land nicht verlassen.
Haben sich viele Menschen, auch Anarist:innen der Armee angeschlossen und sich von antimilitaristischen Positionen verabschiedet? Es ist nicht viel über die, die es nicht getan haben bekannt. Vielleicht haben sie Angst. Gibt es sie? Hast du Kontakt zu ihnen?
Was die Antikriegsanarchist:innen in der Ukraine betrifft, so haben wir ein Antikriegskollektiv namens Assembly. Sie kommen aus Charkiv und haben ihre eigen Website, auf der sie Antikriegs- und Anti-Kriegs-Texte veröffentlichen. Diese Gruppe von Anarchist:innen ist anonym und sie veröffentlichen keine Namen ihrer
Gruppenmitgleider. Dies ist die einzige Möglichkeit, in der Ukraine Antikriegsaktivitäten durchzuführen. Es gab nur eine einzige ukrainische Organisation, die die Namen ihrer Mitglieder nicht verbarg und sich offen gegen die Krieg ausspach - die Ukrainische Pazifistische Bewegung. Der ukrainische Sicherheitsdienst beschludigte sie der Unterstützung Russlands und schickte ihren Leiter vor Gericht. Daraufhin schwächte die Organisation ihre öffenltiche Position deutlich ab, da sie eine Gefängnisstrafe befürchtete. Viele ukrainische Linke haben sich aus Konformatitätsgründen auf die Seite des Krieges geschlagen, wie mir scheint. Sie haben Angst, ihre wirklcihe Position zum Ausdruck zu bringen, oder sie haben einfach keine, wie mir scheint, und folgen einfach dem Mainsteam-Trend. Aber das sind nur meine Annahmen. In der Ukraine, einem autoritäten, militarischen Land, ist es extrem unsicher, gegen den Krieg zu sein.
Was ist mit den Ukrainer:innen im Exil? Machen sie irgendwelche Antikriegsaktivitäten? Organisieren sie sich an den Arbeitsplätzen?
In letzter Zeit sind viel ukrainische Antikriegsinitiativen im Ausland aufgetreten. Zum Beispiel organisieren Ukrainer:innen jetzt Demonstrationen gegen die Mobiliserung und Menschrechtsverletzungen in der Ukraine. Die Demonstrationen finden in Deutschland, Italien und Frankreich statt. Oft werden diese Aktionen von ukrainsichen Linken organisiert, die nichts mit dem kriegsbefürwortenden ukrainischen linken Mainstream, wie die so genannten "ukrainischen Antiautoritären" oder Solidarity collectives, zu tun haben. Alle diese Gruppen der ukrainischen Linken, die sich gegen Krieg engarieren, werden von niemandem finanziert, sonder sind persönliche Initiativen von überzeugten und aktiven jungen Menschen. Es wird mehr solche Aktionen geben, und ich stehe in regem Austausch mit den Organisator:innen und Mitgliedern dieser Initiativen, das ist sehr inspirierend. Außerdem gibt es im Westen eine gewisse Anzahl von ukrainischen Wissenschaftler:innen und Künstler:innen, die gegen den Krieg sind und die hier im Westen konstant marginalisiert und zum schweigen gebracht werden. Aber wir wurden alle zu lange zum Schweigen gebracht, unsere Stimmen wurden zu lange ausgelöscht, und jetzt versuchen wir zunehmend, horizontale Verbindungen auf verschieden Ebenen aufzubauen und hier im Ausland eine Antikriegsfront gegen den Krieg und die Propagandist:innen zu organisieren. Wir sind viel mehr, als wir selbst denken.
Die Medien schweigen über die Zwangsmolisierung der ukrainischen Regierung. Es dringen selten Informationen über Deserteure nach außen. Was kannst uns darüber sagen?
Niemand kennt die genaue Zahl der Deserteure auf ukrainischer Seite, aber offiziellen und inoffiziellen Statistiken zufolge sind es etwa 150-200 Tausend Menschen! Das sind riesige Zahlen. Die offiziellen ukrainischen Medien werden vom Staat oder dem Geheimdienst der Ukraine kontrolliert. Die Ukrainer:innen konsumieren hauptsächlich Informationen von anonymen Nachrichtenkanälen auf Telegram oder TikTok. Dort werden auch immer wieder Videos von Gewalt gegen Zivilisten durch die ukrainische Armee veröffenlticht. Dese Videos, die schreckliche Szenen und Beweise für Menschenrechtsverletzungen zeigen, schaffen es nicht in die offiziellen Medien. Die ukrainischen Behörden versuchen ständig, die Autor:innen anonymer Telegram-Kanäle, die das Vorgehen der urkainischen Armee kritisieren oder sich für Frieden einsetzen, ausfindig zu machen und ins Gefängnis zu stecken. Manchmal haben die Behörden Erfolg. Die ukrainische Regierung, die Polizei und der ukrainische Sicherheitsdienst zögern nicht, alterative Stimmen mit allen Mitteln zum Schweigen zu bringen. So verhaftete die Polizei vor kurzem die Mutter eines Bloggers, der sich im Ausland aufhält und sich gegen die Zwangsmobilisierung ausspricht, weil sie seinen Beitrag veröffenlticht hatte! Es gibt inoffiziellle Methoden, um Anderesdenkende zum Schweigen zu bringen. Ich erinnenre mich an einen Teenager, der einen eigenen Kanal auf Telegram hatte, in dem er den ukrainischen Nationalismus und die Mobilisierung kritisierte. Er bezeichnet sich selbst als Anarchist. Faschisten kamen zu einem "Gespräch" zu ihm nach Hause, woraufhin er sich öffentlich von seinem Überzeugungen lossagte. Aber die kriegsbefürwortenden ukrainischen Linken, die Propagandisten und Komplizen all dieser Verbrechen die gegen die Ukrainer sind, werden nie über solche dinge berichten.
Hast du Bekannte, die desertiert sind oder sich dem Wehrdienst entzogen haben? Wie können wir in Tschechien ihne helfen?
Ich kenne Menschen, die illegal aus dem Land geflohen sind und ich habe viel Bekannte und Freund:innen in der Ukraine, die sich vor der Armee und der Einberufung verstecken. Vielleicht wird es im Laufe der Zeit notwendig sein, im Rahmen der ukrainischen anti-kriegs-Bewegung im Ausland, die gerade erst entstanden sind, Initiativen zu schaffen, die diesen Menschen helfen. Wenn soche Initiaven entstehen,hoffe ich, dass es in der Tschechischen Republik und der Slowakei Menschen gibt, die diesen Ukrainer:inne helfen wollen.
Welche Botschfat würdest du den ukrainischen und russischen Arbeitnehmern im In- und Ausland mitgeben?
Das Einzige, was ich denjenigen vermitteln möchte, die nicht zu den privllegierten Klassen gehören (und das ist nicht nur das Proletariat ), unabhängig von ihrer Nationalität und ihrem Wohnort: Vertraut niemals denen, die ihr Glück auf eurer Ausbeutung, Marginalisierung und systematische Diskriminierung aufbauen, und seid vor allem nicht dumm und beteilgit euch nicht an ihren Kriegen, das ist einfach dumm!
Wir danken dir für das Gespräch und freuen uns wenn Sie uns noch etwas sagen möchten.
Ich danke euch, Genoss:innen, für das Gespräch mit mir.






