Wie kommen wir in die Initiative?
Gegen jeden Krieg – das patriarchale Kommando entwaffnen

Die Geschwindigkeit einer Militarisierung mit all ihren Erscheinungsformen der Polarisierung und gewalttätiger Antworten, die „Frieden!“ brüllt und auf beiden Seiten Krieg meint, ist atemberaubend. Die militarisierten, nationalistischen Unterstützer*innen für ukrainische Soldaten, die sich selbst noch als Anarchist*innen betrachtet sehen wollen, bezeugen nur den Grad der Militarisierungswelle, die vor nichts und niemand Halt macht.
Die andere Variante dieser für Kriegslogik üblichen Polarisierung findet sich bei vielen kommunistischen Wiedergängern, die gerade Zulauf haben. Die Antworten sind auch dort einfach: Der russische Angriffskrieg wird relativiert, die NATO ist der Hauptgegner. Auch in Bezug auf den Nahost-Konflikt erleben wir stereotype Schubladen, welche die patriarchale Logik von Freund und Feind beständig zementieren. Die eine Seite feiert den 7.Oktober mit seinen Massakern und Vergewaltigungen durch die Hamas als Befreiungskampf. Die andere Seite massakriert – im staatlichen Auftrag als Akt der Selbstverteidigung – über 40.000 Menschen und wird von einer deutschen Staatsräson gedeckt, die Menschenleben ungleich wertet. Das Morden bleibt in der patriarchalen Logik eines Freund-Feind-Denkens gefangen.
Viele, die sich nicht in diese Kriegslogik hinein begeben wollen, stehen fassungslos am Rand und werden zu Zuschauer*innen degradiert. Im Getöse der Kriegspolarisierungen fühlt man sich bisweilen verloren und vereinzelt. Wir merken, der Versuch, so weiter zumachen wie bisher, funktioniert nicht. Entweder wir blenden die Ausweitung von Krieg, Militarisierung und patriarchaler Formierung in allen Teilen der Gesellschaft aus Gründen des Selbstschutzes aus, resignieren und ziehen uns zurück. Oder wir verfallen in einen Aktionismus, der den Ereignissen auch nur hinterher rennt. Müssten wir nicht stattdessen innehalten und überprüfen, worum es gehen könnte, um „vor die Kriege“ zu kommen? Einen anarchistischen, antimilitaristischen und queer-feministischen Kongress würden wir uns wünschen, der die Vereinzelung durchbricht und die Fundamentalist*innen beiderseitig entwaffnen will. Ein Austausch fehlt uns, in der Fragen einen Platz haben, die wir hier nur verkürzt aufwerfen können.
Anstatt uns in Analysen über spezielle Kriegsgründe zu verlieren, oder die besonderen geopolitischen Konfliktlinien zu studieren oder den weniger schlimmen Akteur ausfindig zu machen, wollen wir einige Ansatzpunkte skizzieren. „Vor die Kriege zu kommen“, das heißt für uns, jederzeit Militär, Militarismus und Patriarchat zusammen zu denken und ihre Entwaffnung in allen Ländern der Welt voranzutreiben. Frieden ist nicht nur die Abwesenheit von Krieg, sondern auch von Patriarchat, Kolonialismus und allen Klassenunterschieden. Eine queere, feministische und antimilitaristische Analyse von Krieg und Militarisierung mit einer Prise Anarchismus zu würzen, um zur sozialen Revolution zu schreiten – darum geht es uns. Eine soziale Revolution ist alternativlos, wenn wir dem Militarismus auf allen Seiten die Waffe aus den Händen schlagen wollen. Dieser Beitrag wird sich nicht aufhalten mit den Fragen der Mittel, dies zu tun.
Die Soziale Revolution, auch gegen eine gewaltige, gewalttätige konterrevolutionäre Entwicklung innerhalb und außerhalb Europas, wieder denkbar zu machen, tritt aus der Zuschauer*innenrolle heraus. Das hieße, jene Komfortzonen zu verlassen, in denen wir uns eingerichtet haben, um sich den Fragen und Praxen zu stellen, die diese offensiven Schritte beinhalten. Füllen wir also den Begriff der „Sozialen Revolution“ praktisch.
Damit sind wir bei der zweiten These: Eine soziale Revolution, die nicht antipatriarchal ist, ist keine. Die Geschichte beweist uns diesen Fakt; in der Regel waren Revolutionen nur ein Sprungbrett zu neuen Machtformen. Beispielhaft drei Anregungen, die unser offensives Eingreifen bräuchte.
Geschlechterkonstruktion als Voraussetzung für permanenten Krieg
Die soziale Rollenzuweisung entlang zweier angenommener Geschlechter ist eine der Voraussetzungen von Kriegsfähigkeit. Ausgehend von Unterschieden zwischen den Geschlechtern wird entlang der Biologie ein soziales Geschlecht zu Angriff, Dominanz und Mord ausgebildet. Dem männlich gelesenen Körper werden kriegerische Eigenschaften zugesprochen. Die gesellschaftliche Formierung des Kindes zum Mann ist eine Voraussetzung, auf die sich eine patriarchale Mobilisierung zum Krieg jederzeit stützen kann. Dieser Zugriff auf den männlich gelesen Körper ist so alt wie unser Wissen um historische Kriege. Einhergehend mit den Rollenzuschreibungen „Frau“ und „Mann“ kommt es auch nicht darauf an, ob wir uns gerade in einem Krieg befinden und ob der Krieg anderswo gut oder schlecht läuft. Es braucht den Kriegszustand selbst, egal wo. Jeder Krieg anderswo berührt auch uns. Jede Militarisierung, wie wir sie derzeit erleben, begrenzt sich nicht nur in Kriegsdienstpflicht, Aufrüstung, Sozialkürzungen, Angriffe auf Arme und steigende Repression nach innen, sondern in einer mentalen Mobilmachung auf der Grundlage patriarchaler, z.T. gewalttätiger Konditionierungen, Disziplinierungen und Rollenzuweisungen entlang sozial konstruierter Geschlechter. Der permanente Kriegszustand im Patriarchat braucht eine angemessene Mentalität, die permanent abrufbar ist.
Schauen wir auf ein aktuell vermeintlich archaisches Schlachtfeld (trotz neuer hochtechnologischer Schlachten). Im Ukraine-Russlandkrieg morden und krepieren mehrheitlich zu Männern sozialisierte Menschen. Beide Staaten haben sich einen Zugriff auf die männlich gelesenen Körper organisiert und verfügen in Kriegszeiten über diese. Kriegsdienstverweigerung oder gar Desertion werden in Deutschland als Fluchtgrund noch nicht mal anerkannt. Hierzulande ist die Kriegsdienstpflicht für Männer nur ausgesetzt worden. Die „Wehrpflicht“ wird gerade wieder aktiviert.
Das ukrainische Militär hat den höchsten Frauenanteil (zwischen 15% und 20%) im Vergleich zu anderen europäischen Militärs (Bundeswehr z.B. 13%). Etwa 5.000 Frauen sind an der ukrainischen Front bei einer Truppenstärke von 500.000 Soldaten eingesetzt – entsprechend der patriarchalen Sozialisation als Kampfsanitäterinnen. Im modernisierten Patriarchat kann eine Frau auch Soldat werden. Dies findet zu den Bedingungen statt, in denen das Patriarchat den Übergang organisiert hat. Füllt die als Frau Gelesene die patriarchale Rolle des „männlichen“ Kriegers aus, ist der Grenzübertritt kein Problem. Sie steigt in die patriarchal vorgefertigte Rolle, die dem männlich gelesenen Körper vorbehalten war, wenn sie Befehl und Gehorsam akzeptiert, die Uniform trägt, die Nation, das „Vaterland“ verteidigt, mordet oder sich ermorden lässt, wenn dies den patriarchalen Kommandos sinnvoll erscheint. Soldatinnen stellen das patriarchale System nicht in Frage, sie stabilisieren es. Machen wir uns keine Illusionen: Ähnlich wird es auch für Transgender oder nonbinäre Persönlichkeiten funktionieren.
Geschlechtsmerkmal: deutsch, männlich, weiß
Die vermeintliche Auflösung der sozialen Geschlechternormierungen hat einen Backlash zur Folge. Auf Seiten der AfD wird das „Gendern“ als Zersetzung betrachtet. Zersetzen ist ein Begriff aus dem Militärischen und kennzeichnet die Schwächung der eigenen Kampfkraft. Im Sinne der AfD werden klare patriarchale Strukturen zersetzt (Familie, Mann als Oberhaupt, weiß, klare Rollenzuweisung). Die klare Polarität zwischen Mann und Frau mit den zugeschriebenen und zum Teil gewaltsam durchgesetzten Rollen werden für die Kriegs- und Mobilisierungsfähigkeit von männlich gelesenen Körpern gebraucht. Der AfD-Europaabgeordnete Krah auf tiktok: „Du bist kein nonbinäres Einhorn, sondern ein Mann.“ Er riet jungen Männern dazu, sich nicht einreden zu lassen, „dass du lieb, schwach und links zu sein hast“. Echte Männer seien rechts, „dann klappt es mit der Freundin.“
Eine queere, feministische und antimilitaristische Analyse von Krieg und Militarisierung mit einer Prise Anarchismus zu würzen, um zur sozialen Revolution zu schreiten – darum geht es uns.
1,3 Millionen Aufrufe. Junge Männer goutieren diese „kumpelhaften“ Tipps mit ihrem Kreuz auf dem Wahlzettel. Mann steht fast schon „Gewehr bei Fuß“.
In dieser Logik mobilisieren die AfD und faschistische Kreise gegen queere Menschen, weil sie im kulturellen Kampf einer deutschen, weißen und patriarchalen Identität im Wege stehen. Ihre Zuschreibung in Frau und Mann korrespondiert mit anderen patriarchalen Polarisierungen von gut-böse, Freund-Feind, Schwarz-weiß, Gesund-krank. Sie legitimiert die Abwertung bis hin zur Vernichtung der Abweichungen von der Norm. Ein Antifaschismus auf der Höhe der Zeit zielt auf die Entmachtung und Entwaffnung patriarchaler Strukturen und Akteure.
Krieg ist Frieden – über den bewaffneten Frieden
In Friedenszeiten findet täglich ein Krieg gegen Frauen* und queere Menschen statt, sowie gegen Männer*, die zu weich scheinen. Die Verfügungsgewalt über den Körper der Frau* muss nicht über alle „Männer“ durchgesetzt werden. Es reicht, als Teil der männlich gelesenen Körper und zu Männern formierter Menschen angesehen zu werden, die sexualisierte Gewalt bis hin zur Vergewaltigung gegenüber weiblich gelesener Körper im Alltag, in der Familie, auf der Arbeit, in der Beziehung praktizieren, um als Signal an alle als Frauen sozialisierte Menschen zu gelten. Dieser Zustand ist ein permanenter Krieg inmitten sogenannter Friedenszeit und korrespondiert mit „Vergewaltigung als Kriegswaffe“. Diese Gewalt garantiert die Geschlechterhierarchie und zwingt „Männer“ wie „Frauen“ in die zugeschriebenen Rollen. Die erzwungene Reproduktion dient einer patriarchalen Produktion bis hin zum Krieg als Mittel der Eroberung. In Friedens- wie in Kriegszeiten ist das Zerbrechen der Autonomie selbstbewusster Frauen und der zu erobernde Körper und deren Identitäten als freie Wesen ein wesentliches Kriegsziel. Eine starke Bewegung würde Gebär- und Sexstreik und die Entwaffnung toxischer Männlichkeit zur Diskussion stellen.
Das nonbinäre Einhorn?
Wir entkommen dem permanenten Kriegszustand nicht, indem wir „nonbinäre Einhörner“ werden und uns den Rollenzuweisungen individuell zu entziehen versuchen, sondern indem wir patriarchale Strukturen angreifen, sie zersetzen und anfangen, die Waffen des Patriarchats zu zerbrechen. Die materielle Zerstörung von Waffen ist niemals zu verachten. Doch die ideologische Entwaffnung greift auch die Träger (und Träger*innen) und ihre Kommandos fundamental an. Greifen wir den patriarchalen Normalzustand als permanenten Krieg an und konfrontieren wir männlich gelesene Menschen mit einer anderen Perspektive, braucht es den Mut und die Kraft zur Konfrontation, denn damit geht es ans Eingemachte patriarchaler Identität, an Privilegien und liebgewonnener Kriegslogik, in der sich „mann“ eingerichtet hat. Ein antipatriarchaler Kampf unterminiert die Kriegsfähigkeit schon vor Kriegseintritt. Auch die Klassenfrage definiert sich neu, indem der weiße Arbeiter als revolutionäres Subjekt ausgedient hat. Wie sähe eine militante soziale Kultur aus, die sich zu verteidigen und anzugreifen weiß und zugleich jenseits der Rollenzuweisungen und patriarchalen Normierungen soziale Räume schafft, die attraktiv sind, die gut tun, die es wert sind, verteidigt zu werden?
Die Herausbildung sozialer Zusammenhänge, die im Kampfverhältnis stehen zu dem Rollback des Patriarchats und seiner gleichzeitigen Modernisierung und der Vereinzelung der Menschen in den reichen Ländern, ist eines der wichtigen Ansatzpunkte, um überhaupt Ausgangsbasen für kollektive Kämpfe zu etablieren, die uns gerade schmerzlich fehlen.
Es geht um eine Entwaffnung fundamentalistischer und patriarchaler Strukturen über jede Landesgrenze hinweg. Das Patriarchat ist international organisiert. Dass sich verschiedene patriarchale Kommandos bekämpfen, ist für uns kein Widerspruch, sondern Sinn der kriegerischen Logik.
Die Perspektive eines sozialrevolutionären Ansatzes gegen Militarisierung ist es, hier einen Fuß zwischen die Tür zu bekommen und die Formierung männlich gelesener Menschen schon vom Kindesalter an zu unterbrechen und umzukehren. Die männlich gelesenen Körper aus den Schützengräben rauszuholen, damit sie diese Waffen gegen ihre Herren drehen oder die Waffen zerbrechen und desertieren, das entspricht einer Idee der Entwaffnung, die eine antimilitaristisch zu entwickelnde Bewegung diskutieren und offensiv kommunizieren müsste. Im Vietnamkrieg brach die Front der USA auch am starken Widerstand innerhalb des Militärs und an der „Heimatfront“ zusammen.
Vor die Kriege zu kommen heißt, die gesellschaftliche Formierung zu Männern und Frauen zu durchbrechen und beide Seiten aus den Schützengräben auch im Alltag rauszuholen. Das schließt uns ein. Konsequentes Eingreifen bei patriarchaler Alltagsgewalt ist eine Antikriegshandlung. Die Entwaffnung jener, die mit misogynen und queerfeindlichen Worten die Taten vorbereiten, schwächt die Kriegstüchtigkeit.
Erkennen wir nicht den patriarchalen Rollback, der in der aktuellen Entwicklung von Konflikten und Brandherden hin zu sich immer vermeintlich unübersichtlicheren Kriegen ausweitet, kommen wir nicht vor die Kriege. Wenn wir nicht erneut zuschauen wollen, wie die vielen kleinen Kriege zu einem großen, noch verheerenderen Krieg werden, dann brauchen wir neue Analysen, die den eingeschliffenen, traditionellen Blick verändern. Dazu braucht es eine Erprobung von Praxen, sei es eine Internationale zum Schutz aller Deserteure, sei es die Solidarität mit Kämpfen, denen ein antipatriarchales Moment innewohnt, um neue Bezüge herzustellen. Sei es eine Antifa, die sich und ihre Ziele neu definiert, sei es eine sozialrevolutionäre, anarchistische Bewegung, die mit anderen Gleichgesinnten losgeht, um diesen und alle zukünftigen Kriege jeder Mobilisierungsmöglichkeit und jedes Fundaments zu berauben.
Was es definitiv nicht braucht, sind Menschen, die jeden Konflikt militarisieren und sich auf eine Seite von Kriegsparteien schlagen.
Wir lassen uns auch für Diskussionen einladen:
Die Broschüre und Plakate zum Thema „Gegen jeden Krieg – das patriarchale Kommando entwaffnen“ sind bestellbar im Buchladen Schwarze Risse:
Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Ausgabe der Graswurzelrevolution. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es hier.
Wir freuen uns auch über Spenden auf unser Spendenkonto.
Solidarität mit Daniela Info Nr. 25 / 17. November 2024
solidarische Freund:innen 20. November 2024
Paar Infos und Gedanken zu den Zeugenladungen im Verfahren gegen Daniela Klette.
Seit 2023, und verstärkt seit der Verhaftung von Daniela Klette im Februar 2024, verschicken die Staatsanwaltschaft Verden und die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe immer mehr Zeugenladungen in den Verfahren gegen Daniela, Burkhard Garweg und Volker Staub.
Uns sind bis jetzt über zwanzig bekannt. Davon gingen allein zwölf an ehemalige RAF-Mitglieder, die alle zwischen 10 und 26 Jahren im Knast waren und heute über 70 Jahre alt sind. Ebenfalls ist der Wohnsitz in der Hamburger Hafenstraße, egal wie lange her, mehrmals Grund für eine Ladung gewesen. Und es gab, soweit wir wissen, zwei Hausdurchsuchungen in Hamburg in diesem Zusammenhang.
Die Staatsanwältin Marquardt in Verden tut sich dabei besonders hervor. Zu einer der Hausdurchsuchungen in Hamburg, bei der der Betroffene stundenlang unter Druck gesetzt wurde – er sollte sich vernehmen lassen, dann würde die Durchsuchung abgebrochen – war sie extra angereist.
Von einigen der ehemaligen RAF-Mitglieder wollte sie, dass sie Burkhard Garweg und Volker Staub auffordern, sich so bald wie möglich zu stellen: “wir wollen doch kein zweites Bad Kleinen“.
In Bad Kleinen wurde Wolfgang Grams 1993 erschossen.
Inzwischen reicht es auch schon, Daniela besucht zu haben, um eine Zeugenladung zu kriegen, oder zuletzt sogar, einen Antrag für einen Besuch bei ihr gestellt zu haben.
Das Mittel der Zeugenladung wird als Abschreckung, Besuche zu beantragen, genutzt und die Isolation dichter gemacht. Bei fünf Personen, die Daniela Klette besuchen bzw einen Besuchsantrag gestellt haben, wurde das bisher gemacht.
Wir kennen in den letzten Jahren/Jahrzehnten die immer wiederkehrenden Ladungswellen gegen ehemalige RAF-Mitglieder und gegen Antifas bei Ermittlungsverfahren. So breit wie möglich Infos zu fischen, irgend etwas wird schon dabei raus springen, aber auch die Stimmungen zu erfahren, wer tickt wie, wie sind die Leute drauf, auch für eine Einschätzung der Solidarität für den kommenden Prozess, ist sicher der Zweck davon.
Zeugenladungen sind Repressionsmittel, grundsätzlich um Aussagen zu erzwingen, um zum Denunzieren aufzufordern, Druck durch Bußgeld oder Beugehaft zu machen, also gegen ein solidarisches Verhalten.
Es kann nur eins dagegen geben – Solidarität untereinander und mit den Gefangenen. Auch in Zeiten, in denen nur noch wenige politisch organisiert sind, in denen das, worum es geht, die Aktivitäten, weit zurück liegen, ist es möglich eine politische Grundhaltung zu haben oder sich wieder anzueignen.
Macht keine Aussagen, redet nicht mit den Bullen und den Staatsanwälten.
Jede Lücke unter uns, jede Vereinzelung, jede noch so banale Aussage ermuntert die Staatsanwaltschaft zu weiteren Ladungen.
Macht klar, dass ihr euch nicht vereinzeln lasst, indem ihr mit Freund:innen hingeht, lasst euch begleiten, macht die Ladung bekannt, geht zur Roten Hilfe oder zum
Ermittlungsausschuss, lasst euch beraten und unterstützen, auch anwaltlich.
Das ist eine materielle Hilfe, aber auch moralische Unterstützung – “Niemand ist allein“ – In der radikalen Linken gibt es seit vielen Jahrzehnten erprobte Netzwerke, Methoden,
Kenntnisse, Unterstützungstools dazu.
Nutzt sie.
"Dieser Account wurde gelöscht - Unknown User"
Für alle deren Aufmerksamsspanne für Videomaterial bei 7 Sekunden oder für Text bei 25 Zeichen besteht: Verwendet squat.radar.net oder (autonome) Kalender, flyert oder nutzt Fediverse-Instanzen. Jetzt! Warum? Das erfahrt ihr unten.
Wir rufen hiermit dazu auf, die Kooperation mit Social Media Firmen wie Meta (Instagram, Facebook, etc.) oder Alphabet (Google) zu beenden, keine Posts mehr zu veröffentlichen, jeglichen kommerziellen Social-Media-Polit-Orga-Account aufzulösen und sich damit aus der Klammer der digitalen Monopole zu befreien! Das ist nicht der erste Text dieser Art, daher verweisen wir auf andere Beiträge bereits erschienener Texte zur Technologiekritik oder Überwachung und Herrschaft auf Emrawi (siehe ganz unten).
Wir konzentrieren uns dabei zunächst auf das Hauptargument, das aus der Szene heraus für die Verwendung von z.B. Instagram hervorgebracht wird. Im Text "Die Wiener Politszene bewirbt Überwachungskapitalismus" lesen wir dazu als Diagnose: "Mit Hashtagaktivismus und Selbstdarstellerei wird vergeblich versucht, linke, emanzipatorische Ansätze über soziale Netzwerke zu verbreiten. Als Vorwand von Gruppen wird oft angegeben, dass es notwendig sei, auf Überwachungstechnologie zu setzen, um Menschen zu erreichen." Auch wenn wir der weiteren holzschnittartigen Analyse des Textes nicht zur Gänze folgen, stimmen wir der hier getroffenen Aussage zu. Politarbeit, die im Netz ihre Inhalte über große kommerzielle Plattformen vermarktet, wird im Sinne des höheren politischen Ziels für notwendig erachtet und legitimiert. Kompromisse erscheinen unvermeidlich. Meredith Whittaker (CEO von Signal) spricht davon, wie beeindruckend es sei, dass Linke sich auf Staatsüberwachung fokussieren würden, jene durch Firmen jedoch mit ausgebreiteten Armen empfingen - hieran hat sich reichlich wenig geändert. Und auch die im Text nachfolgend gestellte Frage, ob "es ernst gemeinte antikapitalistische, emanzipatorische Politarbeit geben [kann], wenn diese im gleichen Atemzug eine kapitalistische Zukunft der totalen Kontrolle bewirbt?" halten wir für gefährlich aktuell.
Wir wollen an dieser Stelle drei Punkte ausmachen, die sich aus unserer Perspektive an einer technologie-unkritischen bzw. kompromissorientierten Haltung problematisieren lassen und sie nachfolgend entkräften: 1. Politische Praxis bedeutet hauptsächlich Mobilisation und Post-Produktion auf Sozialen Netzwerken, 2. Das höhere (politische) Ziel macht Kompromisse im Gebrauch von Technologien notwendig, 3. Kämpfe, die sich auf digitale Autonomie, Privacy/Anonymity und digitale Selbstverteidigung beziehen, seien abgekoppelt von einem allgemeinen ’politischen’ Kampf.
1.)
"Mobilisieren" oder das Aufbauen von "Reach"/ Reichweite hat die größtmögliche zielgruppenspezifische Verbreitung von Inhalten zum Zweck. Politische Aufklärungsarbeit soll mehr Menschen für den richtigen (antifaschistischen/antirassistischen/queerfeministischen/ usw.) Zweck sensibilisieren und gegebenfalls zum Besuch von Szene-Events bewegen.
Selbst wenn diese Form politischer Praxis unkritisch angenommen würde (für eine notwendige Kritik jener Politiken per se siehe: z.B. "Die Erstürmung des Horizonts" und weiter in Punkt 2), verfehlt sie in der Verwendung großer kommerzieller Plattformen jedoch ihren Zweck. Lydia Kollyri der Cyprus University erklärt in ihrer 2021 erschienenen Studie: "The findings of my audit studies indicate that Instagram users are relatively likely to encounter more mainstream and commercial content regardless of their interests. First and foremost, without use history, algorithms endorse and bring into attention posts created by business profiles with many followers and likes promoting their services and products." Hashtags wie "MeToo" bzw. die Popularität mancher ’kritischer’ Diskurse wurden/werden kapitalistisch verwertet und dienen der Sichtbarkeit einiger Unternehmen und deren Produkten. Es liegt in Instagrams Geschäftsmodell Nutzer*innen diejenigen Inhalte vorzuschlagen, die populär sind oder von anderen gefolgten Accounts ebenfalls gemocht werden. Instagram unterscheidet prinzipiell nicht zwischen privaten und kommerziell genutzen Accounts. Unabhängig jedoch davon, um welche konkreten Inhalte es sich handelt, werden algorithmisch die Beiträge von Unternehmen bzw. Produktplatzierungen verstärkt.
Kollyri bezeichnet die algorithmisch gelenkten Effekte der Plattform in Anlehnung an Guy Debord, "filter bubble(s) of the spectacle". Instagram fungiert als kapitalistisches Instrument/Akteur und lässt standardisierte, kaum permeable Blasen entstehen, in denen sich eine Logik des Konsums und der Pseudobedürfnisse propagieren. Letzlich finden wir uns wieder in einer "täglichen Passivität hergestellt und kontrolliert durch den Kapitalismus" (Debord, 1962). Ich kann mich in meinem Gefühl der eigenen Handlungsunfähigkeit behaglich einrichten, solange ich glaube zu sehen, wie auf Instagram noch politische Arbeit gemacht wird. Die Plattform selbst ist der Raum des Spektakels par excellence, in dem die Repräsentation mehr zählt, als das tatsächlich gelebte Leben.
Dieser Umstand lässt sich unseres Erachtens nicht auflösen oder relativieren über die Vorstellung auf Social-Media-Plattformen lasse sich mit der inhärenten Produktionslogik brechen ("die Algorithmen besser verstehen", "strategisches Content-Management"). Weder findet auf Plattformen wertschöpfende Arbeit durch die User*innen statt noch lässt sich von einem fortgeschritteneren Stadium der Produktion mit leichter zugänglichen Produktionsmitteln sprechen, in dem wir mehr Autonomie besitzen und in den Produktionsprozess entscheidender eingreifen könnten.
Nähme sich emanzipatorische Praxis ernst, ginge es jedoch gerade darum, sich dem Spektakel im Versuch zu entziehen, die eigenen Bedürfnisse zu fassen zu bekommen. Auszubrechen aus der Vermittlung der Bilder über Bilder heißt demnach, sich in Opposition zur (digitalen) kapitalistischen Maschine zu begeben.
2.)
Der zweite kritische Aspekt liegt im Glauben an die Notwendigkeit der Kompromissbereitschaft. Das bereitwillige Partizipieren im und am technologischen Angriff auf unser Leben richtet sich auf die Preisgabe und Aufgabe gerade jener Werte, die wir paradoxerweise dadurch glauben zu gewinnen.
Ein Kompromiss in diesem Zusammenhang bedeutet nicht Zugewinn auf der einen und (’verkraftbaren’) Verlust auf der anderen Seite, sondern die Korrumption unserer eigenen Fähigkeiten und Macht. Der Kompromiss per se ist nicht notwendig, weil Alternativen zu großen Plattformen bereits existieren. Nach der Twitter-Übernahme durch Elon Musk kündigte sich ein Exodus hin zu Mastodon-Instanzen im Fediverse an, der diesem Netzwerk einen Zustrom neuer User*innen bescherte. Gelöst von der Wahnvorstellung nach immer größerer digitaler Reichweite, bieten diese Instanzen einen großen Funktionsumfang und können zur Kommunikation, Aufklärungsarbeit oder News-Schleuder dienen. Außerdem bieten andere Tech-Kollektive Werkzeuge wie z.B. Open-Source Demoticker an.
Der Preis für die Nutzung kommerzieller Dienste und unsere Korrumption zeigt sich auch in der Abhängigkeit von eben jenen Plattformen. Sind die Server der Anbieter down, gehackt oder nicht mehr rentabel, sind auch die mühevoll aufgebauten Accounts oder gespeicherten Daten weg. Eventuell ist es der Staat, der Teile des Internets oder gewisse Dienste zensiert und unseren Zugriff sperrt. Abgesehen von der (willentlich erkauften) Hinnahme der horrenden ökologischen Kosten zum Betrieb dieser Server, werden damit die Kontrolle nicht nur über die Steuerung der Inhalte (1.), sondern auch über den Besitz und die Zustimmung der Preisgabe dieser Informationen aufgegeben. Überwachungs-kapitalistische Mechanismen zielen in besonderem Maße darauf ab, die Identifikation und das Mapping einzelner Profile zu betreiben. Wer glaubt sich davor mit einem Social-Media-Handy schützen zu können, irrt und sollte sich über die systematische Verfasstheit digitaler Kontrolle bewusst werden! Davon abgesehen ist es nicht das einzelne Handy/Computer/Account, das uns der Kontrolle preisgibt, es ist die kollektive Ignoranz und Willfährigkeit zur Datengabe, die uns daran hindert dem technologischen Angriff etwas entgegenzustellen, bzw. dazu führt mit internationalen Unternehmen zu kooperieren. Es liegt im Interesse privater Unternehmen und des Staates Konsument*innen und Bürger*innen zu disziplinieren, zu kontrollieren und jegliche Möglichkeit des Aufstands zu unterdrücken. Alles daran macht einen Kompromiss gefährlich.
3.)
Solange wir es nicht schaffen, unsere eigenen (online und offline) Netzwerke aufzubauen und Beziehungen zu etablieren, die es ermöglichen, sich einer kapitalistischen und staatlichen Logik der Kontrolle zu entziehen, erdrückt uns die Totalität des Spektakels. Wer die Allgegenwärtigkeit der staatlichen und kapitalistischen Kontrolle und die Möglichkeiten, sich ihr zu widersetzen, nicht wahrnimmt, verkennt sowohl die komplexen Mechanismen moderner Herrschaftslogiken als auch die Potenziale, die sich in ihrer Gegenbewegung finden lassen. Im technologischen Angriff handelt es sich nicht um eine abstrakte Gefahr ferner totalitärer Dystopien, sondern um konkrete, materielle und alltägliche Einschnitte in unsere Leben. Den Aufruf, sich zu entziehen, zu löschen, zu unterbrechen und zu kontern, in seiner Schwere zu erkennen, heißt beginnen, sich zu wehren und die spezifischen Punkte des Gegen-Angriffs auszumachen.
Wir laden alle herzlich dazu ein, die folgenden Alternativen (zu Social Media) zu nutzen und sich im Dezember mit uns ins Gespräch zu begeben:
Alternativen:
https://radar.squat.net/
"Alternative and radical events agenda", ein globaler Kalender, in dem Events angekündigt werden, ob Küfa, Demos, Diskussionsrunden oder Konzerte. In anderen Teilen der Welt stark genutzt, in Wien definitiv zu wenig. Nicht nur wertvoll für die lokale Szene, sondern auch wichtig für die Vernetzung mit Menschen aus anderen Städten.
https://events.cudy.org/
"events.cudy.org ist der Versuch, eine Veranstaltungsplattform für Wien auf die Beine zu stellen, die abseits von Überwachungsplattformen wie Facebook, Twitter oder Instagram funktioniert, aber dennoch in soziale Netzwerke eingebunden ist."
https://zeit.diebin.at/
"Linker und radikaler Kalender für Wien", der Kalender des feministischen Server-Kollektivs diebin.at. Wird zwar genutzt, viele Sachen werden aber doch nicht eingetragen oder es werden lediglich Instagram-Posts verlinkt.
Mastodon/ Fediverse
Das Fediverse beschreibt ein Open-Source Netzwerk, innerhalb dessen verschiedene Services kommunizieren und genutzt werden können. Mastodon z.B. ist ein Twitter-ähnlicher Dienst, der über verschiedene selbstverwaltete Server läuft und bspw. als Mikro-Blog verwendet werden kann.
E-Mail Newsletter
Einfach und weit verbreitet.
Poster & Flyer
Kein Algorithmus, kein Unternehmen, kein Strom notwendig, 1000 Möglichkeiten, schnell gemacht und effektiv. Baut euch eure eigenen Strukturen auf! "The freedom of the press is guaranteed only to those who operate one."
Warum ist es wichtig sich über Privacy, Überwachungs-Kapitalismus, (digitale) Kontrolle und Selbstverteidungsstrategien Gedanken zu machen? Das wollen wir auch mit euch am 12. Dezember 2024 im Politbeisl im EKH diskutieren. Kommt vorbei!
Quellen
- https://emrawi.org/?Die-Wiener-Politszene-bewirbt-Uberwachungskapitalismus-1953
- https://emrawi.org/?Okcupid-Match-me-if-you-can-322
- https://emrawi.org/?Brenn-Internet-brenn-1505
- https://capulcu.blackblogs.org/
- https://archive.org/details/die-ersturmung-des-horizonts/Die%20Erst%C3%BCrmung%20des%20Horizonts_01_2014/mode/2up
- https://www.researchgate.net/publication/357529222_De-coding_Instagram_as_a_Spectacle_A_critical_algorithm_audit_analysis
Zines:
Diejenigen, die in der Hitze des Gefechts sterben, sterben nie.
Athener Vollversammlung in Solidarität mit den inhaftierten, geflüchteten und verfolgten Kämpfer*innen

Am 31.10. wird der Anarchist Kyriakos Xymitiris durch eine Explosion in einer Wohnung in Ampelokipi getötet.
,,Was unseren Gefährten betrifft, so sind wir die Einzigen, die für ihn sprechen können. Wir alle, die mit ihm an Vollversammlungen, Aktionen, Demonstrationen und Konfrontationen teilgenommen haben."
Kyriakos war jahrelang ununterbrochen in den Projekten der Solidarität mit den Gefangenen, in der Anti-Kriegs-Bewegung, in den Aktionen zur Verteidigung des Viertels Exarchia, in den Kämpfen in den Universitäten, in der Verteidigung der befreiten Räume der besetzten Häuser und in allen sozialen und klassenkämpferischen Auseinandersetzungen präsent. Er setzte sich für sie ein, immer mit dem Willen, gemeinsam ihre aufständischsten Erweiterungen zu entdecken. Er verteidigte den vielgestaltigen Kampf für soziale Befreiung nicht nur theoretisch, sondern er war seine authentischste Verkörperung.
Gefährte Kyriakos entschied sich, bis zum Ende zu kämpfen, mit allen Mitteln gegen die Welt der Macht, den Staat, das Kapital, den Rassismus und das Patriarchat. Er entschied sich, auf der Seite der Unterdrückten und der Rebellen für eine bessere Welt zu kämpfen, für eine Welt der Solidarität, Gleichheit und Freiheit.
Sein Verlust hinterlässt eine große Lücke bei seiner Familie und seinen Freund*innen, bei den Gefährt*innen, die ihm nahe standen, aber auch im Kampf selbst, den er mit seiner Haltung und seinen Worten geprägt hat.
Der militante Anarchist Kyriakos Xymitis war einer von uns. Wir werden sein Andenken verteidigen und er wird für immer in unseren Herzen und in jedem Moment unseres Kampfes bleiben.
„Ich weiß, dass du nicht auf sie zählst, weil das Tribunal bewaffnet ist, aber erlaube mir bitte zu erwähnen, dass du sehr auf sie zählen solltest, solange sie selbst der Meinung sind, dass sie alles sind. Das ist der Punkt, an dem sie sich befinden: Sie fangen an, ihre Stärken zu ignorieren, denn das Problem ist, dass ihre Macht in ihrer Vorstellung existiert, und man kann mit absoluter Sicherheit sagen, dass sie im Gegensatz zu anderen Arten von Macht, wenn sie einen bestimmten Punkt erreicht haben, das tun können, was sie denken, dass sie tun können.“
Gefährte, ich werde dich in den brennenden Straßen sehen, wo du für immer leben wirst….
Marianna, stark wie die Freiheit
Ewige Ehre für den anarchistischen Gefährten Kyriakos Xymitiris
Solidarität mit allen, die in diesem Fall angeklagt sind
Anarchist*innen – Kommunist*innen
Vollversammlung in Solidarität mit den inhaftierten, geflüchteten und verfolgten Kämpfer*innen
siehe auch:
Von Hamburg nach Athen - Trauer, Wut und Solidarität!
Liebe und Kraft vom Kalabal!k nach Athen
Von Berlin bis Athen – wir stehen zusammen in Trauer, in Wut und in revolutionärer Solidarität
23.11.2024+++Demonstration in Dachau+++ Reclaim The City – Alles für Alle – Die Krise heißt Kapitalismus

4 November 2024 – Von Assoziation Autonomer Umtriebe
Samstag 23.11.24 | 16:30 Uhr | Auftakt Bahnhof Dachau | Aufruf & Updates unter alles-fuer-alle.net
Das Wort Krise fällt regelmäßig bei der Beschreibung von Zuständen der jetzigen Zeit – Halbleiter-Krise, Corona Krise, Krise der Automobilindustrie, Wohnungsbaukrise, Konjunktur-Krise. Die Auswirkungen betreffen die gesamte Gesellschaft, bedingt durch politische Entscheidungen. Statt einer Umverteilung des vorhandenen Reichtums werden Sozialabbau und Ausgrenzung ins Spiel gebracht. Eine große Koalition fast aller Parteien versucht mit ihrem aktuellen migrationsfeindlichen Abschottungskurs eben diese Stimmungen in der Bevölkerung aufzugreifen, während Teile der Gesellschaft sich reaktionären autoritären oder neofaschistischen Heilsversprechen zuwenden.
Krise des gesamten kapitalistischen Systems
Ein kapitalistisches System, also ein System, das auf sozialer Ungleichheit basiert, wälzt die Lösungen für die Krisen in der Regel einseitig ab. Und zwar auf die Menschen, die das System tragen durch ihre Lohnarbeit. Lösen sollen es die, die weit weniger haben als die Entscheider*innen in den politischen und wirtschaftlichen Machtpositionen. Die Folgen sind u.a. steigende Mieten, Verteuerung von Lebensmitteln, Stellenabbau in den großen Industrien. Um davon abzulenken, dass der Kapitalismus selbst die Krisen hervorbringt, werden einzelne Personengruppen stigmatisiert und als Sündenböcke ausgewählt. Bei der Suche nach Schuldigen wird von Unternehmen und Politik öffentlich wirksam nach unten getreten: Forderung nach Senkung des Bürgergeldes („Faule“), gegen Migration („Fremde“), gegen Minderheiten (LGBTQI+).
30 Jahre Neoliberalismus haben zu gesellschaftlicher Entsolidarisierung, Abbau sozialer Garantien und Vereinzelung mit fatalen Zügen geführt. Es stärkt Ideologien, die eine vermeintlich alte Stärke (Konservative) oder neue alte Stärke samt ethnischer Homogenität (Faschismus) propagieren. Dies gilt es zu stoppen – und nicht nur das. Wir müssen den Spieß umdrehen – jetzt! Für etwas Besseres für alle, für ein ganz anderes Ganzes.
Gegen Mietwucher und Leerstand! Wohnraum für alle
Wer in Dachau eine Wohnung sucht, braucht entweder ewig oder findet nichts. Dachau kann als Kleinstadt im „Speckgürtel“ von München und einer Durchschnittsmiete von 15,74 Euro/m² mit den sieben teuersten Mieten in bundesdeutschen Großstädten locker mithalten. Im Landkreis fehlen laut einer Studie 1560 Wohnungen, gleichzeitig stehen im Landkreis 1990 Wohnungen leer. 52% davon stehen bereits länger als ein Jahr leer. Zwei-Zimmer-Wohnungen für weit über 1000 Euro Kaltmiete muss man sich erst mal leisten können – oder eben nicht. Für junge und alte Menschen wird Wohnen zur Existenzfrage. Bei Mehrpersonenhaushalten geht ein kompletter Lohn nur für die Miete drauf. Vermieter*innen suchen bewusst kaufkräftige Menschen mit hohen Gehältern, um höhere Mieten verlangen zu können. Die Folge ist Verdrängung. Doch Wohnen ist Menschenrecht. Es ist Zeit für soziale Wiederaneignung! Holen wir uns das Recht auf Wohnen zurück!
Gegen das Erstarken des Faschismus – auf allen Ebenen mit allen Mitteln
Die hohen Wahlergebnisse für die AfD sind nur ein Aspekt einer bundes- und europaweit stärker werdenden extremen Rechten. Die Fokussierung auf den parteipolitischen Ableger erfasst den als ganzheitliche Bewegung angelegten Ansatz der neofaschistischen „Neuen Rechten“ nicht. Im Unterschied zu der als Baseballschläger-Jahre bezeichneten Nachwendezeit, kann sich die extreme Rechte heute einer breiteren gesellschaftlichen Akzeptanz sicher sein, durch welche völkisch rassistische und antisemitische Stereotype offener geäußert werden können. In manchen Landstrichen stellen sie vorherrschende Mächtigkeit in Form von Infrastruktur und Dominanz auf der Straße dar. Ihre Gewalt richtet sich gegen alle Menschen, die in ihrer Ideologie als minderwertig und als Feindbild gelten. Gleichzeitig wird entschlossener Antifaschismus zunehmend kriminalisiert und delegitimiert – auch in Bayern, wie z.B. in Nürnberg, Augsburg oder München. In Dachau beißen die Rechten auf Granit. Das wird so bleiben und dafür werden wir sorgen! „Wer gegen Nazis kämpft, kann sich auf den Staat überhaupt nicht verlassen“ (Esther Bejarano)
Stattdessen Solidarität und Gegenmacht
Eine in Krisenzeiten stattfindende Polarisierung kann nicht nur in die reaktionäre Richtung gehen. Auch wenn Dachau als wohlhabend gilt, sind etliche Menschen hier genauso von sozialer Ausgrenzung betroffen, haben harte Jobs mit zu wenig Lohn, können sich daher Freizeitangebote nicht leisten oder haben aufgrund dessen gar keine Zeit – haben auch keine Zeit sich für eine Verbesserung ihres Lebens zu engagieren. Politik gerät zur Ausdrucksform sozial besser gestellter Personengruppen. Unser alltägliches Leben ist der Ausgangspunkt. Wie viel Lohn wir bekommen, wie hoch unseren Mieten sind, wie viel wir im Supermarkt ausgeben müssen. Uns trennt dabei nicht woher wir kommen – im Gegenteil. Migrant*innen und Frauen sind beispielsweise überproportional sozial benachteiligt.
Um zusammen zu kommen und unsere Vereinzelung zu überwinden, müssen wir selbst ein Netz aus Initiativen schaffen, durch das wir uns gegenseitig unterstützen können. Ob bei der Arbeit, im Alltag, in der Nachbarschaft, in der Schule. Verschiedene sich aufeinander beziehende Ansätze können nicht ohne weiteres ignoriert werden. Unsere Bedürfnisse und Vorstellungen von einem guten Leben für alle können so nicht mehr ignoriert werden.
Kapitalismus überwinden
Praktische Ansätze sind allerdings wenig wert, wenn wir nicht politische Perspektiven formulieren. Bei allem technischen Fortschritt bestehen uralte Institutionen und mit ihnen bleiben Fortschritt verweigernde Haltungen bestehen. Kapitalismus, das tagtägliche Alle gegen Alle, die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, ist nicht das Ende der Geschichte. Bürgerliche Freiheiten in Westeuropa sind nichts ohne soziale Absicherung.
Wir können uns weder auf althergebrachte linke Mythen verlassen, noch auf die Gewissheit auf der „besseren“ Seite zu stehen. „Fragend schreiten wir voran“ für eine Gesellschaft ohne Ausbeutung und Unterdrückung – in der alle Platz haben, die soziale Ungleichheit aufhebt, statt sie zu verschärfen. Es ist Zeit zu handeln! Lokal global überall
Quelle: Aaud.noblogs.org







