grüße aus der illegalität
von: Martin (Burkhard Garweg) am: 20.12.2024 - 13:27
Dokumentation des Schreibens von Burkhard Garweg, das die "Taz" erhielt und mit kritiischen Anmerkungen versehen musste. - von Indymedia
grüße aus der illegalität
an familie, freund*innen, genoss*innen, verbündete, wagenplatzbewohner*innen. an alle, die sich mit meiner und unserer sicht auseinandersetzen wollen.
Legal, illegal, scheißegal. Am 26. Februar diesen Jahres wurde Daniela Klette in Berlin verhaftet. Journalist*innen, die sich bereitwillig als Hilfspolizist*innen angedient hatten und dazu beitrugen, den zunehmend autoritär agierenden Staat um die staatliche und gesellschaftliche Gemeinschaft von Fahnder*innen und Denunziant*innen zu ergänzen, hatten mit KI Technologie Bilder von Daniela im Internet aufgespürt. Das historische Verdienst dieser podcastjournalistischen Denunziant*innen wird es gewesen sein, im richtigen Moment den Beweis für die angebliche Notwendigkeit biometrischer Kontrolle durch Gesichtserkennung auf dem Weg zum totalitären Kontrollstaat erbracht zu haben.
Täuschung der Öffentlichkeit
Die darauf folgende polizeiliche Fahndung gegen Volker Staub und mich sind seither geprägt von Lügen und Hetze. Polizei und bürgerliche Medien sagen, wir seien gewalttätige Kriminelle bzw. Terroristen, die nicht davor zurückschrecken würden, für Geld zu töten. Das Haus, in dem Daniela gewohnt hatte, wurde wie auch die Nachbarhäuser wegen angeblich gefährlicher Sprengstoffe medienwirksam evakuiert. Es begannen Maßnahmen der Mobilisierung der Bevölkerung zur Fahndung und Operationen psychologischer Kriegsführung. Es ist mittlerweile bekannt, dass eine gefundene Granate und eine gefundene Panzerfaust Attrappen waren. Das muss die Polizei von Anfang an gewußt haben. Diese ganze Aktion über mehrere Tage war eine Operation zur Täuschung und Manipulation der Öffentlichkeit.
Die fortwährende Propagierung unserer Gewalttätigkeit und Gefährlichkeit, die Haus- und Wagenplatzdurchsuchungen in martialischer Form, gepanzerte Fahrzeuge und MP bewaffnete Polizist*innen als sei der Krieg ausgebrochen, Kontrollen und Festnahmen sind mit den bewußt erzeugten Bildern nichts als die Behauptung der Notwendigkeit polizeilicher Militarisierung und eine Inszenierung, um die Bevölkerung zur Fahndung zu mobilisieren.
Vor allem aber geht es ihnen mit dem erzeugten Bild krimineller Gewalttäter*innen darum, die Geschichte der Funamental-Opposition zu entpolitisieren und zu denunzieren – jene Geschichte des historischen Versuchs, zur Befreiung von den Gewaltverhältnissen des Kapitalismus beizutragen, der aus dem Widerstand der (19)68er Bewegung hervorgegangen und mit den weltweiten revolutionären und antikolonialen Kämpfen verbunden war.
Vor 26 Jahren endete das Projekt Stadtguerilla in Form der RAF. Jedoch endete für uns, die wir als Militante der RAF verfolgt wurden, nicht das Leben in der Illegalität.Das Bild, das von uns zu erzeugen versucht wird, beschreibt eine gewalttätig marodierende Räuberbande, die für die Allgemeinheit gefährlich und auch zum Töten bereit sei – und das nur für Geld. Für uns ist es jedoch ausgeschlossen, für Geld Gewalt gegen Menschen auszuüben, die sie töten oder physisch verletzen könnte. Jegliche Traumatisierung von Angestellten von Kassenbüros oder Geldtransportern ist zu bedauern.Es gibt keinen Grund den Polizei- oder Justizapperat irgendetwas zu glauben, weil sie davon geleitet sind die Fundamentalopposition zu delegitimieren und davon, ein Klima zu erzeugen, in der staatliche Gewalt und Repression gerechtfertigt erscheinen.
„Gewalt ist das Fundament der bürgerlichen Gesellschaft: im Elend ihres Strafvollzugs, in den Ghettos unterhalb des bürgerlichen Alltags, in der Militarisierung der „inneren Sicherheit“, in ihrem Ausbeutungsverhältnis“ (Peter Brückner 1976)
Staatliche Gewalt trifft viele – die Armen, die Ausgebeuteten, die Ausgegrenzten. Sie richtet sich gegen die, die protestieren oder gegen jene, die sich gegen diesen Normalzustand wehren und diesen Zustand nicht als naturgegeben hinnehmen. das sind die, die gegen den Genozid in Gaza demonstrieren und gegen eine deutsche Regierung, die die Waffen dafür liefert, und dafür dem autoritär-gewaltätigem Gemisch aus Polizeiknüppel, Gefangennahme, Bedrohung durch die Justiz, Bedrohung durch Abschiebung, Verlustes des Arbeitsplatzes und geheimdienstlicher Überwachung ausgesetzt sind oder deren Demonstrationen gleich ganz verboten werden. Es sind die, die deshalb Unis besetzen und dafür mit Polizeigewalt niedergeknüppelt werden. Die, die auf Palästina-Veranstaltungen etwas zu sagen haben und dafür ein Einreiseverbot erhalten oder Künstler*innen, Schriftsteller*innen und Wissenschaftler*innen aus der ganzen Welt, deren Ausstellungen, Vorträge oder Veranstaltungen abgesagt werden, weil sie die „falsche“ Meinung haben. Es sind die jüdischen Aktivist*innen, die als antisemitisch gebranntmarkt werden, weil sie nicht die deutsche Staatsräson vertreten und dafür mit dieser Form des Antisemitismus der Herrschenden traktiert werden.
Es sind die, die sich organisiert auf der Straße festklebten, um gegen die Zerstörung allen Lebens auf diesem Planeten durch den Kapitalismus zu demonstrieren und dafür zu Terrorist*innen erklärt oder zu Gefängnis verurteilt werden. Es sind die, die aus ihren Dörfern vertrieben werden, weil Energiekonzerne mit den dortigen fossilen Brennstoffen Profite machen wollen. Es sind die, die sich diesem Raubbau des Kapitalismus und der damit einhergehenden Zerstörung des Klimas widersetzen. Die, die sich den Baggern der Konzerne entgegenstellen und dafür der Gewalt der Polizei ausgesetzt sind. Es sind die, die als Folge davon heute zu vielen Millionen im Süden zur Flucht gezwungen werden, weil das kapitalistische System den Profit der Konzerne mit den Knüppeln der Polizei in den Metropolen erzwingt und dadurch ganze Regionen in der Welt verwüstet und unbewohnbar werden.
Es sind die, die erkannt haben, daß der Staat Corona zum Anlaß nahm, die Formierung des autoritären Staats voranzutreiben, und dafür denunziert werden. Es sind die, die in der Antifa gegen Faschismus und Nazis kämpfen und deswegen, von Polizei und Justiz bedroht, in der Illegalität sind oder eingesperrt in Knästen. Es sind die Genoss*innen, die sich gegen die Unterdrückung von Kurd*innen organisieren, die sich gegen den Wahnsinn, der aus den Kriegen westlicher Staaten erwächst, den IS, stellen und die für die Befreiung von patriachalen Strukturen und für demokratischen Konförderalismus in Kurdistan eintreten und dafür als PKK-Mitglieder von der deutschen Justiz verfolgt und für Jahre im Gefängnis eingesperrt werden.
Es sind die, denen nachgesagt wird, sich als K.O.M.I.T.E.E. gegen Militarismus und das rassistische Abschieberegime gestellt zu haben und dafür seit fast 30 Jahren von der Justiz verfolgt und zu Exil gezwungen werden. Es sind die, die in den letzten Jahren in Berlin geräumt wurden: Syndikat, Liebig 34, Meuterei, Potse-Drugstore, Köpi Wagenplatz. Polizeiterror und Verdrängung für den Profit krimineller Investoren und gegen die Utopie des kollektiven und solidarischen Lebens. Es sind die, die sich die Miete für ihre Wohnung nicht mehr leisten können und dafür von der Polizei zwangsgeräumt werden.
Es sind die, die täglich vertrieben werden, weil sie inmitten des Reichtums in Zelten oder unter Brücken leben müssen. Es sind die, die wissen, dass sie jedes moralische Recht der Welt haben, sich in Zeiten, in denen sich Massen keine Mieten mehr leisten können, sich Häuser durch Besetzung einfach anzueigenen und das Gesetz vom Eigentum Weniger nicht mehr zu akzeptieren – aber dafür in den Mühlen von Polizei und Justiz landen würden. Es sind die Massen in prekären Arbeitsverhältnissen. Die, die ihre Arbeitskraft billig verkaufen müssen. Die, die von morgens bis abends ausgepresst werden und deren Lohn am Ende kaum zum Leben reicht.
Es sind die, die in Gefängnissen oder geschlossenen Psychatrien in Isolationshaft weggesperrt werden und das, obwohl Isolationshaft international als weiße Folter geächtet ist. Es sind die, die täglich vom Rassismus der deutschen Polizei bedroht werden oder jener Oury Jalloh, der, weil er schwarz war, in der Dessauer Polizeiwache bei lebendigem Leibe, an Händen und Füßen gefesselt und ohne die geringste Bewegungsmöglichkeit verbrannt wurde. Es ist der geflüchtete, verzweifelte Jugendliche Mouhamed Dramé, der von einer Maschinenpistople durchsiebt im Kugelhagel der Dortmunder Polizei starb, und der für seine Mörder keine Sekunde eine Gefahr war.Es ist der 16-jährige, unbewaffnete Jugendliche Halim Dener, der durch den Schuss eines Polizisten in seinen Rücken ermordet wurde, weil er ein Plakat der kurdischen Befreiungsbewegung plakatiert hatte. Es sind die, die vom NSU ermordetet wurden, weil sie aus migrantischen Familien kamen – und das über Jahre ungestört und frei von staatlicher Verfolgung und erwiesenermaßen in Verbundenheit mit deutschen Geheimdiensten.
Es sind die, die durch Kriege, durch die Zerstörung des Klimas und durch Armut zu Migration gezwungen werden und dabei im Mittelmeer zu Tausenden ertrinken, an deutschen und EU Grenzen abgewiesen werden oder in Abschiebeknästen landen. Es sind die Tausenden im früheren Jugoslawien, deren Leben durch NATO-Kampfbomber ausgelöscht wurden, getragen und befohlen durch die deutsche Bundesregierung mit dem zum Schlachtruf verkommenen und missbrauchten „Nie wieder Ausschwitz“. Es sind die 141 Menschen, die in Afghanistan mit NATO-Bomben kaltblütig ermordet wurden – auf Befehl des deutschen Bundeswehrsoldaten Klein, der das befahl, obwohl er zuvor von US Militärs informiert worden war, die 141 Menschen seien Zivilist*innen, und der dafür von der deutschen Bundesregierung zum General befördert wurde.
Es sind die Zehntausenden oder mehr, die das alles nicht mehr aushalten, die sich in die Abhängigkeit harter Drogen flüchten oder es vorziehen, ihr Leben gleich selbst zu beenden. Es sind alle jene, die sich gegen den Krieg stellen, die sich gegen die Faschisierung und Militarisierug des kapitalistischen Normalzustandes stellen. Die, die das alles nicht einfach hinnehmen wollen. Die, die sich wehren. Die, die nicht resignieren, sondern sich für eine Welt einsetzen befreit von jeder Herrschaft ohne ein Oben und Unten und ohne Gewalt von Polizei und Militär, die das Oben vor dem Unten schützen.
Es sind die Unzähligen, die ein Lied singen können von den wahren Gewaltverhältnissen im kapitalistischen System
Jedoch sind es jene Apologeten des Kapitalismus, die ein gemeinsames Interesse haben, daß es keine Alternative zum Kapitalismus geben darf, die besonders gerne über die angebliche Gewalt derer reden, die egal wo auf der Welt rebellieren, deren Trauer und deren Wut zum kollektiven Widerstand wird. Über ihre Gewalt – die strukturelle und brutale Gewalt des kapitalistischen Systems – reden sie hingegen fast nie.
Es ist diese Gewalt, über die geredet werden sollte.
Strukturelle Gewalt des Kapitalismus – revolutionäre Selbstverteidigung – Befreiung
Als Teil der revolutionaren Linken waren wir – und ich sage: sind wir – davon überzeugt, dass ein auf Gewalt beruhendes System keine Legitimation hat, und dass dessen emanzipatorische Überwindung erreicht werden kann. Wir verabscheuen jede Form von Gewaltverhältnissen und sehnen uns nach einer Welt, deren Grundlage nicht Gewalt, Tod und Elend ist. Wir sind einst aufgebrochen, um dazu beizutragen, die Gewalt des Kapitalismus, Herrschaft des Menschen über den Menschen, Ausbeutung, Militarismus und Krieg zu beenden und in eine andere gesellschaftliche Wirklichkeit zu transformieren. Wir waren Teil aller, die sich in der Geschichte der Kämpfe für menschliche Emanzipation, Freiheit und Selbsbestimmung auflehnten.
Wir gingen davon aus: Wer die Frage nach einer gewaltfreien Gesellschaft stellt, die nicht dem Profit der Wenigen verpflichtet ist, der Spaltung der Menschen in schwarz und weiß, in arm und reich oder in Mann oder Frau, muss sich irgendwann zwangsläufig mit der Frage von struktureller Gewalt des Systems, revolutionärer Gegenbewegung und revolutionärer Selbstverteidigung auseinandersetzen.
Das martialische Auftreten des Staatlichen Sicherheitsapparates gegen uns im Kontext der Krise
Das martialische Auftreten gegen uns vollzieht sich im Kontext der Gegenwart gesellschaftlicher Entwicklung, in der sich die Frage nach der antikapitalistischen Systemalternative aktualisiert. Daher soll jeder Gedanke an und jede Geschichte von fundamentaler Opposition gegen das kapitalistische und imperialistische System diskreditiert werden. Das kapitalistische System ist in eine umfassende und vielschichtige Krise geraten. Seine für den Kapitalismus existenziell notwendigen Wachstumsmöglichkeiten geraten mehr und mehr an Grenzen. Die Folgen sind und werden erheblich zunehmen: Armut, betriebliche Massenentlassungen und Abbau sozialstaatlicher Programme.
Die Krise bezahlen nicht die oberen Zehntausend sondern die, die unten sind: die Alten, deren Rente zum Leben nicht reicht; die von staatlichen Sozialleistungen Abhängigen, für die die steigenden Lebensmittelpreise zum existenziellen Problem werden; die, die sich ihre Wohnung nicht mehr werden leisten können; die, die noch mehr prekäre Jobs brauchen, um überleben zu können; die Arbeitslosen, die mit jeder neuen Verschärfung im Jobcenter-System diszipliniert werden sollen; die Junkies, die Jugendlichen (v.a. der ärmeren Stadtteile) oder die von Gewalt Betroffenen und viele andere, deren Räume, in denen sie Unterstützung bekommen hatten oder sich treffen konnten, geschlossen werden.
Politik und Polizei reden gerne von migrantischen Clans, als seien diese das Problem der Gesellschaft. Nie reden sie jedoch von den Clans der Hohenzollern oder Quants, obwohl diese mit ihrem immensen Reichtum und der Verteilung für den Wahnsinn des Kapitalismus stehen und für diesen Wahnsinn mitverantwortlich sind. Weltweit besitzen die reichsten 85 Menschen soviel Vermögen wie die 3,5 Milliarden der Ärmsten zusammen.
Angst, Druck und Disziplinierung für die Folgsamkeit – die Klassenjustiz
Die Justiz verurteilt im Zuge der autoritär staatlichen Krisenreaktion immer mehr Menschen: Die armen Schlucker landen „gerne“ auch mal im Gefängnis, weil sie sich vermeintlich oder tatsächlich etwas vom Kuchen nehmen wollen. Die, die angeblich oder tatsächlich ein paar Euro „ungerechtfertigt“ vom Jobcenter bekommen oder jene, die auf Demos die im Sinne der Herrschenden „falsche“ Parole rufen, werden justiziell abgeurteilt. Die Reichen und Mächtigen jedoch, wie die in die Cum-Ex-Affäre verwickelten Kapitalist*innen, Milliardär*innen und Politiker*innen, die Millionen auf ihre Seiten geschafft haben, die verurteilen sie nicht.
Der autoritäre Krisenstaat setzt das Primat der Militarisierung nach innen – der Aufrüstung von Polizei und Geheimdiensten sowie der Militarisierung nach Außen. Das bedeutet, dass Geld fließt in riesigen Summen in Polizei, Militär, Rüstungsindustrie und in Kriege. Hingegen immer weniger kommt bei den von Armut oder jedweder Bedürfigkeit Betroffenen an – ein gigantischer Umverteilungsprozess von unten nach oben. Die Krisenbewältigung der Herrschenden zielt darauf ab, die „Volksgemeinschaft“ zu beleben und „den Gürtel“ für die Massen „enger zu schnallen“. So nennen sie das, wenn sie von Verarmung und sozialer Erosion als Folgen ihrer Herrschaftspolitik sprechen und davon, das Recht auf Asyl zu dezimieren, bis davon kaum noch was übrig ist oder nur für jene ein Recht in der Metropole zu leben bleibt, die für das Kapital verwertbar sind.
Es reichten zwei Messerstecher – die von Solingen und Mannheim – um umfassende polizeiliche Aufrüstung, Grenzkontrollen, weitere Schritte im Prozess der Aufhebung des Rechtes auf Asyl sowie Massenabschiebungen zu begründen. 360 Femizide im Jahr 2023 hingegen bewegten die Herrschenden zu nichts. Die muslimische Bevölkerung und Geflüchtete sind heute von oben erwünschte und erzeugte Feindbilder, mit denen sich „Volksgemeinschaft“ konstruieren läßt. Mit der Behauptung, diese seien die Ursache der Probleme, spalten und kanalisieren die Herrschenden den Unmut breiter Teile der Bevölkerung und verschleiern, dass sie selbst und der Kapitalismus die Ursache der grundlegenden Probleme sind.
Mit den Feindbildern läßt sich autoritär repressive Politik begründen und breiter Konsenz darüber herstellen. Das funktioniert besonders gut in Zeiten der Präsenzlosigkeit einer relevanten sozialrevolutionären und antikapitalistischen Linken. Der Konsens der neofaschistischen Rechten und des gesamten bürgerlichen Spektrums ist offensichtlich.
Die großen Probleme der Menschheit: Zerstörung der ökologischen Lebensbedingungen, Nationalismus, Krieg und Armut werden objektiv im Kapitalismus nicht gelöst werden können. Antifaschismus istantikapitalistisch, oder er bleibt wirkungslos.
Das Erstarken der radikalen Rechten in ganz Europa ist Ausdruck der anhaltenden und zunehmenden Krise des Kapitalismus.Die rechten Parteien, die in immer mehr EU-Ländern in die regierenden Eliten integriert werden – Italien, Holland, Österreich, Frankreich sowie auf Ebene der EU – versammeln einen Teil der Abgehängten oder jene, die Angst vor dem sozialen Abstieg haben, mit Scheinlösungen, die den Kapitalismus nicht in Frage stellen, hinter sich. Die europäischen Eliten und die rechten Parteien haben längst die selbe Krisenlösung im Programm: autoritärer Staat gegen die Nicht-Gehorsamen, Sozialstaatsabbau, massive Rüstung und Erhöhung der Kriegsführungsfähigkeit, Aufrüstung der Polizei und Erweiterungen ihrer Befugnisse sowie polizeiliche und geheimdienstliche Kontrolle der Gesellschaft, Nationalismus, Migrant*innen als Sündenböcke für die Krise und Massenabschiebungen.
Darin sind sich auch in Deutschland alle Parteien der neofaschistischen Rechten und der sogenannten Mitte – von AFD bis Grüne – einig. Es ist eine Illusion, darauf zu hoffen, dass dem Rassismus und der Vision der „deutschen Volksgemeinschaft“ der neofaschistischen Rechten mit dem Rassismus und den gleichen Visionen des bürgerlichen Staates sinnvoll begegnet werden kann. Längst sind die Visionen der AFD und anderer europäischer Parteien der Rechten auch Konsens der Herrschenden und markieren deren Weg in die Zukunft.
Die großen Probleme der Menschheit – Zerstörung der ökologischen Lebensbedingungen, Krieg und Armut – werden objektiv im Kapitalismus nicht gelöst werden können. Die umfassende Krise der Gegenwart ist der Katalysator alles dessen und treibt die Welt in Richtung des möglichen militärischen, atomaren und klimatischen Abgrunds. Die Lösung kann nur in einer vom – dem Kapitalismus innewohnenden – Zwang des Wachstums befreiten und damit antikapitalistischen und herrschaftsfreien Organisierung der Menschheit gesucht werden. Der mit der Krise aufkommenden Radikalisierung von Staat und Gesellschaft kann aus dieser Perspektive nur mit der Suche nach den Wegen zur Systemalternative begegnet werden. Die soziale Frage, der Widerstand gegen Krieg und Militarisierung nach innen und aussen, der Widerstand gegen die ökologische Vernichtung des Planeten durch den Kapitalismus sowie die Organisierung solidarischen Internationalismus markieren notwendigerweise gemeinsam diesen Weg.
Im Kampf des Westens gegen den drohenden Verlust ihrer weltweiten Hegemonie setzen die Herrschenden auf Militarisierung und planen Krieg bis zur Dimension des 3. Weltkrieges.
Wir sind im Zeitalter des zunehmend autoritären Staates angekommen. Ein zweifellos bedrohlicher gesellschaftlicher Zustand. Aber es spricht auch für ein erhötes Maß an Instabilität des Kapitalismus. In seiner Gier nach Profit braucht er die Möglichkeiten der Akkumulation, die sich immer schwieriger herstellen läßt. Er taumelt von Krise zu Krise. Es ist das Zeitalter der Kriege, sozialen Verwerfungen und der reaktionären Besinnung auf Volk und Nation. Aber es spricht auch dafür, dass den Herrschenden die Dinge entgleiten könnten und sich die Frage stellt: Was tun? Entwickeln sich in Zukunft Klassenkämpfe, die die Ausbeutungs und Unterdrückungsverhältnisse in kollektiven Prozessen in Frage stellen und bekämpfen? Die Fragen danach, wie eine gesellschaftliche Transformation erreicht werden kann, sind im Zeitalter sozialer und ökonomischer Erosionen, zunehmender militärischer Neuverhandlung der Macht und ökologischer nicht reversiblen Zerstörung des Planeten existenziell und aktueller denn je.
Der Kreis schließt sich
Die revolutionären Konzepte der Geschichte konnten die Antworten zur Überwindung des Kapitalismus nicht aufzeigen. Nichtsdestotrotz stehen wir unter veränderten Bedingungen grundsätzlich vor denselben Fragen.
Der Staat setzt auf Spaltung
Illegalität, Solidarität und „Terroristen“
Wir sind in Jahrzehnten der Illegalität auf viele Menschen getroffen. Freund*innen, Verbündete, Nachbar*innen, meine Wagenplatzmitbewohner*innen und viele mehr. Ich lebte viele Jahre mit Menschen, die nicht wußten, aus was für einer Geschichte ich kam. Als Illegale*r ist es nicht möglich, von der eigenen Illegalität zu erzählen. Bitte verzeiht das.
Mit dem Ende dieser gemeinsamen Zeit kam für sie die Repression. Wagenplatz und Hausdurchsuchungen: lokale Kriegssimulationen – etwas, was ich nie gewollt habe, aber am Ende nicht mehr in meiner Hand lag. Den revolutionären und emanzipatorischen Kämpfen folgt die Repression – und so wird es sein, bis der Emanzipationskampf über das Unrecht siegt. Wir sind Teil der Geschichte der weltweiten Rebellionen, die es gibt, seitdem es Herrschaft und Sklav*innen gibt. Die es gibt, seitdem Patriachat-, seitdem Kapitalismus und Kolonialismus das Übel der Menschheit sind. Aus dieser Perspektive liegt die Verantwortung für Repression bei den Herrschenden und bei niemandem sonst.Repression ist ein Herrschaftsinstrument. Aus meiner Sicht – und das wäre unsere Sicht – gibt es darauf nur eine Antwort: Solidarität.
Verbündet Euch gegen die heutige Repression gegen Daniela!
Schafft (Gegen-) Öffentlichkeit! Solidarisiert Euch!
Wir sind so, wie wir waren und sind so, wie viele uns in der langen Zeit der Illegalität kennengelernt haben. Auseinandersetzungen um Gewaltverhältnisse – patriachale Gewalt, Armut und Rassismus fanden – wie vieles andere – Widerhall in Begegnungen und Freund*innenschaften mit Menschen in dieser Zeit und sind Teil meines und unseres Lebens. Vieles, was wir mit anderen in den Jahrzehnten unserer Illegalität zu tun hatten, Wege, die wir mit anderen gegangen sind, erzählen von der Suche nach einer solidarischen und emanzipatorischen Wirklichkeit jenseits kapitalistischer Gewaltverhältnisse. Die Verbundenheit mit anderen in dieser Zeit ist der Spiegel unserer Realität – davon, wie und wer wir sind.
In der Geschichtsschreibung der Herrschenden ist fundamentaler Widerstand gegen das kapitalistische System: Kriminalität, Gewalt und Terror. Das erzeugte Bild soll die Wirklichkeit ersetzen und verschleiern, dass es die strukturelle Gewalt des Systems ist, die das große Problem der Menschheit ist. Das erzeugte Bild vom „Terroristen“ soll die Geschichte des Widerstands gegen die kapitalistischen Gewaltverhältnisse entpolitisieren, soll spalten, soll vernebeln, dass die staatliche Gewalt und die Gewaltverhälnisse des kapitalistischen Systems für viele Menschen auf der Welt wirklich nur noch Terror ist.
„Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“ (Georg Büchner – 1834)
Zum „Terroristen“ stilisiert werden kann jede*r, die*/der* vom Protest zum Widerstand übergeht. Davon erzählen die unzähligen Geschichten der Rebellionen und des Widerstands: Klaus Störtebecker, Thomas Müntzer, Georg Büchner; der 1885 hingerichtete Sozialrevolutionär, Anarchist und Aufständische gegen das reaktionäre deutsche Kaiserreich August Reinsdorf; der Rätekommunist, Kritiker der KPD, Aktivist der Roten Hilfe, Verfasser der ersten Konzeption einer Stadtguerilla und Militanter der Aufstände der Arbeiter*innenbewegung der 1920er Jahre Karl Plättner; Olga Benario, Georg Elser, Phoolan Devi, Durruti, Che Guevara, Angela Davis, Ulrike Meinhof, Sigurd Debus, Patrice Lumumba, Nelson Mandela, Assata Shakur, Sakine Cansiz, Mumia Abu Jamal. Ob Pariser Communue oder schwarze Jakobiner – jene vom europäischem Kolonialismus versklavten Menschen, die ab 1791 im heutigen Haiti in der antikolonialen Revolution die Befreiung erkämpften;ob Partisan*innen in vielen Ländern Europas gegen den Nazi-Faschismus oder CNT – Anarchist*innen in Spanien gegen die Militärdiktatur, ob der revolutionäre Kampf der Black Panther, der Bewegung 2. Juni, der Rote Zora oder der Widerstand des ANC gegen Apartheit – sie alle waren in der Propaganda der Herrschenden „Terroristen“.
Terror hat nichts mit uns, hingegen viel mit den Herrschenden und dem kapitalistischen System zu tun
Der Begriff Terror hat nichts mit revolutionärer Gegengewalt, die revolutionäre Selbstverteidigung ist, der emanzipatorischen Bewegungen der Geschichte, die sich ausschließlich und gezielt gegen die Herrschenden richtet, zu tun. Terror beschreibt wahllose Gewalt zur Durchsetzung von Herrschaft oder deren Sicherung. Der Begriff „Terroristen“ in der bürgerlichen Gesellschaft würde unter anderem als Selbstbezichtigung und Beschreibung der Herrschenden Realitätsgehalt erfahren und wäre dann durchaus ein sinngebender Begriff statt einer manipulierenden Phrase. Der Begriff „Terrorist“ ist heute vor allem ein Herrschaftsmittel. Ausbeutung, Repression, Frontexregime, Klassenjustiz und Gefängnissystem; Hunger, Kriege, Putsche und Militärdiktaturen unter der Regie der kapitalistischen Zentren und mit der historischen Verantwortung jeder deutschen Bundesregierung: die millionen Toten lassen sich nicht mehr zählen – Terror hat nichts mit uns, hingegen viel mit ihnen und ihrem System zu tun.
Solidarität hat keine Grenzen
In einer Situation der Schwäche hat es viel bedeutet und es hat Mut gemacht: die Solidaritätsdemonstration im März in Berlin für die Freiheit von Daniela und die Solidarität mit uns Illegalen, gegen die Wagenplatz und Hausdurchsuchungen, gegen die Hetze und den ganzen Staatsterror; die Solidaritäts Kundgebungen am Knast in Vechta, die Wandparolen und die Kundgebungen der Solidarität in verschiedenen Ländern Europas.
Mehr als drei Jahrzehnte konnten wir uns ausserhalb der dafür von der bürgerlichen Gesellschaft bestimmten Wege, die für uns nichts anderes vorgesehen hatten, als eingesperrt oder erschossen zu werden, kollektiv organisieren. Wir konnten Wege finden, ein Leben zu führen, indem durch alle Höhen und Tiefen hindurch eine andere soziale Wirklichkeit aufscheinen konnte als die der kapitalistischen Normalität von Entfremdung, Vereinzelung und Verwertung. Das kann uns niemand mehr nehmen. Es wird Teil der Geschichtsschreibung von unten bleiben.
Solidarität unter uns – mit denen, die gestern, heute oder morgen gegen dieses System rebellierten, rebellieren oder rebellieren werden
Daniela – Tag für Tag in der Gefängniszelle eingeschlossen. Und das, obwohl die abgründige Realität der Verhältnisse zeigt: Sie mögen manche ihrer Gesetze auf ihrer Seite haben, die Legitimation haben sie nicht. Die historischen Versuche unzähliger Menschen in vielen Jahrhunderten jene Verhältnisse zu überwinden – gegen die Gewalt derer, die wollen, dass alles so bleibt wie es ist, die die menschliche Emanzipation und Befreiung zu Unrecht und das Unrecht zu Recht erklären – waren und sind vollkommen legitim.
Die Justiz des Nazinachfolgestaates, die die Nazis des NS-Faschismus so gut wie nie verurteilte, plant heute jahrelange Schau-Prozesse gegen Daniela, in denen sie stellvertretend für die Geschichte der Fundamental-Opposition abgeurteilt und für viele Jahre im Gefängnis weggeschlossen werden soll. Der Staat setzt auf Abschreckung und zielt damit nicht nur auf Daniela, sondern auf alle, die sich nicht fügen, die nicht akzeptieren, dass die Menschheit keine Alternative zum Kapitalismus und damit zur Zerstörung des Planeten hätte. Eine Farce, die alle betrifft – unabhängig von ihrer Geschichte oder ihrem Standpunkt – für die Kapitalismus nicht das letzte Wort der Geschichte bleiben soll.
S olidarisiert Euch!
Das Unmögliche möglich machen, wie Che Guevara sagte, hat heute einen für die Menschheit existenziellen Sinn: gegen die Abgründe des „Zeitenwende“-Zeitalters die Systemalternative in kollektiven Prozessen wieder denken zu lernen und sie in der Perspektive gemeinsam und international erkämpfen; die Logik der Herrschenden, es gäbe keine Alternative zum Kapitalismus -„there is no alternative“- in uns und in allen Verhältnissen durchbrechen. Das historische Fenster des Epochenbruchs – systemischer und gesellschaftlicher Erosionen des Kapitalismus – öffnet sich gegenwärtig immer weiter. In der weiter voranschreitenden Zuspitzung der Verhältnissse lauert ein neues Zeitalter der Barbarei. Einzig Kämpfe einer sozialrevolutionären Gegenbewegung könnten eine Alternative dazu ergeben.
`Sozialismus oder Barbarei´ – wie Rosa Luxemburg 1919 prognostizierte und damit die historische Realität treffend voraussagte: nach dem 1. Weltkrieg und der damaligen Weltwirtschaftskrise öffnete sich das Fenster des erodierenden Kapitalismus und der Revolution. Es folgte von 1918 bis 1923 der Versuch der Arbeiter*innenbewegung, der revolutionären Feminist*innen, der Anarchist*innen und der Komunist*innen in Deutschland die sozialistische Revolution durchzusetzen. Zugleich erhob sich ein großer Teil der Menschheit in Aufständen in 5 Kontinenten. In Deutschland scheiterte der Versuch der aufständischen Arbeiter*innenbewegung den Kapitalismus zu überwinden. Es wäre die einzigste Möglichkeit gewesen, die darauf folgende Epoche der Barbarei abzuwenden. Der sozialistische Revolutionsversuch wurde niedergeschlagen, und es blieb der Kapitalismus, der in Deutschland die Form des Nazifaschismus annahm und im 2. Weltkrieg und Ausschwitz mündete.
Mit der heutigen tiefgreifenden Krise des Kapitalismus und den weltweiten epochalen Veränderungen könnte sich in deutlicher Tendenz und in zunehmender Geschwindigkeit erneut der historische Moment des `entweder oder´ des `Sozialismus oder Barbarei´ ergeben. Die Fixierung auf bürgerlich-faschistoide-kapitalistische Parteien wird die Entwicklung des deutschen Krisenstaates und der EU in wachsenden Autoritarismus und Krieg nicht verhindern können. Da gibt es nichts zu retten. Nur eine im Prozess der Transformation von unten erkämpfte Aufhebung des Kapitalismus wird diese Entwicklung beenden können.
Heute wäre die sozialrevolutiönäre Alternative zur fortschreitenden Faschisierung des kapitalistischen Systems, sich auch in der Metropole ausbreitenden Armut, kommendem globalen Krieg und ökologischen Vernichtung des Planeten ein Sozialismus, der aus den Fehlern der Geschichte lernt und damit die Möglichkeit bieten würde, eine befreite Gesellschaft aufzubauen – für eine Welt der Kollektivität, der Freiheit von Patriachat, Ausbeutung, Herrschaft und Nation sowie des Überlebens der Natur.
Diese Welt wird ohne eine in der zunehmenden Krise und in den rasant wachsenden sozialen Kämpfen der Zukunft präsente, kämpferische, kreative und vielfältige Bewegung nicht zu haben sein. Dies wäre die Rekonstruktion von Handlungsfähigkeit einer antikapitalistischen, sozialrevolutionären und internationalistischen Linken, die über über ihren Tellerand hinaus wirkt. Das Ende des Dornröschenschlafes: Es wird Zeit – es ist Zeit -, sich zu bewegen.
Solidarität mit Daniela!
Solidarität mit den den Genoss*innen im Exil, allen Untergetauchten und den Gefangenen aus den Kämpfen der Antifa, des Widerstands, der kurdischen und türkischen Genoss*innen, der Klimabewegung und allen anderen emanzipatorischen Kämpfen der Welt!
Die Forderung nach sofortiger Freilassung von Daniela ist gerechtfertigt.
Martin
(Burkhard Garweg)
Eine kurze Anmerkung zu Militanz, Politik und Desertion
Nigredo 17. Dezember 2024 Analyse und Diskurs

1. Nichts ist in militanten Kreisen üblicher als die Kritik an der Militanz und die Überlegungen zur „Krise der Militanz“. Man könnte fast sagen, dass das ernste oder untröstliche Eingeständnis der Notwendigkeit, die Identität des Militanten zu überwinden, für den Militanten selbst eine obligatorische Hommage an den Zeitgeist darstellt. Wie in allen anderen Bereichen gibt es auch hier eine krasse Alternative zwischen der dialektischen Abhängigkeit des Kritikers von seinem Gegenstand und der positiven Andersartigkeit der Abgrenzung. Das Sichtbarkeitsfeld der politischen Selbstverwertung zu verlassen, bedeutet, den Plan zu ändern, anderswo zu sein, eine andere Sprache mit anderen Gesprächspartnern zu sprechen. Vom radikalen Bewusstsein der Hinzufügung also zur Erfindung von neuen Formen.
2. Die einzigen Anlässe, bei denen es sinnvoll ist, sich mit den Phänomenen der zeitgenössischen „radikalen“ Politik und der Welt der „Bewegung“ zu befassen, sind diejenigen, bei denen es notwendig ist, ihre objektiven Solidarisierungen – durch Diskurs, Praxis oder Verhalten – in Bezug auf die Umstrukturierungs- und Modernisierungsprozesse der imperialen Macht aufzudecken. Das Ziel der Offenlegung liegt in diesem Fall in den Prozessen der Regierungsmodernisierung selbst als allgemeine Dynamik, die berücksichtigt werden muss. Keinesfalls aber sind die politischen Subjekte, um die es in diesen Passagen geht – Passagen, die ohne Abstriche aufgereiht und analysiert werden müssen – ein anzusprechendes Zielpublikum. Eine Kontroverse wäre immer noch eine Konfrontation, die man weiterführen sollte. Dies schließt keineswegs aus, den Stand der Technik und die Kräfte auf dem Gebiet konkret zu berücksichtigen und strategisch zu versuchen, sich in Bezug auf sie zu positionieren. Sich dieses Diagramm der Kräfte anzueignen bedeutet, seitwärts zu agieren oder sich zurückzuziehen, um einen klareren Standpunkt einzunehmen, perspektivisch zu argumentieren und sich Luft zu verschaffen: nicht die Überreste der politischen Formen anzugreifen, die wir ablegen wollen, sondern ihnen den Boden unter den Füßen wegzuziehen, einen anderen Plan zu entwerfen, der in der Lage ist, die Regeln eines Spiels, das vollständig ausgereizt ist, völlig umzuwerfen.
„[…] Ich denke, man muss auch sagen, dass der Widerstand und die laufenden Kämpfe nicht mehr die gleiche Form haben. Es geht nicht mehr darum, an diesen Machtspielen teilzunehmen, damit die eigene Freiheit oder die eigenen Rechte maximal respektiert werden; diese Spiele werden nicht mehr akzeptiert. Es geht nicht mehr um Auseinandersetzungen innerhalb der Spiele, sondern um den Widerstand gegen das Spiel und die Ablehnung des Spiels selbst. Das ist es, was eine ganze Reihe von Kämpfen und Schlachten charakterisiert“. (Foucault)
2b Um jegliches Missverständnis auszuräumen: Die Idee, dass man es aus Gründen der Zweckmäßigkeit vermeiden sollte, Dinge klar auszusprechen, ist nicht nur furchtbar feige, sondern spiegelt immer noch voll und ganz denselben Sumpf der Subalternität gegenüber den Logiken der Repräsentation und des politischen Wettbewerbs wider. Die Schärfe einer Aussage abzustumpfen, um nicht zu stören, bedeutet, dass man immer noch dieselbe Sphäre des Dialogs, dieselben Gesprächspartner und dieselbe abgestandene Luft akzeptiert. Zu glauben, dass diese niedrige Taktik einer Strategie gleicht und dass ein kleines Spiel politischer Mimesis dazu dient, Verbündete, Sympathisanten oder auch nur Zuhörer für die eigene Botschaft zu gewinnen, ist eine Illusion, die kurzatmig ist. Nur wenn man die Aussagen, die einen ethisch qualifizierten Unterschied markieren, genau erklärt, kann man die Freunde treffen, die man kennen sollte, die Unzufriedenen, die Ungeduldigen, diejenigen, die keine Geschichten erzählen wollen. Zu sagen, dass der politische Ökologismus heute ein staatlicher Diskurs ist, ist kein Weg, um seinen Ressentiments Luft zu machen, sondern um die Sensibilität derjenigen anzusprechen, die die Natur des Problems klar sehen und sich entsprechend bewegen wollen.
3. Reformismus und Radikalismus verfallen gemeinsam. Diese Tendenzen sind kaum mehr als zwei Markierungen ein und derselben Sackgasse, und sie sind perfekt miteinander verwoben: die eine kann nicht gegen die andere ausgespielt werden, ohne das gesamte Paar zu konsolidieren, wie es bei den Apparaten immer der Fall ist. Der moralischen Kritik am politischen Opportunismus der verschiedenen Akronyme oder Kollektive der „Bewegung“ im Namen einer Unnachgiebigkeit bei der Reproduktion derselben symbolischen Praktiken oder eines sich selbst zerstörenden Purismus steht die listige Zurschaustellung einer taktischen Skrupellosigkeit ohne einen Funken Perspektive gegenüber. Beide Wege sind nicht nur holprig und Sackgassen, sondern so sehr von Fehltritten geprägt, dass sie die Fluchtwege verdecken. Erst war die Bewegung da/und jetzt?
4. Den öffentlichen Raum der Politik verlassen, um was zu tun? Versuchen wir nicht, der Frage auszuweichen. Fassen wir diese Aufgabe, die mit Begriffen wie Sezession, Desertion oder Trennung bezeichnet wird, in vier einfachen Punkten zusammen: eine Position vertiefen, Verbindungen knüpfen, eine Kohärenz lokalisieren, zur offensiven Kraft von Momenten der Revolte beitragen. Diese vier Punkte lassen sich auch unter dem Begriff Verschwörung oder Parteiaufbau zusammenfassen. Die Partei ist keine Struktur, kein Subjekt, kein formaler und öffentlich zugänglicher Apparat, sondern eine unterirdische Koordination von sensiblen Formen und Ressourcen, die auf der konspirativen Ebene zusammenlaufen. Die hypertrophe Ausdehnung des biopolitischen Gefüges über alle Sphären und seine Einfaltung in sich selbst bedeutet, dass die Macht ein Umfeld und der Widerstand ein Unbekannter ist. Sich an der Spitze künftiger Revolutionen als theoretisches Gehirn, als politischer Brückenkopf oder als aufgeklärte Vorhut zu verstehen, ist schlichtweg lächerlich: Die Aufgabe der Revolutionäre in dieser Epoche ist es, Ideen in Umlauf zu bringen, Begegnungen vorzubereiten und ihre strategische Kombination zu ermöglichen. Nigredo verweist auf die erste, negative Phase dieser Metamorphose.
„Das Proletariat besitzt nun in seiner Existenz selbst den unmittelbaren Inhalt seiner Aufgaben und braucht keine formale Partei mehr. Es kann nur ’sein‘ als seine historische Partei“ (Bériou)
5. Die Vertiefung einer Position. Der Raum des Denkens. Auf sämtlichen glühenden Brennpunkten der Gegenwart sehen wir eine allgemeine Umwälzung etablierter Formen und einen Verfall aller stabilen Koordinaten. Es gibt keine Kompasse und keine vorgezeichneten Wege, vor allem nicht in den Rezepten der revolutionären Politik. Man muss mit dem Vokabular beginnen. Die Verwirrung der Sprache führt dazu, dass, wie so oft, Kategorien, die in früheren Zyklen eine Bestimmung des Konfliktes aufnehmen konnten, sobald der Feind das Feld des Kampfes umgestaltet hat, zu Werkzeugen der Gegenseite, zu Vektoren der Befriedung werden. Das allgemeine Gesicht des Kommandos wird heute durch die moralisierenden Injunktionen des Progressivismus verkörpert – ein Progressivismus, der sich in der Schuldzuweisung an das Subjekt und sein alltägliches Verhalten miniaturisiert – an der Umwelt-, Kultur-, Identitäts- und Ausdrucksfront. Nicht mehr Gesetz, sondern Norm, nicht Verbot, sondern allgemeine Vermehrung der Techniken des Selbst, der Fürsorge, der vielseitigen und individualisierten Domestizierung. Das bedeutet, dass die Gesten des Ungehorsams oft die instinktive Fassade des Zynismus, des Rechts, der konservativen Reaktion annehmen. Der echte Punk verteidigt heute eine symbolische Sphäre, die er in seiner früheren Sozialisation verinnerlicht hat und die ihm die neue gesellschaftliche Synthese plötzlich entreißt. „Die Rebellion ist nach rechts gerückt“ ist ein beruhigendes Mantra, um sich die Tiefe zu ersparen und sich der Normalisierung anzuschließen. Es geht darum, dieses neue Gesicht der Macht zu verstehen und zu erzählen, die internen Artikulationen zu erklären, durch die sie das Imaginäre formt und in Beschlag nimmt, die Sprache der Subjekte formt, das Reale berührt. Durch die sie, mit anderen Worten, die Seele erschafft.
„Wer es wagt, die Organisation eines Volkes in Angriff zu nehmen, muss sich fähig fühlen, die menschliche Natur gleichsam zu mutieren, jedes Individuum, das in sich selbst ein vollkommenes und autonomes Ganzes ist, in einen Teil eines größeren Ganzen zu verwandeln, aus dem dieses Individuum irgendwie Leben und Sein erhält“ (Rousseau).
Die kapitalistische Zivilisation, die mit der Herausbildung eines wissenschaftlichen, militärischen und industriellen Komplexes begann und alle Grundlagen früherer Lebensformen an der Wurzel zerstörte, ist an einer absoluten Vollendungsschwelle angelangt: Es gibt eine Kontinuitätslinie, die von der Affirmation der rechnenden Vernunft als Verschwinden der Erfahrungen über die Statistik, den American Way of Life, die Atomkraft und die Unterhaltungsindustrie verläuft, ohne den Sozialdarwinismus und die Serialisierung des Mordens in den Weltkonflikten zu vergessen und schließlich zu den algorithmischen Netzen zu gelangen, die unsere Beziehungen vermittlen.
Diese Punkte sind Etappen in einem kontinuierlichen Prozess der unendlichen Wertsteigerung und Bestätigung jenes gewaltigen metaphysischen Experiments, das man Wissenschaft, Kapital, Westen nennen kann. Das Überschreiten dieser Schwelle zu begreifen, die die permanente Katastrophe einer Zivilisation ist, in der jeder verbleibende Raum umgekrempelt und bis zum Äußersten ausgequetscht wird, um den letzten Rest an Ökonomie, Publizität und Selbstaufwertung herauszuholen, bedeutet, dass wir uns zu einer grundlegenden Überarbeitung unserer Sprache entschließen müssen. Keines der zentralen Wörter in unserem Vokabular kann unangetastet bleiben: Revolution und Gemeinschaft, Politik und Geschichte bedeuten nicht mehr dasselbe. Ist eine Revolution, die nicht die unbekannten Wege der Emanzipation im linearen oder zyklischen Verlauf der Geschichte eröffnet, sondern in einer Spiralbewegung zu dem wiederkehrenden Ursprung zurückkehrt, der die Instrumente des politischen Handelns verflucht hat, um sie schließlich zu verwerfen, noch eine Variante dessen, was wir bisher Revolution genannt haben? Entspricht eine Politik, die darin besteht, sich selbst aus der Polis herauszureißen, indem man eine intensive Fremdheit gegenüber der Lebensweise, die uns beherrscht, und gegenüber den Waffen, mit denen unsere Seelen technisch hergestellt werden, aufbaut, dem, was wir als Militanz bezeichnet haben? Und was ist mit der Gemeinschaft, zu der Landauer vor mehr als einem Jahrhundert seinen Sozialistischen Bund gewählt hat? Was ist mit ihr in der Welt der digitalen und atomaren Energie der nächsten Generation zu tun?
Diese Alchemie der neuen Formen und Verschwörungen, die wir in den Non-Bewegungen der Gegenwart zwischen Verschwörungssprachen, „diagonalen Subjektivitäten “ (1) und alternativen Narrativen brodeln sehen, ist ein Reservoir an lebendigen Kräften für die Konstruktion einer politischen Intensität gegen die Politik. Und das ist kein Wortspiel: Eine politische Intensität zu erlangen – um bei dem Adjektiv zu bleiben – bedeutet, eine Grenze zu überschreiten, vor der die Kräfte zart und zerstreut sind, es bedeutet, ihnen Konsistenz und Methode zu geben. Es bedeutet, eine Wette einzugehen. Dies geschieht jedoch durch die Definition eines Imaginären – und das ist das, was heute am meisten fehlt, sobald die Repräsentationen, selbst die ideologischen der revolutionären Politik, aufgelöst sind. Ein Imaginäres ist eine Weltanschauung, die sich durch die Fähigkeit auszeichnet, Erfahrungen zu verarbeiten und zu teilen, und nicht ein Diskurs oder ein Vorschlag. Bei der gedanklichen Klärung geht es darum, dieses Imaginäre eines wünschenswerten Lebens zu formen und auf dieser Grundlage Begegnungen zu schaffen. Die Überwindung der Verwirrung über die Form des Lebens, die wir wollen, ist der Ausgangspunkt.
6. Bindungen weben. Die Epoche ist eine der unvorhersehbaren Begegnungen und unvermuteten Komplikationen, die man in der Wildnis suchen muss. Konspiration ist kein poetischer, sondern ein praktischer Vorschlag. Potenzielle Dissidenten laufen nicht immer mit einem Abzeichen herum, man muss sie aufspüren. Diese Beschwörung der Begegnung und des Zusammenschlusses kann jedoch kein Passepartout sein, um den Fragen des revolutionären Horizonts auszuweichen. Die Trauer, die die Programme der radikalen Arbeiterbewegung hinterlassen haben, muss bis zum Ende durchgearbeitet werden: Den politischen Vorschlag auf die ethische Dimension zurückzuführen, aus der er hervorgeht, bedeutet nicht, auf die Schwelle zu verzichten, jenseits derer ethische Gesten politische Intensität und Macht erlangen. Man muss sich um eine Wahrheit scharen, die nicht nur aus Fragen bestehen kann, die in der Erfahrung das sammeln muss, was übrig bleibt, die eine Position nährt. Gewiss, der Mangel an glaubwürdigen Optionen, die uns die politischen Vermächtnisse, die ideologischen Synthesen der Vergangenheit, der Bruch mit der Kontinuität der Traditionen bieten, lässt uns verloren zurück. Aber was die Verwirrung noch verstärkt, ist vor allem das Fehlen eines Verifikationsfeldes, in dem die Erfahrungen geordnet werden können.
Nun, der Kommunismus gehört zur Erfahrung, zu den Beziehungen, zu den Begegnungen, er ist eine grundlegende und primäre Dimension, die unabhängig von jedem organisatorischen Willen ist, die Revolution hingegen nicht, sie ist das Produkt einer strategischen Anstrengung. Wie weit kann man zurückgehen, um den Kompass der Orientierung auszuloten? Der Bezugspunkt für die Erprobung von Strategien waren früher die Konflikte, aber worauf soll man sich beziehen, wenn die politische Sphäre selbst in ihrer Bedeutung in Frage gestellt wird? Wenn die Ideen von Revolution und Sieg in Frage gestellt werden? Die Verbindungen zu knüpfen bedeutet, den Kommunismus zu kultivieren, indem die Idee der Revolution im Status einer vorläufig unwirksamen Hypothese gehalten wird. Daraus folgt: Eine mittellose Perspektive muss den schmalen Weg der Revolution überdenken und nicht verwerfen – wir werden darauf zurückkommen – und die Pole Kommunismus und Revolution dürfen nicht endgültig voneinander getrennt werden. Im Gegenteil, die Gegenwart ist die des Kommunismus auf einer konspirativen, untergetauchten Ebene; aber so wie die konspirative Phase der Arbeiterbewegung durch die blanquistische und proto-kommunistische Geschichte der zerstreuten Sekten von der politischen Wiederbelebung in der Kontinuität der historischen Partei abgelöst wurde, werden sich neue revolutionäre Zyklen jenseits des Fortbestehens jeder formalen Struktur eröffnen. In der Zwischenzeit muss, soweit es die Epoche zulässt, die Gesamtsicht beibehalten werden, auch einseitig oder in Bruchstücken.
7. Die Lokalisierung einer Konsistenz. Die Ebene, auf der sich das pulverisierte „Wir“ der Revolutionäre befindet, ist, wenn überhaupt, noch weiter rückständig als bei den Übrigen. Es ist die ungelöste Frage der Autonomie, die jenseits der ideologischen Vereinfachungen des vorläufigen Rückzugs angegangen wird, die im Wüten des reformistischen Formalismus zum Allgemeingut werden: Revolution ist eine Kraft, schrieb Montaldi, nicht eine Form. Die Stärkung der materiellen Strukturen, die eine relative Unabhängigkeit von den Ressourcen des Gegners ermöglichen, in dem durch das organisatorische Gefüge des Konflikts lokalisierten Raum, macht es möglich, dem Imperativ der Dringlichkeit zu entkommen und eine Atempause einzulegen. Folglich hat die Konstruktion solcher Ressourcen keinen moralischen Wert: Es gibt keine Skala von Subsistenz- oder materiellen Reproduktionspraktiken, die in zunehmender Radikalität, Reinheit oder Autonomie angeordnet sind, sondern die Relativität dieser Ressourcen zu einem Ort, an dem sie nützlich und mächtig sind, in dem sie eine Raum-Zeit eröffnen.
Ob diese Räume für die ethische und technische Vertiefung, für die Zirkulation von Mitteln und Wissen, für operative Fertigkeiten oder für die Ausübung von Lernprozessen dienen, ist nicht unmittelbar relevant: In allen Bereichen wird die Möglichkeit einer strategischen Marginalität gegenüber den bestehenden Institutionen immer mehr von den sie beherrschenden praktischen und ideologischen Zwängen aufgefressen. Es wird immer notwendiger, sich außerhalb und neben den Apparaten zu organisieren, die unser kollektives Leben ordnen und von denen wir für unsere täglichen Aktivitäten abhängig sind, gerade weil sie immer erdrückender werden. Diese Ordnung der Aktivitäten kann wiederum auf die Erfahrung des Kommunismus zurückgeführt werden. Und wieder ergibt sich die Dialektik zwischen der ethischen Ebene des byt, der Lebensform, und der des revolutionären Horizonts. Im Gegensatz zu dem, was in den letzten Jahren geschrieben wurde, sogar von benachbarten Ufern, ist die Trennung von Kommunismus und Revolution, von ethischem Spiel und politischer Macht, ein Experiment, das verhängnisvoll sein kann. Nicht, weil es nicht stimmt, dass der hegemoniale Mythos der modernen Revolution einen zersetzenden Schatten auf die vitale Realität der lokalen Konsistenzen und die Vielzahl der Minderheitenkommunismen, sowohl der unmittelbaren als auch der schismatischen, die die Geschichte der revolutionären Bewegungen durchzogen haben, geworfen hat, sondern weil die Beziehung zwischen diesen beiden Aspekten komplizierter ist als ein oppositionelles, sogar dialektisches Paar. Zwei Punkte:
a. Die Definition der Revolution als etwas Universelles, Fortschrittliches und durch einen epochalen Einschnitt in den Lauf der Geschichte Legitimiertes erfolgt gleichzeitig mit der Kodifizierung dieser Kategorie – von der früheren kosmisch-zirkulären Bedeutung, die auf Griechenland zurückgeht -, indem sie von der umfassenderen Gruppe von Praktiken des gewaltsamen Umsturzes losgelöst wird: Aufstände, Revolten, Bürgerkriege, Bauernwut. In dem Maße, in dem die Revolution in den Worten des Herzogs von Liancourt an Ludwig XVI. zu etwas anderem wird als zu einer revolutionären Geste, wird sie auch zu einem Ursprung, einem Operator der historischen Legitimation. Aber hat dieser Mechanismus jemals der Realität der Revolutionen entsprochen? Das revolutionäre Objekt abkühlen zu lassen, bedeutet also nicht, es aufzugeben, sondern es zu dekonstruieren.
b. Wie Reiner Schürmann in seinen Seiten zur Dekonstruktion des Politischen sagt, indem er Hannah Arendts Hinweise auf Heideggers sträfliche politische Blindheit als Ergänzung aufgreift, sind die historischen Momente, in denen eine vorläufige Bodenlosigkeit des politischen Feldes, eine Aufhebung des archè des Prinzips als Ursprung und Gebot aufscheinen, zeitgemäße Episoden wie die Commune von 1871, der Aufstieg der französischen Volksgesellschaften zwischen 1789 und 1793, die selbstverwalteten Gemeinschaften in der Frühphase der Vereinigten Staaten, der früh in den Brüdern des Freien Geistes nachweisbare Kommunalismus. Was sind diese Ereignisse, wenn nicht Beispiele für revolutionäres Handeln? Wodurch unterscheiden sie sich von der Revolution als Hegemonie? Schürmann sagt, dass die politische Aktion dekonstruiert wird, indem sie an den Ort ihrer Präsenz zurückgeführt wird, um zu verhindern, dass sie sich als eine Gegenwart verfestigt, die durch die Legitimationsstruktur der Gründung, die sich selbst universalisiert, immerwährend ist.
8. Einen Beitrag zur Offensive leisten. Man kann endlose Reden damit verbringen, uns zu erklären, dass die Revolte Gefahr läuft, zu einem weiteren zentralen Widerspruch zu werden, dass jede Praxis in der postmodernen horizontalen Ebene der singulären ethischen Gesten gleichwertig ist. Das interessiert uns nicht. Es gibt Praktiken und Gesten, die es ermöglichen, über eine Ebene der tatsächlichen Intensität hinauszuwachsen, und die alle anderen in ein anderes Licht rücken. Nicht alle Fronten der Konfrontation, nicht alle Konflikte können wie eine Gummiwand angegangen werden, an der man zerschellen kann. Es werden jedoch die neuen Aufstände der Zukunft, der kommenden Jahre, sein, die die Perspektiven klären, dem Geplapper eine Form geben und die vereinzelten Bemühungen zu einer Strategie zusammenfügen werden. Irgendwo muss man ja anfangen, und das ist sicher eine gute Basis.
(1) Ein Begriff, der von mehreren Stimmen, darunter kürzlich Naomi Klein, verwendet wurde, um die Art und Weise zu verstehen, in der der Verschwörungstheoretiker die Zumutungen des digitalen Subjekts ablehnt und gleichzeitig dessen Schatten annimmt, d. h. in anderen Worten
Veröffentlicht im italienischen Original im Sommer 2024, ins Deutsche übersetzt von Bonustracks.
https://www.nigredo.org/2024/07/03/brevi-appunti-su-militanza-politica-e-diserzione/
Lobby:istinnen durch Sitzblockaden am Betreten ihres „Hinterzimmers” gehindert Berlin: Gas-Gipfel in Luxus-Hotel lahmgelegt
In Berlin ist der Protest gegen den World LNG Summit in die nächste Runde gegangen. Etwa 280 Protestierende verschiedener Klimaschutzgruppen haben am Dienstagmorgen gegen 7:40 Uhr mehrere Eingänge des Hotels Adlon Kempinski im Berliner Ortsteil Mitte blockiert.

Proteste vor dem Hotel Adlon in Berlin. Foto: Letzte Generation
Ihr Ziel: die Vertreter:innen von RWE, ExxonMobil, Shell, TotalEnergies und weiterer fossiler Konzerne daran zu hindern, ihr Lobby-Ereignis des Jahres fortzusetzen. Das gemeinsame Motto des Klimabündnisses lautet: „Gaslobby stoppen – sauberes Gas ist eine dreckige Lüge!“ Eine luxuriöse Lobby-Party sollte es am Dienstag für die Gas-Lobbyist:innen im teuersten Hotel Berlins werden. Stefan Wenzel, Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, hatte sich als Eröffnungsredner angekündigt. Die friedlichen Bündnisproteste haben diese Pläne vorerst durchkreuzt. Die Beteiligten wollten die von den Teilnehmer:innen des LNG-Gipfels vorangetriebene Zerstörung nicht länger akzeptieren und versperrten mehrere Eingänge des Austragungsortes durch Sitzblockaden. Einige fixierten sich vor Ort mit Superkleber und verschütteten grüne Farbe, um das Greenwashing des Word LNG Summits symbolisch zu kritisieren. Raphael Thelen (39), Sprecher der Letzten Generation, ist heute vor Ort: „Jeder und jede der Lobbyist:innen hat 4.000 Euro bezahlt, um hier im Adlon vier Tage lang mit Staatssekretär:innen sprechen zu können, im Hinterzimmer zu kungeln und dreckige Geschäfte abzuwickeln. Wir akzeptieren nicht, dass reiche Konzerne sich auf diese Art und Weise Macht und Einfluss erschleichen. Wir wollen eine Politik für alle und nicht eine Politik, die sich von Interessenvertreter:innen der Gasindustrie kaufen lässt!“ Deutsche Politiker:innen bejubeln LNG (Flüssiggas) gern als „Brückentechnologie“. Von Erdgaskonzernen wird LNG als klimafreundliche Alternative zu Kohle verkauft. Bei genauerer Betrachtung stellt sich allerdings heraus, dass ihre Behauptung eine dreiste Lüge ist: Gas ist nur bei der Verbrennung sauberer als Kohle. Schliesst man den Transport via Tanker und die Gewinnung – oftmals durch Fracking – mit ein, ist Flüssiggas der Klimakiller Nummer eins und damit schädlicher als Kohle. Umso schamloser ist die für Dienstagabend geplante Verleihung des sogenannten „World LNG Awards“. Mit diesem Preis feiern die Gaskonzerne ihre besten Ideen zur Profitmaximierung, zum Greenwashing und zur Vermarktung und ihres zerstörerischen Geschäftsmodells. An den Demonstrationen gegen die Gas-Lobby sind über vierzig Umweltverbände und Klimagerechtigkeitsgruppen beteiligt. Extinction Rebellion, Scientist Rebellion, Ende Gelände und die Letzte Generation haben bereits im Vorfeld ungehorsame Proteste angekündigt. Zudem wurde in den Räumen der Rosa-Luxemburg-Stiftung ein zweitägiger Gegen-Gas-Gipfel in Konferenzform abgehalten, mit Vorträgen und Workshops zur Zerstörung unserer Lebensgrundlagen durch Flüssiggas. Mehr Informationen auf http://www.gasgipfel.de/.
Nur die Menschen können sich selbst verteidigen Zur aktuellen Lage in Rojava.
von: Luo am: 03.12.2024 - 20:10
Die Angriffe auf Rojava nehmen in den letzten Tagen akut zu. Wir möchten einen kurzen Überblick geben zu den Geschehenissen, unsere Informationen kommen aus den Medien und aus Gesprächen mit Menschen in Rojava.
Am 27.11.2024 nahm Hayʼat Tahrir al-Sham (HTS), eine radikal islamistische Gruppierung, die einst aus al-Qaida entstand und dann als al-Nusra Brigade bekannt wurde, zunächst dörfliche Regionen um Aleppo und dann große Teile Aleppos ein. Aleppo war geteilt und unterstand größtenteils dem syrischen Regime unter Assad. Innerhalb Aleppos gibt es aber auch 2 Stadtteile, die zur Selbstverwaltung Rojavas gehören. Das syrische Regime hat die eigenen Truppen ohne jeden Widerstand abgezogen. Weswegen Aleppo nun, außer in den 2 kurdischen Stadtteilen von den HTS kontrolliert wird.
Die unter dem Kommando der Türkei stehende radikalislamistische Milizenallianz Syrian National Army (SNA) hatte parallel zur Aleppo-Invasion durch HTS eine eigene Offensive gestartet. Die SNA wurde von der Türkei aufgebaut. 2018 wurde Afrin von der Türkei eingenommen und die SNA dort eingesetzt. Damals wurde die Bevölkerung evakuiert und viele sind nach Sehba gegangen, mit dem Wunsch wieder zurück zu kehren. Nun ist Sehba selbst belagert von der SNA. Die kurdische Selbstverwaltung hat entschieden, sich aus der Stadt Tel Rifat in der Region Sehba zurückzuziehen und evakuiert die Menschen. Nach Angaben des Volksrats von Efrîn-Şehba sollen bereits insgesamt rund 200.000 Menschen aus Tel Rifat über einen rund 150 Kilometer langen Korridor in die Kantone Tabqa und Raqqa, die zu Rojava gehören, transportiert werden. Zeitgleich gibt es Nachrichten von Geiselnahmen durch den SNA. Berichtet wird vor allem von kurdischen Frauen, die als Geisel genommen und in Videos misshandelt werden.
Die Türkei, Deutschland, USA und Israel sind alle Teile der Nato und daher Verbündete in diesem Krieg. Eine Hypothese ist, dass die USA und Israel mit den Angriffen in Syrien den Iran schwächen möchte und die Türkei als Bündnispartner die Gelegenheit nutzt, um die kurdischen Gebiete zu annektieren.
Die derzeitigen Angriffe unterscheiden sich von denen der letzten Jahre, in denen vor allem der türkische Staat zivile Infrastruktur und Menschen der Bewegung bombardiert hat. Jetzt manifestiert sich erneut ein internationaler Proxykrieg auf dem Boden und ein direkter Vernichtungskrieg gegen die Bevölkerung, die seit Jahrzehnten hier eine solidarische Gesellschaft aufbaut.
Für die Selbstverwaltung in Rojava entscheidet sich in diesen Tagen sehr Vieles. Das die kurdischen Stadtteile von Aleppo und Sehba nun in den Händen von HTS und SNA sind hat verheerende Folgen. Die Situation des gesamten mittleren Osten entscheidet sich aktuell, in Rojava, in Gaza, im Libanon. Es ist ein internationaler Krieg. Hierbei geht es klar auch um ökonomisches Herrschaftsgebiet: USA, Israel und die Türkei haben als Natopartner Interesse an einem sogenannten "Energiekorridor", sowohl Gaza als auch Rojava liegen auf dem Korridor.
Die imperialistischen Verbindungen gehen auch nach Deutschland: Waffenlieferungen von Deutschland an die Türkei und Israel sind uns bekannt und auch Deutschland hat als NATO Staat Verbündete und Interessen im mittleren Osten. Diese imperialistischen Interessen müssen wir uns entgegensetzen, wenn wir nicht Teil dessen sein wollen.
In Rojava wurde der allgemeine Notstand ausgerufen. Einerseits werden die bedrohten Orte evakuiert, andererseits wird zur Selbstverteidigung aufgerufen. Die Hêzên Parastina Civakî (HPC), zivile Selbstverteidgungsstrukturen der kurdischen Jugend sind in den umkämpften Gebiete.
Die Menschen in Rojava werden sich verteidigen. Dafür braucht es Überzeugung und Kraft, diese können wir auch durch Aktionen in Deutschland geben. Auch in Deutschland können wir gegen die Macht der NATO kämpfen. Gegen die Waffenlieferungen an die Türkei, an Israel. Die Menschen hier können sich nur selbst verteidigen und so können wir uns überall nur selbst verteidigen. Die syrische Armee hat erneut gezeigt: Nationalarmeen geht es nicht um die eigene Bevölkerung, sondern einzig um die Interessen des Staates.
Die Kämpfe der Menschen gegen Besatzung und Unterdrückung können nicht getrennt betrachtet werden, ebenso wenig wie die imperalistischen Kräfte, die auf den Schultern der Menschen um die Regionen und ihre Ressourcen wetteifern.
Es braucht Soli Aktionen und die Kämpfe lassen sich zusammen denken. Die Freiheit von Palästinenser_innen, die Freiheit von Kurd_innen, nur die Freiheit aller unterdrückten Menschen bedeutet die Freiheit für uns alle.
Frauenrevolution in Rojava verteidigen!
von: Internationalistische Solidarität am: 02.12.2024 - 13:33
Angriffe auf die Revolution in Rojava - Aufruf zur Aktion und Solidarität
Seit mehreren Tagen kommt es in Syrien zu einer erneuten militärischen Ausbreitung dschihadistischer Kräfte. Dabei wurden zu Beginn Gebiete unter der Kontrolle des syrischen Staates angegriffen. Jedoch wurden auch Shehba, eine Region Rojavas überfallen. Ebenso wurde der Stadtteil Sheikh Maqsood in Aleppo umzingelt. Auch dieser wurde demokratisch selbstverwaltet und ist Teil der DAANES (Demokratischen Autonomen Administration Nord- und Ost Syrien).
Das Kanton Shehba sowie der Sadtteil Sheik Maqsood sind größtenteils kurdische bevölkert. Hier wurden die Prinzipien der Rojava Revolution umgesetzt gelebt. Eine Revolution welche die Grundlagen Frauenrevolution, radikale Demokratie sowie Ökologie hat. Mit einem demokratischen System aus Räten, Kommunen und Kooperativen organisiert sich die Gesellschaft hier selbst.
Mit der Offensive vom 27.11.24 und der darauf folgenden Besetzung Shehbas ist die Revolution in Rojava ist den schwersten angriffen seit 2019 ausgesetzt. In diesem Jahr gab es eine Invasion des Gebiets Serekniye von Seiten der Türkei und ihren islamistischen Söldnern.
Die Lage vor Ort
Die Offensive ging zu Beginn von HTS (Hayʼat Tahrir al-Sham) aus. HTS ist eine dschihadistische Gruppe, die sich aus die aus der Al-Nusra Front gebildet. Diese ist wiederum der syrische Ableger des islamistischen Al-Qaida Netzwerkes. HTS arbeitet seit Jahren auch mit der Türkei zusammen. Es existieren türkische Stützpunkte in den von der HTS kontrollierten Gebiet, das auch von der gemeinsamen Grenze mit der Türkei profitiert.
Nördlich der von der HTS kontrollierten Gebiete liegt der Kanton Afrin. Dort wurde 2012 als eines der ersten Kantone die Autonomie ausgerufen hat und die Prinzipen der Frauenrrevolution umgesetzt. 2018 wurde es von der Türkei, gemeinsam mit Dschihadistischen Söldner der SNA besetzt.
Die SNA setzt sich aus verschiedenen islamistischen Milizen und Gruppen zusammen, die zum großen Teil auch aus Überresten des sog. Islamischen Staates bestehen. Sie agieren als Proxys, also als verlängerter Arm der Türkei und verwalten die besetzten Gebiete mit einer islamistischen Ideologie. Das Gebiet wurde seit der Besetzung durch die gezielte Vertreibung kurdischer Menschen und der Ansiedlung arabischer Familien ethnisch gesäubert. Seither kommt es täglich zu Gewalt, Ermordungen, Entführungen, Unterdrückung und Zerstörung der Natur in einem Gebiet, das vorher vom syrischen Bürgerkrieg verschont geblieben ist.
Im von Afrin südlich gelegenen Kanton Shehba das unter der Kontrolle der DAANES liegt, sind viele dieser Menschen in Geflüchteten Lagern untergekommen.
Doch mit der Offensive der HTS von Idlib in Richtung Aleppo, kam es auch zu einer Invasion der der SNA von Norden nach Shahba. Dies ist ein direkter Angriff auf die Revolution in Rojava und stellt eines der Hauptziele der aktuellen Entwicklungen dar.
Interessen Lokaler und globale Akteure
In den westlichen Medien werden die Dschihadistischen Kämpfer der HTS und SNA als „Rebellen“ betitelt, da diese gegen den aktuellen Machthaber Assad vorgehen. Dieser ist für deine Brutalität und dem Einsatz von chemischen Waffen gegen die eigene Bevölkerung während des syrischen Bürgerkriegs bekannt geworden. Auch ist Assad mit Russland und dem Iran verbündet. Durch deren Unterstützung war es Assad möglich sich noch über Jahre an der Macht zu halten. Russland wiederum kann durch die Unterstützung Assads seinen Einfluss auf den Mittleren Osten sicherstellen und auch der Iran kann seine Interessen in Syrien verfolgen.
Die Lage und Interessen unterschiedlicher globalen Kräfte sind gegenläufig und die Lage vor Ort erzeugt ein komplexes Bild. Es ist nun wieder deutlich geworden, das der Mittlere Osten Schauplatz eines dritten Weltkrieges ist. Aufgrund der Kriege in der Ukraine und dem Libanon sind Russland sowie der Iran geschwächt. Diese Schwäche wurde von andern Kräften und ihren Proxys genutzt.
Die HTS möchte ihre islamistische Ideologie in weitere teile Syriens tragen, um sich dort zu etablieren. Dies passiert in Übereinkunft der Türkei und damit der Zweitgröße NATO Armee, welche seit Jahren die Region gezielt destabilisiert.
Doch keiner dieser Kräfte in der Region, weder Russland, die Türkei, Assad, die NATO, SNA, HTS, noch der Iran oder Israel, keine dieser Kräfte haben das Potenzial die aktuelle Situation zu lösen und die lang anhaltenden gesellschaftlichen Probleme in der Region zu beheben. Viel mehr noch verschärfen die aktuellen Entwicklungen die Krise noch weiter.
Gegen Assad, HTS und Erdogan! - Frauenrevolution verteidigen!
Die Revolution in Rojava steht jedoch für einen dritten Weg, jenseits der staatlichen Mentalität.
Dort wird von der Gesellschaft seit nun 12 Jahren ein demokratisches System aufgebaut, dass das gemeinschaftliche Leben unterschiedlicher Religionen und Ethnien ermöglicht. Mit ihren Grundpfeilern: Frauenbefreiung, radikale Demokratie und Ökologie ist die Revolution ein Hoffnungsschimmer für Frieden in der Region. Auch bietet sie eine Perspektive für freiheitliche Kämpfe weltweit.
Es gilt deshalb jetzt Position zu beziehen und die Revolution in Rojava zu verteidigen. Alle emanzipatorischen, demokratischen Kräfte und Freiheitssuchenden Menschen sind jetzt gefragt zusammen zu stehen.
Dies ist ein Aufruf in Aktion zu treten. Dabei ist aufgrund der dynamischen Lage eine schnelle Reaktion nötig. Es sind deutsche Waffen die unsere Freund:innen ermorden, es ist die deutsche Politik, die diese Aggressionen unterstützt und ermöglicht und auch hierzulande jubeln islamistische Verbände der HTS und SNA zu. Werdet aktiv und kreativ, beteiligt euch an Aktionen, tragt eure Wut und Solidarität auf die Straßen.
Es lebe der Widerstand von Sheikh Maqsood und Shahba!
Biji Berxwedana Rojava!
Jin Jiyan Azadi!
Hoch die internationale Soliarität!
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Verfolgt die aktuellen Entwicklungen und bleibt wachsam!
Informationen zu den Angriffen und der aktuellen Lage:
https://womendefendrojava.net/de/
von Perspektive Online
Die HTS-Miliz rückt seit Sonntag näher auf die selbstverwalteten Gebiete in Nordsyrien vor. Auch die Türkei, USA, der Iran und Russland sind involviert. In Deutschland, der Schweiz und Österreich sind Protestaktionen für Montag angekündigt.
Seit Mittwoch rückt die djihadistische Miliz Haiat Tahrir al-Scham (HTS) auf die syrische Millionenstadt Aleppo vor. In wenigen Tagen hat sie dutzende Dörfer und Kleinstädte eingenommen. Am Sonntag konnte die Miliz dann die Kontrolle über Aleppo übernehmen.
Laut der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte sind bereits 372 Menschen, darunter 48 Zivilist:innen, getötet worden. Zu den Opfern zählen ein Kind, Universitätsstudenten und andere Zivilist:innen.
Am Sonntag hatten die kurdischen Verteidigungseinheiten der Demokratischen Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien (AANES) zur Generalmobilmachung aufgerufen. Die Bevölkerung wurde aufgefordert in ständiger Alarmbereitschaft zu sein.
Kämpfe an verschiedenen Fronten
Zurzeit befinden sich die AANES an verschiedenen Fronten Angriffen ausgesetzt. Bei Auseinandersetzungen mit der HTS und der Syrischen Nationalarmee (SNA), die beide von der Türkei unterstützt werden, sind mehrere Kämpfer:innen aus Rojava getötet worden.
Im Kreis Şera seien mehrere kurdische Dörfer seien von den Angreifern unter Artilleriefeuer genommen worden. Nahe der Stadt Tel Rifat wurden die die Dörfer Şêx Îsa und Herbil bombardiert. In Semûqa kämpfen die „Befreiungskräfte Efrîns“ (HRE) gegen islamistische Milizen, wobei unklar ist, ob es sich um Mitglieder der HTS oder SNA handelt.
Die kurdischen Streitkräfte waren von Rojava aus in Richtung Aleppo vorgerückt um die dortige Bevölkerung zu schützen. SDF-Sprecher Farhad Şamo bestätigte am Sonntag dann einen Rückzug der Kräfte aus Şehba/Tel Rifat, widersprach aber den Gerüchten über einen Rückzug kurdischer Kräfte aus Aleppo: „An den Gerüchten […] eines Rückzugs ist nichts dran, wir werden jede Entscheidung des Widerstands gegen die Terrorgruppen unterstützen“
Am Montag Morgen berichtete Reuters dann, dass die kurdischen YPG-Kräfte damit begonnen hätten, sich aus Gebieten unter ihrer Kontrolle im nordöstlichen Sektor von Aleppo zurückzuziehen. Dies geschehe im Rahmen einer Vereinbarung mit Rebellenkräften.
Die Informationslage scheint insgesamt jedoch unklar. In der Nacht auf Montag war auch die Telekommunikation in der Region größtenteils zusammengebrochen, nachdem sie durch Milizen „erheblich beschädigt wurde und mehrere Vermittlungsstellen ausgefallen sind“.
Türkei, USA, Iran und Russland involviert
In der Nacht auf Montag sind zudem von iranischen Milizen unterstützte Kämpfer nach Syrien eingedrungen und auf dem Weg in den Norden Syriens, um Assads Armee zu unterstützen. „Das sind frische Verstärkungen, die geschickt werden, um unseren Kameraden an den Frontlinien im Norden zu helfen“, sagte eine hochrangige Armeequelle der Nachrichtenagentur.
Der israelische Ministerpräsident Netanyahu befürchtet derweil, dass iranische Truppen an Israels Grenzen stationiert werden könnten und dass der Iran die Situation möglicherweise nutzen könnte, um Waffen an die Hisbollah im Libanon zu liefern.
Die russische Armee als langjähriger Verbündeter des Assad-Regimes hatte am Wochenende bereits mit Luftangriffen auf die Offensive der vorrückenden HTS-Miliz reagiert.
Der kurdische Journalist Demhat Tolhildan erklärte, dass der türkische Staat mit hinter den Angriffen stecke und verweist auf die fortschrittliche militärische Ausrüstung der angreifenden islamistischen Milizen. Neben der Ausrüstung seien die Milizionäre von der Türkei mit Thermonachtsichtsystemen und Kamikaze-Drohnen ausgestattet.
Tolhildan vermutet, dass der Angriff möglicherweise auch im Interesse der USA stattgefunden habe, um Russland in der Region zu schwächen. Russland sei aufgrund des Ukraine-Kriegs geschwächt und habe technische Kräfte aus Syrien abgezogen. Doch die Türkei verfolge zeitgleich auch ihre eigenen Ziele: „Die Türkei erfüllt den Auftrag der NATO, die dschihadistischen Gruppen zu kontrollieren und die Flüchtlinge aus Syrien zurückzuhalten. Gleichzeitig benutzt sie diese Banden auch für ihren eigenen Pläne.“
Neben der indirekten Einflussnahme der Türkei über die islamistischen Milizen fliegen auch türkische Kampfflugzeuge seit dem Wochenende ununterbrochen über die Autonomieregion Nord- und Ostsyrien, insbesondere über Til Temir. Gleichzeitig kommt es zu heftigen Artillerieangriffen auf Wohngebiete der Dörfer Tawila und Qubur al-Qarajim. Die Angriffe haben auch eine Stromstation getroffen, wodurch der Strom in Til Temir ausfiel.
Der Ausgangspunkt der Angriffe wird bei Stützpunkten der türkischen Armee und der unter dem Kommando der Türkei stehenden Syrischen Nationalarmee (SNA) in Serêkaniyê vermutet.
In den letzten Wochen und Monaten hatte die Türkei ihre Angriffe auf kurdische Gebiete in Nordsyrien und im Irak intensiviert.
Kurdische Verteidigungskräfte schützen Bevölkerung
In Aleppo und der benachbarten Region leben schätzungsweise 200.000 Kurd:innen, die 2018 vor der türkischen Besatzung in Afrîn fliehen mussten.
In der Erklärung der AANES heißt es: „Wir verurteilen den Angriff der vom türkischen Staat gestützten Banden auf syrischem Boden und begrüßen den Widerstand unseres Volkes in Aleppo und Şehba. Der Angriff ist eine Fortsetzung des gescheiterten Plans, den der türkische Staat mit Daesh [„Islamischer Staat“] umsetzen wollte. Das Ziel ist die Besetzung Syriens innerhalb der Grenzen des türkischen Nationalpakts Misak-ı Milli. Der aggressive Angriff zielt darauf ab, Syrien zu besetzen und zu spalten und zu einem Zentrum des internationalen Terrorismus zu machen.“
Mazlum Abdi, Generalkommandant der Demokratischen Kräfte Syriens (QSD) erklärte, dass das syrische Militär und seine Verbündeten vollständig zusammengebrochen seien. „Unsere Kräfte haben die Bevölkerung von Aleppo, Tel Rifat und Şehba heldenhaft verteidigt“, erklärte Abdi. „Die Angriffe, der von der Türkei unterstützten bewaffneten Gruppen durchtrennten jedoch den Korridor, den wir zwischen diesen Regionen und den Gebieten im Osten schaffen wollten.“
Demonstrationen am 2. Dezember
Am Sonntag Abend kam es bereits zu spontanen Aktionen in Deutschland, der Schweiz und Frankreich. Unter anderem in Hamburg und Leipzig gingen hunderte Menschen auf die Straße und bekundeten ihre Solidarität mit dem kurdischen Befreiungskampf: „Im Herzen stehen wir Seite an Seite mit unseren Genoss:innen in Aleppo, Tel Rifat und in ganz Nord- und Ostsyrien.“
Deutschland
Berlin: 17 Uhr – Alexanderplatz
Darmstadt: 16:30 Uhr – Hauptbahnhof
Düsseldorf: 19 Uhr – Hauptbahnhof
Frankfurt: 17 Uhr – Hauptbahnhof
Freiburg: 18 Uhr – Platz der Alten Synagoge
Hannover: 17 Uhr – Hauptbahnhof
Köln: 17 Uhr – Hauptbahnhof
Saarbrücken: 18 Uhr – Europagalerie
Stuttgart: 18 Uhr – Lautenschlagerstraße
Schweiz
Baden: 20 Uhr – Bahnhof
Bellinzona: 18 Uhr – Bahnhof
Biel: 18:30 Uhr – Bahnhof
Genf: 17 Uhr – Vor der großen Post
Lausanne: 18 Uhr – Bahnhof
Solothurn: 16 Uhr – Hauptbahnhof
Brandanschlag auf Sicherheitsfirma – Molotowcocktails gegen Überwachung
taz bremen 29. November 2024 Presseartikel

In der Nacht zu Dienstag brannten Büros einer Bremer Sicherheitsfirma. Das Unternehmen liefert Überwachungstechnik an Polizei und Militär.
Eine verrußte Fassade, ein kaputtes Fenster, ein ausgebranntes Büro. Das ist seit Dienstagmorgen Stand der Dinge im Firmensitz des Bremer Unternehmens Opto Precision.
Unbekannte hatten in der Nacht vom 25. auf den 26. November mehrere Scheiben eingeschlagen und Brandsätze ins Gebäude geworfen. Der Brand konnte schnell gelöscht werden, verletzt wurde niemand. Der Staatsschutz hat die Ermittlungen übernommen und schließt einen politischen Hintergrund nicht aus, teilte die Polizei Bremen mit.
Ein Bekennerschreiben, das am Dienstagvormittag auf der Plattform Indymedia veröffentlicht wurde, schätzen die Ermittler auf Nachfrage der taz nach einer Prüfung als authentisch ein. Das Schreiben war nur kurz online und ist seit Mittwochmorgen nicht mehr zugänglich. Warum der Post nicht mehr online steht, ist auch der ermittelnden Polizeibehörde unklar.
Unter dem Titel „Feuer und Flamme den Profiteur:innen der Angst“, begründen die Verfasser:innen des Bekennerschreibens laut einem Bericht von T-Online den Anschlag auf Opto Precision damit, dass das Unternehmen Überwachungstechnik an Polizei und Militär liefere: „Mit der Technik von Opto Precision werden Menschen kontrolliert, gejagt und letzten Endes getötet.“
„Mitverantwortlich für Psychoterror“
Konkret kritisieren die Verfasser:innen, dass Opto Precision ein mobiles Kamerasystem entwickelt habe, das „beweissichere, tageslichtunabhängige Aufnahmen zur Identifikation von Personen und Fahrzeugen“ liefere. Das Unternehmen sei daher mitverantwortlich „für den Psychoterror, die schlaflosen Nächte, die Isolation, die Angst vor Hausdurchsuchungen und auch dafür, dass Mitstreiter*innen im Knast sitzen“. Der Brandanschlag sei somit auch ein „Beitrag zur praktischen Antirepressionsarbeit“.
Das Unternehmen Opto Precision entwickelt tatsächlich Überwachungstechnik für die Polizei und das Militär. Dazu gehören neben Überwachungskameras und Blitzeranlagen auch Drohnen und Technik zur verdeckten Videoüberwachung.
So war Opto Precision an der Entwicklung einer umstrittenen Gesichtserkennungstechnologie, dem „Personen-Identifikations-Systems“ (Peris), beteiligt. Das sind verdeckte Kameras, die zum Beispiel am Straßenrand eingesetzt werden, um vorbeifahrende Menschen zu filmen und die Aufnahmen mit polizeilichen Datenbanken von Verdächtigen abgleichen.
Zuerst wurde diese Gesichtserkennungstechnik 2019 in Sachsen an der deutsch-polnischen Grenze in fest installierten Säulen und zunächst bei Ermittlungen zur Eigentumskriminalität eingesetzt.
Der Brandanschlag auf Opto Precision ist nicht der erste Fall dieser Art in Bremen
Wie erst im März dieses Jahres durch eine parlamentarische Anfrage in Berlin bekannt wurde, nutzt mittlerweile auch die Polizei in Berlin, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Brandenburg und Baden-Württemberg solche verdeckten Kameras am Straßenrand. Die rechtliche Grundlage für den Einsatz der Gesichtserkennung ist unter Jurist*innen stark umstritten.
Der Brandanschlag auf Opto Precision ist nicht der erste Fall dieser Art in Bremen. In der Silvesternacht 2021 verübten Unbekannte einen Brandanschlag auf ein Gebäude des nur wenige Kilometer entfernten Raumfahrtkonzerns OHB. In einem damals online veröffentlichten Schreiben bekannte sich eine Gruppe unter dem Namen „Autonome Antimilitarist*innen“ zu der Aktion.
Im Sommer dieses Jahres hatten Unbekannte Kabelschächte an der Bahnstrecke Bremen-Hamburg angezündet. In einem später als nicht authentisch eingestuften Bekennerschreiben wurde die Aktion damit begründet, dass die Bahn die Bundeswehr bei Truppen- und Materialtransporten unterstütze.
Bremen gilt als bedeutender Standort der Rüstungsindustrie. Keine andere Stadt weise eine vergleichbare Dichte an entsprechenden Unternehmen auf, schreibt das Friedensforum. Etwa 7 Prozent des Umsatzes der deutschen Rüstungsindustrie werden in Bremen gemacht. Rund 5.000 Menschen arbeiten in der Branche.
Auf die Akteure der Rüstungsindustrie in Bremen Anschläge zu verüben, hält Tobias Helfst, der schon lange in der Bremer linken Szene aktiv ist, für nicht besonders wirksam. „Das ist nicht vergleichbar mit den 1970ern und 80ern, als Anschläge der Revolutionären Zellen oder der Roten Zora auf Unternehmen breite gesellschaftliche Wirkung hatten.“ Helfst beobachtet vielmehr, dass die jüngsten Aktionen in Bremen medial und politisch aufgebauscht und instrumentalisiert würden.
siehe auch: https://tumulte.org/2024/11/articles/feuer-und-flamme-den-profiteurinnen-der-angst-optoprecision-angegriffen/







