Eindrücke vom Kollapscamp
Lesedauer: 8 Minuten

Ich war selbst nicht auf dem viel beschworenen Camp von Tadzio Müller, habe mir aber von zwei Menschen erzählen lassen, die dort waren. Ein lehrreiches Bildungscamp (wie öfters), durchaus nett, was Rituale und Trauerbewältigung angeht und eine gute Mischung, was die Teilnehmenden angeht, soll es gewesen sein.
Das Bewegungs-Management sucht nach neuen Subjekten, Organisationsansätzen und Zielvorstellungen, nachdem die Klimabewegung quasi kollabiert ist beziehungsweise wurde. Der Fokus auf die appellative Politik, mit der Regierungen sozial-ökologische Transformation schmackhaft gemacht werden sollte, die wiederum dem Bewegungsvolk als Türöffner für die Revolution verkauft wurde, ist offensichtlich gescheitert. Nun soll Alles scheinbar noch etwas exklusiver werden – die ausgewählten Anhänger*innen des Bischöfs dürfen aber gemeinsam trauern. Wer jetzt beim solidarischen Preppen dabei ist, wird dann auch mitversorgt, wenn die Zeiten härter werden. Und die letzten queeren underground-Clubs werden von den arschlochisierten Barbaren vom Land mit Schrotflinten verteidigt werden – so blieb es mir aus Zwischen friedlicher Sabotage und Kollaps hängen…
Die Linken Horst Kahrs und Tom Strohschneider geben eine Presserundschau als Trauerarbeit und strategischer Schwenk. Die Orga des Camps bedankt sich und teasert erste Reflexionen an unter Genoss*innenbeitrag: from Kollapscamp, with love. Letzteren dokumentiere ich unten. Etwas schade, dass ich nicht dabei sein konnte, bin ich schon. Dabei hätte ich mir den Luxus, über Kollaps zu diskutieren, durchaus leisten können. Einige neue Anstöße werden sicherlich dabei rumkommen und sei es nur, Verdrängung aufzulösen und die Klimadepression durch pragmatisches Preppen zu überwinden. Selbstverständlich wurden auf dem Camp wichtige Punkte angesprochen, über die es neu nachzudenken gilt…
Genoss*innenbeitrag vom Kollapscamp-Orgateam
Das erste Kollapscamp ist vorbei, und wir sind immer noch total überwältigt von Euch, von der Intensität und Resonanz, von den vielen Potenzialen und Beziehungen, die hier entstanden sind. Wir sind stolz und glücklich, aber auch erschöpft, und deshalb noch nicht der Lage, einen ausführlicheren Text zu schreiben, der tiefgehend und kritisch analysiert, was hier passiert ist, der vielleicht sogar über nächste Moves und Strategien nachdenkt. Aber wir wollen uns trotzdem direkt nach dem Camp bei Euch melden, wenn all die Eindrücke noch frisch sind, uns bedanken (beim gastgebenden Kollektiv und der tollen KüFa Food for Action, bei den Sanis und bei den Crèpes- und Waffelständen, beim Solibus und der IL, bei den Menschen, die den Infopoint und den Kids Space organisiert haben, und denen, die die Bar betreuten – und vielen, vielen mehr), und Reflexionen, Selbstkritiken, aber auch unseren Stolz und unsere Freude teilen: darüber, was hier passiert ist, was wir alle zusammen hier erreicht haben.
Mehrgenerationencamp
Von Anfang an, schon im Orgaprozess, war eines sichtbar: hier war nicht nur die verhältnismäßig junge Klimabewegung vertreten – die war auch präsent und sichtbar, mit Menschen von Ende Gelände, Extinction Rebellion, und dem Umfeld der Letzten Generation. Jenseits davon trafen sich aber auch viele linke und ökologische Bewegungsspektren, die sich seit Jahren oder in manchen Fällen Jahrzehnten nicht mehr auf Demos, und schon gar nicht auf Camps geschleppt haben. Von einer grünen Stadträtin aus Hamburg über (Selbstbeschreibung) “queere junge Zecken”, von bürgerlichen Linken zu organisierten Christ*innen. Es waren Menschen da, die sich bisher noch nie mit derart “linken” Inhalten und Organsierungsformen befasst hatten. Es war auch ein queeres Camp, und gut informierten Quellen zufolge entstanden während der Abschlussparty am Samstag in den verzweigten Katakomben des gastgebenden Kollektivs die versprochenen all gender Cruising Spaces. Die älteste Teilnehmerin war 85, die jüngsten waren Kids. Es gab Globalisierungskritiker*innen, Omas gegen Rechts, Anti-Atom- und Jugendumweltbewegte, Menschen aus der Hacker- und der Erneuerbaren-Szene, sogar die von uns im Programm sträflich vernachlässigte SoLaWi-Bewegung war dabei, und begann, sich mit der Kollapsbewegung vernetzen.
Selbstorganisiercamp
Was uns zum nächsten Punkt bringt: Selbstorganisierung. Die war hier richtig, richtig toll, was uns einerseits besonders beeindruckte, weil so viele Menschen hier waren, die noch nie auf irgendeinem aktivistischen Camp waren, und wofür wir andererseits wahnsinnig dankbar waren, weil uns als Orgacrew, viele von uns selbst mit nicht besonders viel Erfahrung im Organisieren eines derart großen Events, immer wieder Sachen entglitten, es erhebliche Reibungsverluste und Lücken im Prozess gab, weil wir immer wieder Sachen aus dem Blick verloren. In all diesen Fällen waren es die Teilnehmer*innen, die sich der Probleme annahmen, und – eines unserer Lieblingsbeispiele – einen wunderschönen selbstorganisierten Kids Space aufbauten. Es haben tatsächlich so viele Menschen so spontan und so motiviert “Reproschichten” übernommen, wie wir es noch nie erlebt haben.
Innerearbeitscamp
Wir freuen uns auch sehr darüber, dass wir in unserem Programm nicht nur internationale top-standard-Kurse im Bereich “praktische Katastrophenvorbereitung” hatten wie den von Cadus (Climate Emergency Responder) oder das zweitägige Planspiel “Organizing in Crisis”, Gatans Förbands/Pär Plüschkes episch-populäres Format “Stop the Bleed”, ebenso vollkommen neue Module wie “How to Defend a Pride March” oder einen Workshop, der ganz praktisch zeigt, wie mensch in Zeiten von Strom-, Internet und allemmöglichen-Ausfällen miteinander telekommunizieren kann. Ein erheblicher Teil des Programms, ungefähr ein Drittel, war dem gewidmet, was wir manchmal als “Emo-Arbeit”, häufiger, und wie wir finden besser, als “innere Arbeit” bezeichnen. Im Orgaprozess war von Anfang an klar, dass wir als Camp nur dann zur Entstehung einer solidarischen Kollapsbewegung beitragen können, wenn wir es schaffen, diejenigen, die sich ihre Hände in praktischer Arbeit und Katastrophenvorbereitung schmutzig machen wollen (ob in der queeren Selbstverteidigung oder im Bau von Hochbeeten), stabil mit denjenigen zu vernetzen, deren Arbeit eher im Inneren liegt: die sich um Traumata kümmern und sichere Räume herstellen, die darum ringen, zu verstehen, was Solidarität im Kollaps bedeuten kann, die die inspirierende Praxis des Klimakollapscafés fortsetzen. Diese gleichwertige Verbindung von innerer und äußerer Arbeit auf Augenhöhe halten wir für eine der zentralen politischen Achsen und Innovationen einer Kollapsbewegung.
Kinda-sorta-Kollapscamp
Dieser Fokus auf innere und praktische Arbeit anstatt klassischer Konferenz- und Diskussionsformate hat aber auch zu einer Entscheidung geführt, die wir im Nachhinein für einen Fehler halten: wir haben fälschlicherweise angenommen, dass das, was wir gerne “Kollapsakzeptanz” nennen – tatsächlich eine Mischung aus Akzeptanz physikalischer und gesellschaftlicher Kollapsrealitäten, und einer leichten Genervtheit mit all den Diskussionen darüber, ob das mit dem Kollaps, oder genauer, den Kollapsen, wirklich und sicher schon der Fall ist und sein wird – bei den meisten Menschen auf dem Camp ähnlich stark ausgeprägt sei, wie bei uns, was dazu führte, dass wir, mit Ausnahme des aus der Kerngruppe kommenden Vortrags “Systeme im Kollaps” zu wenige Events organisierten, auf denen diese Fragen (“Die Kollapsfrage”) kontrovers aber gleichzeitig respektvoll hätte diskutiert werden können. Und wenn “Kollaps” besprochen wurde, dann eher in Gesprächen am Rande von Workshops, Gesprächen, in denen mehr über Kollaps als Diskurs/Erzählung/Strategie gesprochen wurde, denn als realer physikalischer und gesellschaftlicher Prozess. Im Sinne einer möglicherweise entstehenden Kollapsbewegung haben wir hier unsere Verantwortung der Entwicklung einer “Kollapsdidaktik” nicht wirklich wahrgenommen.
Fehlerkulturcamp
Wo wir gerade bei Fehlern sind: wir haben ne ganze Reihe davon gemacht, und die wollen wir hier offenlegen. Nicht im Sinne eines beichtartigen Schuldgeheuls-und-Asche-aufs-Haupt-Streuens, sondern im Sinne einer vernünftigen, solidarischen und produktiven Fehlerkultur, in der wir verstehen, dass diejenigen, die sich nach vorne trauen, die Risiken eingehen, die auch mal handeln, bevor vollkommen klar ist, dass das, was dabei herauskommt, vollkommen fehlerfrei sein wird, nunmal Fehler machen werden. Das gilt vor allem, wenn es sich um ein ohne vorherigen Zusammenhang ziemlich randomly zusammengewürfeltes (und im Grunde zu kleines und an manchen Stellen ehrlich überfordertes) Orgateam handelt, dass von Anfang an nur online zusammenarbeiten konnte, und es trotzdem geschafft hat, hier was ziemlich geiles zu organisieren. Jetzt aber zu den Fehlern, und die folgende Liste ist mit Sicherheit nicht vollständig.
Wir hätten gerne mehr internationale, vor allem BiPoc-Perspektiven auf dem Camp gehört, sowohl in Workshops, als auch bei den Teilnehmenden. Wir schafften es, Menschen aus der Anglo-Welt hierher zu holen, aber nicht die äußerst inspirierenden Soulèvements de la Terre aus Frankreich; auch unser Versuch, Menschen, die in den Fluten von Valencia organisiert und geholfen haben, waren nicht von Erfolg gekrönt, was nur teilweise an unzureichenden Finanzmitteln lag. Es gab zwar ein improvisiertes “Internationals”-Meeting, an dem ung. 50 Menschen teilnahmen (zB aus Finland und der Türkei, den USA und der Schweiz, aus Holland und Österreich), aber mehr Raum für Strategiediskussion und internationale Vernetzung hätte dem Camp gut zu Gesicht gestanden.
Ein weiterer, und für uns sehr schmerzhafter Fehler, war die Art und Weise, wie die sehr aktiven Diskussionen, die wir in unserer Orga über die Rolle von “Leadership” führen, im Eröffnungsevent rüberkamen. Unsere Idee war, Tadzios sehr, und in der öffentlichen Sichtbarkeit auf jeden Fall zu zentrale Rolle bewusst zu thematisieren, und symbolisch die Übergabe des Hefts der Handlung an an das Bewegungskollektiv – eine Übergabe, die in der realen Arbeit bereits weitgehend passiert ist – darzustellen. Das kam ganz offensichtlich bei ganz vielen überhaupt nicht rüber, die leise Ironie konnte kaum jemand merken, und am Ende fanden selbst wir, dass es an manchen Punkten auch ziemlich cringe war.
Jedoch, auch wenn unser Versuch der Thematisierung von Leadership in unseren Bewegungen – was ist die Funktion von Leadership, wird sie gebraucht, wie wird sie kontrolliert und zur Rechenschaft gezogen, wie ausgetauscht, etc. – offensichtlich gescheitert ist (Fehlerkultur: mistakes will be made) sind wir stolz auf den Versuch, zu einem Thema Worte zu finden, dass in linken Bewegungen oft vermieden wird, aber nur mit einem Ziel diskutiert wird: produktive Formen politischer Leadership zu delegitimieren und zu shamen. Wir – und das betonen vor allem diejenigen Menschen im Orgaprozess, die es noch nicht gewohnt sind, mit welcher Lust sich in der radikalen Linken gerne gegenseitig zerfleischt wird – wünschen uns für die Zukunft nicht nur eine offenere Fehlerkultur, sondern auch eine Gesprächskultur, in der Kritik produktiv artikuliert und aufgenommen werden kann.
Kollapscamp
Bei aller Erschöpfung und Kritik von außen wie von innen ist unser aller Grundgefühl aber eines, was der Euphorie schon ziemlich nahekommt. Das Kollapscamp war der erste politische Space, zumindest im deutschsprachigen, aber wir glauben auch im europäischen Kontext, in dem fast 1000 Menschen zusammenkamen, und “Kollapsakzeptanz” die dominante politische Position war, wo wir unsere Zeit nicht primär mit Verdrängungsdebatten mit Menschen verschwenden mussten, deren politische Analysen vor allem darin bestehen, Wege zu suchen, die Realität zu ignorieren (zum Beispiel wurde uns endlich mal kein “Alarmismus” vorgeworfen). Wer selbst kollapsbewusst ist, und natürlich: wer auf dem Camp war, wird wissen, wie wuchtig die Erfahrung ist, sich mit dem Wissen über die Realität nicht mehr allein zu fühlen. Manche von uns vergleichen sie mit Coming Out Erfahrungen. In diesem Raum der Kollapsakzeptanz traf sich eine große Anzahl von Menschen, die nicht nur in Workshops sitzen und diskutieren, sondern die ihre Energie zunehmend in den Aufbau von Sicherheits- und Solidarstrukturen für die Zukunft investieren wollen. In diesem ersten Kollapscamp trafen sich zum ersten Mal richtig viele Leute, für die die Idee, gemeinsam an einer solidarischen Kollapsbewegung zu arbeiten, einen Weg in die Zukunft schafft, der nicht nur dunkel und scheiße aussieht.
Wie geht’s weiter? Klar haben wir schon Ideen und Visionen, aber verzeiht uns, wenn wir die hier erstmal nicht teilen: die allerletzten Zelte werden gerade abgebaut, und wir sind stehend k.o. Nochmal: dank an Alle, die hier waren, Alle, die mitgeholfen haben, Alle, die uns unterstützt haben, von nah und fern. An all die geht nämlich der Dank, den uns ein (hier anonymisierter) Teilnehmer am Ende des Abbaus noch mitteilte: Er sagte (paraphrasiert), dass er 40 Jahre resigniert und frustriert mit der Welt war und dass dann auf einmal wir daher kommen und einen Ort schaffen, an dem Menschen sich ehrlich mit Kollaps auseinandersetzen und anpacken wollen, was für eine Lebensfreude ihm das gibt und dass er unbedingt weiter dabei sein möchte. Und damit meinte er nicht nur das Orgateam: damit meinte er alle von uns, die auf dem Camp waren und es möglich gemacht haben.
Soviel dazu. Ihr hört von Uns. Jetzt chillen wir erstmal.
Die Orgacrew des Kollapscamps
p.s.: und wirklich der letzte Punkt: Danke an Alle, die uns geholfen haben, unser noch kurz vor dem Camp empfindliches Finanzloch zu stopfen. Wir sind jetzt finanziall im grünen Bereich, und werden demnächst veröffentlichen, an welche Projekte das übrige Geld geht. Wer aber weiterhin an das Kollapscamp und die mit Sicherheit kommenden Folgeprojekte spenden will, kann das gerne hier tun: https://www.betterplace.org/de/projects/156994-solidaritaet-i-d-katastrophe-deine-spende-fuers-kollapscamp
Offener Brief: Hunderte Wissenschaftler:innen stellen sich gegen Chatkontrolle
Renommierte Forscher:innen erinnern die Mitglieder des EU-Parlaments und des EU-Rates daran, dass die Chatkontrolle „beispiellose Möglichkeiten für Überwachung, Kontrolle und Zensur“ bieten würde. Sie fordern, die Ursachen von sexualisierter Gewalt an Kindern zu bekämpfen statt Hunderte Millionen Menschen zu überwachen.
von Markus Reuter Netzpolitik.org
09.09.2025
Kommt die Chatkontrolle, gibt es keine sichere verschlüsselte Kommunikation mehr. (Symbolbild) – Public Domain generiert mit Midjourney
Mehr als 470 Wissenschaftler:innen aus 34 Ländern stellen sich gegen den aktuellen Vorschlag zur Chatkontrolle, den die dänische Ratspräsidentschaft am 24. Juli im EU-Rat eingebracht hat.
Die EU-Kommission versucht seit mehreren Jahren ein Vorhaben umzusetzen, das verschlüsselte Kommunikation in der EU durchleuchten würde, etwa auf Messengern wie Signal. Auf diesem Weg will sie nach Darstellungen von sexualisierter Gewalt an Kindern (CSAM) suchen.
Die EU-Staaten können sich bisher nicht auf eine gemeinsame Position zu dem umstrittenen Vorhaben einigen. Eine Mehrheit unterstützt die Pläne der EU-Kommission, eine Sperrminorität von Staaten blockiert jedoch und setzt sich für die überwachungskritische Position des Parlaments ein. Mehrere Präsidentschaften sind bislang daran gescheitert, eine Einigung im Rat zu organisieren– zuletzt Polen. Die Position Deutschlands könnte entscheidend sein für den Fortgang der Verhandlungen, weil Deutschland als bevölkerungsreiches Land die bislang vorhandene Sperrminorität alleine kippen kann.
In ihrem Brief begrüßen die Unterzeichnenden zwar die Aufnahme von Bestimmungen, die eine freiwillige Meldung illegaler Aktivitäten erleichtern, sowie die Forderung, die Bearbeitung dieser Meldungen zu beschleunigen. Sie richten sich aber entschieden gegen das Durchsuchen der Endgeräte sowie gegen Alterskontrollen im Netz.
„Beispiellose Möglichkeiten für Überwachung, Kontrolle und Zensur“
Es sei einfach nicht möglich, bekanntes und neues Bildmaterial von sexualisierter Gewalt (CSAM) für Hunderte Millionen Nutzer:innen mit einer akzeptablen Genauigkeit zu erkennen, unabhängig vom spezifischen Filter. Darüber hinaus untergrabe die Erkennung auf dem Gerät, unabhängig von ihrer technischen Umsetzung, den Schutz, den eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung gewährleisten soll. Die Änderungen im Vorschlag würden zudem die Abhängigkeit von technischen Mitteln erhöhen und so die Sicherheits- und Datenschutzrisiken für die Bürger:innen verschärfen, ohne dass eine Verbesserung des Schutzes für Kinder garantiert sei.
Im offenen Brief, der auf deutsch und englisch vorliegt, heißt es:
Der neue Vorschlag würde – ähnlich wie seine Vorgänger – beispiellose Möglichkeiten für Überwachung, Kontrolle und Zensur schaffen und birgt ein inhärentes Risiko für den Missbrauch durch weniger demokratische Regime. Das heute erreichte Sicherheits- und Datenschutzniveau in der digitalen Kommunikation und in IT-Systemen ist das Ergebnis jahrzehntelanger gemeinsamer Anstrengungen von Forschung, Industrie und Politik. Es besteht kein Zweifel, dass dieser Vorschlag diese Sicherheits- und Datenschutzmaßnahmen, die für den Schutz der digitalen Gesellschaft unerlässlich sind, vollständig untergräbt.
Weiterhin weist der Brief auf Widersprüche im neuen Vorschlag hin: Dort heißt es, dass die CSAM-Detektionstechnologie nicht zu einer „Schwächung des durch Verschlüsselung gebotenen Schutzes” führen dürfe.
Es sei jedoch unmöglich, Material zu erkennen und entsprechende Berichte zu übermitteln, ohne die Verschlüsselung zu unterminieren. Zu den zentralen Gestaltungsprinzipien eines sicheren Ende-zu-Ende-Verschlüsselungsschutzes (E2EE) gehöre nämlich die Gewährleistung, dass einerseits nur die beiden vorgesehenen Endpunkte auf die Daten zugreifen können, und zweitens die Vermeidung eines Single Point of Failure.
Zwangs-Detektion und Verschlüsselung schließen sich aus
Wenn aber ein Detektionsmechanismus die Daten vor ihrer Verschlüsselung scanne, wie der aktuelle Vorschlag der Dänen es vorsieht, mit der Möglichkeit, sie nach der Überprüfung an die Strafverfolgungsbehörden zu übermitteln – verstoße das gegen beide Grundsätze: Sie untergrabe die zentrale Kerneigenschaft von E2EE, indem sie über den Detektionsmechanismus auf die privaten Daten zugreife, und schaffe zugleich durch die erzwungene Detektion einen einzelnen Fehlerpunkt für alle sicheren E2EE-Systeme.
Ende-zu-Ende-Verschlüsselung sei aber unerlässlich, damit EU-Bürger:innen sicher und privat online kommunizieren können, insbesondere wenn man bedenke, dass Kernteile unserer Kommunikationsinfrastruktur von US-amerikanischen Big-Tech-Unternehmen kontrolliert würden. Verschlüsselung schütze nicht nur die Zivilgesellschaft, sondern auch EU-Politiker:innen, Entscheidungsträger, Strafverfolgungsbehörden und Verteidigungskräfte. Sie seien in hohem Maße auf Verschlüsselung angewiesen, um eine sichere Kommunikation gegen interne und externe Bedrohungen zu gewährleisten.
Mehr Aufklärung gegen Missbrauch gefordert
Weiterhin wenden sich die Forscher:innen auch gegen die Erzählung, dass CSAM-Darstellungen nur mit technischen Mitteln zu begegnen sei:
Wir erinnern daran, dass CSAM-Inhalte stets das Ergebnis von sexuellem Kindesmissbrauch sind. Ihre Beseitigung setzt daher die Bekämpfung des Missbrauchs selbst voraus, nicht alleine die Verhinderung der digitalen Verbreitung von Missbrauchsmaterial.
Deshalb solle die Politik nicht weiterhin auf Technologien mit zweifelhafter Wirksamkeit wie CSAM-Erkennungsalgorithmen und Altersüberprüfungen setzen, welche die Sicherheit und Privatsphäre erheblich schwächen. Stattdessen sollte sie den von den Vereinten Nationen empfohlenen Maßnahmen folgen. Zu diesen gehörten unter anderem Aufklärung über Einwilligung, Normen und Werte, digitale Kompetenz und Online-Sicherheit und umfassende Sexualaufklärung sowie Hotlines für Meldungen.
[Frankreich] Spitzel enttarnt: auch Bezüge nach Deutschland

Am 9. September haben unbekannte Genoss*innen einen Polizeispitzel in Frankreich enttarnt, der über mehrere Jahre Informationen an den Inlandsgeheimdienst DGIS weitergegeben hat. Auch in Deutschland war er aktiv.
Am 9. Dezember haben unbekannte Genoss*innen einen Polizeispitzel in Frankreich enttarnt, der über mehrere Jahre Informationen an den Inlandsgeheimdienst DGIS weitergegeben hat. Seine Omnipräsenz in aktivistischen Kreisen hat ihn auch nach Deutschland gebracht: wie die Genoss*innen in Erfahrung bringen konnten, war er mindestens beim Rheinmetall Entwaffnen camp als Teil des Anarchist Barrio anwesend. Beteiligungen an anderen Aktionen können nicht ausgeschlossen werden. Es liegen keine öffentlichen Erkenntnisse darüber vor, ob und inwiefern deutsche Behörden Informationen von ihm oder den französischen Behörden erhalten haben. Sein richtiger Name ist Mohamed El Berkal, geboren ist er am 22.11.2001. Im folgenden Dokumentieren wir die Veröffentlichung der französischen Genoss*innen, übersetzt ins Deutsche. Der Link zum Originaltext befindet sich am Ende des Texts. Unter dem Link befinden sich weitere Screenshots, die seinen Austausch mit den Bullen belegen.
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Wir haben gerade von der Existenz eines Polizeiinformanten erfahren, der seit mindestens März 2022 aktiv ist. Genoss*innen äußerten Verdacht gegen ihn und beschlossen, ihn zu stellen. Bei diesem Treffen konnten wir sein Handy einsehen und auf Unterhaltungen mit fünf Bullen zugreifen; er hat sehr schnell gestanden. Er nennt sich „Momo“ und trat unter verschiedenen Pseudonymen auf Signal auf: „molo“, „zer0“, „Mo“, „Molooo“ (unvollständige Liste). Er ist etwa 1,70 m groß, hat braune, lockige Haare mit Bart und eine durchschnittliche Statur. Er ist sozial sehr souverän und schließt leicht Freundschaften. Er gewann das politische Vertrauen seiner Genoss*innen in Vernetzungs-Kontexten und auf der Straße. Seine entschlossene Teilnahme an zahlreichen Aktionen ermöglichte es ihm, sich dort einen glaubwürdigen Ruf zu verschaffen.
Seinen Angaben zufolge begann er seine Kooperation mit der Polizei nach einer Festnahme. Die Bullen hätten ihm Videos gezeigt, in denen er Vandalismus begeht. Sie drohten, ihn "schwer zu belangen" (faire tomber), was zur Folge gehabt hätte, dass er im Gefängnis bzw. im Abschiebungsgewahrsam (CRA) landete, weil er keine französischen Papiere hatte. Man habe ihm einen Aufenthaltstitel im Austausch gegen Informationen versprochen und ihm später eine Verlängerung dieses Titels über 2 bis 5 Jahre in Aussicht gestellt. Wir haben festgestellt, dass die Bullen seine Bahnfahrten, seine Miete (zumindest teilweise), seine Schule, seine Medikamente etc. in bar bezahlt haben. In den Gesprächen zeigte er sich den Bullen gegenüber vertraut (besonders 2025) und es zeigt sich eine echte emotionale Bindung, die diese durch Ausnutzung seiner Isolation und Lage aufbauten. Bekannt ist, dass sie hauptsächlich auf Telegram sprachen, aber auch auf Signal, WhatsApp…
Wir fügen diesem Text einige der Fotos bei, die seine Spitzeltätigkeit seit März 2022 belegen. Einige Bilder stammen aus März 2022, andere aus November und Dezember 2023, wieder andere aus Juli 2025; die jüngsten sind von letzter Woche (September 2025).
Er konnte die politischen Kreise schon vor März 2022 frequentieren (Datum, ab dem die Telegram‑Chats beginnen). Nach unseren Informationen nahm er seit mindestens diesem Datum an vielen politischen Kontexten in ganz Frankreich teil und betrieb somit seit mindestens drei Jahren seinen Spitzeldienst. Es ist äußerst klar, dass seine Mission darin bestand, sich auf umweltaktivistische Kämpfe wie ZADs [Zone à défendre]/lokale Kämpfe/SDT [Les Soulèvements de la Terre]/Squats/Anti‑Olympia [in Paris 2024]/internationalistische Bewegungen/Geflüchtete (sans-papiers) zu konzentrieren. Wir hatten Zugriff auf verschiedene Arten von gelieferten Informationen: Namen, Telefonnummern, Signal‑Namen, Screenshots von Signal-Chats, Kfz‑Kennzeichen, Automodelle, Gesichts‑ und AG‑Fotos [offene Treffen], Wohnorte oder Orte von Kollektiven und Organisationen, Orte geplanter Aktionen. Er verrät auch persönliche Informationen zu administrativen Situationen, Staatsbürgerschaften, Geschlechtsidentitäten… Außerdem schlug er manchen Personen, Gruppen oder Kollektiven vor, an Veranstaltungen oder Aktionen teilzunehmen — manchmal mit dem Ziel, bestimmte Aktivist*innen „ans Messer zu liefern“ (coincer), aber auch um Akten und Dossiers zu befüllen.
Soweit wir verstehen, schaffte er es, sich in versammlungsbezogene Treffen einzuschleusen, übernahm aber null Verantwortung, erschien unregelmäßig in den militanten Kontexten und nahm anschließend nicht unbedingt an Aktionen teil. Er kooperierte proaktiv mit den Bullen auf zwei Arten: indem er eifrig ausführte, was die Bullen verlangten, und auch spontan, indem er sie auf allerlei politische Veranstaltungen hinwies (öffentliche Aufrufe, die er auf Instagram fand, Küfas, AGs jeder Art…). Seine Aktivität in der Île‑de‑France [Region rund um Paris] ist über zahlreiche verschiedene Kämpfe verteilt (Palästina, AG antifa, Brachflächen, Squats, autonome AGs, internationalistische AGs, ökologische Kämpfe …). So leistete er eine echte Entschlüsselungsarbeit für die Bullen in ganz Frankreich.
Der Haupt-Chat heißt „Amigo“ und besteht aus fünf Bullen und ihm. Sie schrieben auch einzeln privat miteinander. Die Mehrzahl der Anfragen lief über diese Kanäle. Das Wesentliche der Informationen wurde jedoch bei Treffen in Cafés und öffentlichen Orten verstreut in Paris oder dessen näherer Vorstadt (vor allem im Nordwesten) gegeben. Die Treffen fanden teils sehr eng getaktet statt: in manchen Perioden alle zwei Wochen, 2025 im Durchschnitt alle 2–4 Tage. Ihre Treffen verliefen auch vor und nach konkreten Aktionen. Er soll in den letzten sechs Monaten um Bure [Kommune in Nord-Ost Frankreich mit viel Anti-Atom Aktivismus] sehr aktiv gewesen sein. Der größte Teil des Spitzeldienstes geschah sicherlich bei den Treffen [mit den Cops], und es gibt daher viele Informationen, die er übergab, die wir nie erfahren werden.
Der Chat wurde für den gesamten Zeitraum November 2022 – November 2023 gelöscht; daher ist es unmöglich zu wissen, ob während der sozialen Bewegung gegen die Rentenreform 2023 Informationen geliefert wurden. Er war jedoch besonders im Pariser Block aktiv und soll außerdem zumindest an diesen Räumen teilgenommen haben: Festival der bäuerlichen Kämpfe um Bure im August 2023, Sainte‑Soline Wochenende 2 und die Aktionswoche gegen Lafarge im Dezember 2023 in Paris, organisiert von den Soulèvements de la Terre.
Unvollständige Liste an Orten, Bewegungen, Organisationsräumen, die er oberflächlich infiltriert oder durchquert haben könnte:
- Renten-Bewegung 2023
- Île‑de‑France (autonomes Milieu, Squats, AntiRa, AGs, Anti‑CRA [Abschiebehaft])
- Bure regelmäßig seit mindestens August 2023 (u. a. 14. Mai 2024, Mitte Aug 2024, 28. Jan. 2025, Juli 2025)
- Die ZAD gegen die A69
- La Baudrière
- L’AERI [Ökologie-Kollektiv]
- Code Rouge in Belgien
- Verschiedene Veranstaltungen der Soulèvements de la Terre (Greendock, ein Treffen zu Stop Micro am 12.03.2025; Sainte‑Soline 2; Woche der SDT‑Aktionen gegen Lafarge in Paris Dez. 2023; Roue libre für die A69)
- Urgence Palestine
- Internationalistische Versammlung von Montreuil (2024)
- AG Antifa Paname
- AG gegen den C9M [9. Mai Nazi-Demo in Paris]
- Saccage Paris und andere Orgas/Events/Anti‑Olympia Aktionen, 2024
- Parloir sauvage der Anti‑CRA am 18. Februar 2024
- Riposte Collective
- Eine Toxic‑Tour in Saint‑Denis 2024
- Er wurde am 14. Juli zur Kunda geschickt und war dort auch am 18. Juli 2025.
- Verschiedene Sans‑Papiers‑Kollektive im Allgemeinen, insbesondere die Marche des Solidarités
- Anti‑Rassismus‑Kollektive
- Frühlingsfest 2025 in Les Lentillères: man bat ihn, Kennzeichen zu notieren und Namen aufzunehmen
- Die Aktion HARO! gegen das Atom‑Schwimmbecken in La Hague vom 18. bis 20. Juli 2025
- Anti‑Extraktivismus‑Wochenende No Mine’s Land 2025 organisiert von Stop Mine 03 im Allier, 25.–27. Juli
- Anarchist Barrio beim Rheinmetall‑Camp in Köln Ende Aug. 2025
- Mehrere AGs für den 10. September (Saint‑Denis, Montreuil) Anfang Sept. 2025
Das Eindringen von Spitzeln in unsere Kämpfe und Räume ist gängig und soll uns alarmieren, aber nicht in Panik versetzen. Lasst uns vorsichtig und sorgfältig sein. Schaffen wir kein Klima allgemeiner Paranoia vor einer sozialen Mobilisierung.[Die Autor*innen beziehen sich auf die Mobilisierungen für den 10. September.] Es existieren viele Maßnahmen, um sich dagegen zu wappnen: achten wir zuerst darauf, was wir sagen, wem und wo wir es sagen; säubern wir unsere Wohnungen und unsere Handies/Computer; tauschen wir diese aus, wenn wir es für nötig halten …
Für sein Umfeld war es sehr schwer, von diesen Neuigkeiten zu erfahren. Belästigt sie bitte nicht.
Organisieren wir uns weiter; Kraft für uns, Feuer den Spitzeln!
Link zum Originaltext: https://2025indicparis.noblogs.org/2025/09/09/hello-world/
Berliner Verfassungsschutzgesetz: Der Spion im Einkaufszentrum
Der Berliner Verfassungsschutz soll neue Regeln bekommen. Ginge es nach dem schwarz-roten Senat, dürfte er künftig live auf Videoüberwachung von Einkaufszentren oder Krankenhauseingängen zugreifen, um Menschen zu observieren. Fachleute stufen das als verfassungswidrig ein.
- Anna Biselli - netzpolitik.org
Wer sieht, was die Überwachungskamera beim Shopping erfasst? – Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com Kamera: pawel_czerwinski, Einkaufszentrum: Chethan KVS
Umfangreicher Zugriff auf Videoüberwachung, weitreichende Überwachung von Kontaktpersonen und schwache Transparenzpflichten: Der Berliner Verfassungsschutz soll neue Befugnisse bekommen. Einen Gesetzentwurf dazu legte die schwarz-rote Landesregierung im Mai dem Berliner Abgeordnetenhaus vor. Am heutigen Montag waren Sachverständige im Verfassungsschutz-Ausschuss des Landesparlaments und äußerten verfassungsrechtliche Bedenken.
Besonders alarmiert hat die Fachleute offenbar die geplante Neuregelung zur Videoüberwachung. Der neue Paragraf zu Observationen sieht vor, dass Betreiber:innen von Videoüberwachungsanlagen verpflichtet werden können, „die Überwachung auszuleiten und Aufzeichnungen zu übermitteln“. Das beträfe Überwachungskameras an „öffentlich zugänglichen großflächigen Anlagen“ oder in „Fahrzeugen und öffentlich zugänglichen großflächigen Einrichtungen des öffentlichen Schienen-, Schiffs- und Busverkehrs“.
Videoüberwachung aus Parks, Einkaufszentren, Krankenhäusern
Das bedeutet: Observiert der Verfassungsschutz eine Person, kann er sich dafür im Zweifel Live-Zugang zu den Überwachungskameras eines Einkaufszentrums oder einer S-Bahn geben lassen. Der Jurist David Werdermann von der Gesellschaft für Freiheitsrechte (GFF) stuft das in seiner Stellungnahme als verfassungswidrig ein.
Bei einer solchen Maßnahme sind regelmäßig unzählige Personen betroffen, die nicht im Fokus des Inlandsgeheimdienstes stehen. „Wer sich in Berlin im öffentlichen Raum bewegt, müsste daher künftig permanent damit rechnen, durch den Inlandsgeheimdienst beobachtet zu werden“, schreibt Werdermann. „Die Befugnis ermöglicht eine nahezu durchgängige Rundumüberwachung aus der Ferne.“
Das schreibt auch die Berliner Landesdatenschutzbeauftragte Meike Kamp. Im Gegensatz zu klassischen Observationen gehe es beim Zugriff auf die Videoüberwachungseinrichtungen auch privater Stellen um „deutlich eingriffsintensivere Maßnahmen, für die strengere Maßstäbe und gesetzliche Erfordernisse gelten“. Sie zählt eine ganze Reihe Orte auf, die von der neuen Regelung erfasst wären, „sogar der Besucherbereich einer Arztpraxis oder eines Krankenhauses während der Öffnungs- bzw. Besuchszeiten“.
Kamp kritisiert außerdem, dass im Entwurf nicht eindeutig festgelegt sei, wie lange ein solcher Zugriff stattfinden dürfe. Außerdem fehle eine spezifische Eingriffsschwelle, ihrer Meinung nach bedarf es bei so einer invasiven Maßnahme einer „mindestens erhöhten Beobachtungsbedürftigkeit als Eingriffsvoraussetzung“ und es sollte einen generellen Richtervorbehalt geben.
Umfeldausforschung mit Auskunftsersuchen
Als unverhältnismäßig kritisiert Kamp ebenfalls die geplante Neuregelung zu Auskunftsersuchen zu Bestandsdaten bei Telekommunikationsanbietern. Im Gesetz selbst gibt es keine Beschränkung, „dass das Auskunftsverlangen nur erfolgen darf, wenn die Daten zur Aufklärung tatsächlich erforderlich sind“.
Werdermann bemerkt außerdem, dass die Auskunftsersuchen – auch diejenigen zu Verkehrs- und anderen Daten – nicht im Kapitel für „Nachrichtendienstliche Mittel“ eingegliedert sind. Das habe zur Folge, dass die Ersuchen nicht nur gegen eine bestimmte Zielperson eingesetzt werden könnten, sondern zusätzlich gegen Dritte. „Damit eröffnet der Gesetzgeber eine ins Blaue hineingehende Möglichkeit der Überwachung des gesamten Umfelds einer Zielperson mittels Auskunftsersuchen“, so Werdermann.
Diese Eingruppierung wirkt sich außerdem aus, wenn der Inlandsgeheimdienst entsprechend gewonnene Daten an andere Behörden übermitteln will. Auch hier würden für die Informationen aus Auskunftsersuchen geringere Voraussetzungen gelten, wenn sie nicht als nachrichtendienstliche Mittel gelten.
Keine Selbstauskunft ohne Selbstbezichtigung?
Der Auskunftsanspruch für Betroffene ist im neuen Gesetz sehr restriktiv geregelt. Wer vom Berliner Verfassungsschutz künftig wissen wollen würde, ob Daten zur eigenen Person vorliegen, soll dabei auf „einen konkreten Sachverhalt“ hinweisen und „ein berechtigtes Interesse an der Auskunft“ darlegen. Das heißt, eine Person müsste sich wohl teils selbst bezichtigen, warum sie für den Inlandsgeheimdienst interessant sein könnte.
„Hierdurch wird der Auskunftsanspruch unverhältnismäßig eingeschränkt“, schreibt dazu die Berliner Landesdatenschutzbeauftragte. Kamp gibt zu Bedenken, dass der Verfassungsschutz in der Regel im Geheimen agiert, ohne dass Personen etwas davon mitbekommen. „Wer beispielsweise erfasst ist, weil ein Informant ihn mit einer anderen Person verwechselt hat, wird bei Beantragung einer Auskunft zum konkreten Sachverhalt naturgemäß keine Angaben machen können“, so Kamp.
Staatstrojaner und mangelnde Kontrolle
Neben diesen Punkten enthält das geplante Gesetz eine Vielzahl weiterer grundrechtssensibler Vorschläge. Der Berliner Verfassungsschutz soll künftig Staatstrojaner für die sogenannte Online-Durchsuchung nutzen dürfen, um eine „konkretisierte Gefahr für ein besonders bedeutendes Rechtsgut“ abzuwehren. Das soll dann erlaubt sein, wenn „geeignete polizeiliche Hilfe“ nicht rechtzeitig erlangt werden könne.
Weitaus kürzer als die vorgesehenen Befugnisse reichen die geplanten Berichts- und Rechenschaftspflichten für den Inlandsgeheimdienst. Berichtspflichten gelten zwar für einige Auskunftsersuchen, Werdermann vermisst sie aber für Observationen, verdeckt eingesetzte Dienstkräfte oder Online-Durchsuchungen. Dort, so seine Stellungnahme, „sind keine Berichtspflichten vorgesehen, obwohl hier ein noch viel stärkeres Bedürfnis an einer Kontrolle durch das Parlament besteht“. Ohne verfügbare Zahlen dazu, wie und wie häufig die Behörde ihre Befugnisse einsetzt, ist eine öffentliche Kontrolle nicht möglich.
Nach der Anhörung im Verfassungsschutzausschuss des Parlaments steht bei dem Gesetzentwurf aus dem Senat noch eine letzte Lesung im Plenum an. Vorher kann der Ausschuss nachbessern und die Kritik der Sachverständigen berücksichtigen. Eine Reform des Verfassungsschutzgesetzes war auch wegen Urteilen des Bundesverfassungsgerichts notwendig geworden, die etwa das hessische und das bayerische Verfassungsschutzgesetz rügten.
Nimmt das Abgeordnetenhaus die Kritik der Sachverständigen nicht ernst, könnte erneut ein Ländergesetz zu einem Inlandsgeheimdienst vor Gericht landen.
[Berlin] Angriff auf militärisch-industriellen Komplex – Blackout in Europas größtem Technologiepark
Dokumentation von indymedia.org
9 September 2025 – Von Indymedia (quelle)
von: anonym am: 09.09.2025 – 14:20
9. September, früher Morgen: tausende Städte erwachen zum Leben, millionen Menschen werden von dem schrillen Piepen ihres Weckers aus dem Schlaf gerissen, welcher den Beginn eines weiteren Tages der Monotonie und Apathie einläutet – 15 Minuten Zeit zum Kaffeetrinken, um dann zur Arbeit zu hetzen. Eine Stunde in den öffentlichen Verkehrsmitteln, wenige Blicke, die sich kreuzen, keine:r redet, alle starren auf ihre Bildschirme. Unmengen Autos durchqueren die Straßen, der Blaulichtlärm erschrickt die wenigen Vögel, die über der Stadt kreisen. Die Kieze jeden Tag etwas trostloser. Einsamkeit macht sich breit unter Vielen, zwischen Betonbauten, Zäunen und Kameras. Umgeben von Polizeipräsenz, die uns mehr und mehr zu ersticken droht. Werbebildschirme, die zum konsumieren auffordern oder dazu einladen, sich der Bundeswehr anzuschließen. Ja, es ist wieder so weit: „Am deutschen Wesen mag die Welt genesen“. Die
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„Zeitenwende“ erfordert stramm stehen fürs Vaterland und Kriegstüchtigkeit, dass der „Volkskörper“ zusammenrückt und Opfer bringt. Die Militarisierung schreitet voran und hinter dem neoliberalen Versprechen von Wohlstand zeigt sich immer unverhohlener die faschistische Fratze. Die Resignation und die Schwarzseherei gewinnt an Gefolgschaft, man atmet Traurigkeit.
In den Nachrichten permanent Katastrophenmeldungen. Kriege und Genozide hören nicht auf. Im Gegenteil: in Gaza, Kongo, Sudan, Ukraine wird weiter gemordet und die Herrschenden reiben sich die Hände. Das Geschäft läuft gut. Ständig werden neue Deals eingefädelt, um die Ressourcen anderer Länder auszubeuten und Menschen ihrer Lebensgrundlage zu berauben. Die Neo-Faschist:innen sitzen in immer mehr Staaten fest im Sattel der Macht und das Kapital steht ihnen zuverlässig zu Diensten. Die reaktionäre Welle des Antifeminismus und der Queerfeindlichkeit wird von den Tech-Bros vorangetrieben und KI führt ihre steile Karriere fort, die Welt immer künstlicher zu machen. Ihr dystopisches Fortschrittsversprechen: eine faschistoide Technokratie mit extra-planetarischen Bestrebungen als Antwort auf den kollabierenden Planeten. Alles wirkt als wäre diese Welt längst verloren, dass es keine Möglichkeit zum Handeln gäbe, dass unser Tun eh nichts bringt, so als ob die aufständischen Zeiten weit in der Vergangenheit liegen würden.
Heute aber funktioniert nicht alles so reibungslos. In Europas größtem Technologiepark im Ostteil Berlins, wofür gewöhnlich ein reges Treiben herrscht, scheint diese Normalität in den frühen Morgenstunden nach wenigen Minuten dahin geschmolzen zu sein. Die Dunkelheit wurde durch einen Hoffnungsschimmer ersetzt, weil Apathie und Frustration nicht die einzigen Reaktionen auf diese bedrückende Realität sind.
Nein, heute ist kein normaler Tag. Hunderte CEOs verschiedener Firmen und Forschungsinstitute aus den Bereichen IT, Robotik, Bio- & Nanotech, Raumfahrt, KI, Sicherheits- und Rüstungsindustrie haben die bittere Nachricht bekommen, dass ihr Technologiepark in Adlershof aufgehört hat zu funktionieren. Zumindest für eine kleine Zeitspanne, aber das reicht schon aus, um ihre sensiblen Supermaschinen und Ablaufprozesse massiv zu beeinträchtigen. Zwei 110KV Strommasten in der Königsheide in Johannisthal wurden durch Brandstiftung der Saft abgedreht und damit ein Blackout im Technologiepark verursacht. Wir bitten die Anwohner:innen, die davon in ihren privaten Haushalten betroffen waren um Nachsicht, dies war keinesfalls unsere Intention. Trotzdem sehen wir diesen Kollateralschaden als vertretbar an, im Gegensatz zur faktischen Zerstörung der Natur und der oft tödlichen Unterjochung von Menschen, für diese viele der hier ansässigen Firmen tagein tagaus verantwortlich sind. Ihr Festhalten am technologischen Fortschrittsstreben und die permanente Ausweitung industrieller Ausbeutung im Angesicht gegenwärtiger Katastrophen hat weit schwerwiegendere Folgen. Für alle und dauerhaft. Der unbedingter Wille dies notfalls mit militärischer Gewalt durchzusetzen, zeigt worum es dabei eigentlich geht – Profit und Macht. Diese Tatsache lässt sich auch nicht durch lustige Drohnenshows am Nachthimmel oder fussballspielende KI-Roboter, wie sie ab und an dem technologiebegeistertem Publikum in Adlershof präsentiert werden, vertuschen. Ihre wohlklingenden Werbeslogans von Innovation, Nachhaltigkeit und Fortschritt sind nichts weiter als ein irreführendes Manöver auf dem Schlachtfeld der Diskursbestimmung, um davon abzulenken, dass sie eigentlich Instrumente bauen, die Tod und Zerstörung bringen. Jedes denkbare Geschäftsmodell aus den genannten Bereichen der Hightech-Industrie, das im Technologiepark Adlershof angesiedelt ist, fungiert, auf die ein oder andere Weise, systemstabilisierend und ist unter anderem ein Produkt militärischer Interessen. Ihre Machenschaften sind der Garant für das Fortbestehen der kapitalistischen Todesmaschine. Sie alle sind das eigentliche Ziel unserer Aktion.
Es würde den Rahmen jedoch um Weiten sprengen jede einzelne der über tausend Firmen zu beleuchten und all ihre Schandtaten zu entlarven. Diese Liste wäre endlos. Daher begrenzen wir dieses Unterfangen hier auf einige wenige Beispiele, die exemplarisch für die unsägliche Verstrickung von Forschung, Wissenschaft und Technologie mit Krieg, Umweltzerstörung und sozialer Kontrolle stehen.
ATOS – Einer der Cybergiganten, der unter anderem IT-Produkte und KI-basierte Anwendungen für Militär und Polizeiarbeit entwickelt. Für die Bundeswehr betreibt der Konzern das Projekt HaFIS (Harmonisierung der Führungsinformationssysteme) oder baut schussfeste Funktionscontainer mit IT-Infrastruktur. Für den Kriegstreiber Israel unterhält Atos ein Hochsicherheits-Datencenter ihrer Verteidigungs- und Sicherheitsbehörden und ist damit mitverantwortlich für Krieg und Genozid.
ASTRIAL – Ein Unternehmen das neben Sicherheitsinfrastruktur für Smart Citys vor allem durch sein Engagement im weltweiten Krieg der Grenzbehörden gegen Migrant*innen auffällt. Ihre Kommando- und Kontrollsysteme verarbeiten riesige Datenmengen von Land-, See-, Unterwasser-, Untergrund-, Luft- und Weltraumsensoren, um die Menschenjagd an den Außengrenzen des globalen Nordenszu optimieren.
DEUTSCHES ZENTRUM FÜR LUFT- UND RAUMFAHRT (DLR) – Das All ist in der Polykrise ein höchst umkämpfter Raum und DLR profitiert massiv von dem militärischen Sondervermögen der Bundesregierung. Die wehrtechnische Forschung ist integraler Bestandteil des Programms des DLR. Das DLR unterstützt z.b. Ausbildungsflüge der Luftwaffe oder betreibt in Köln mit der Bundeswehr zusammen ein Kompetenzzentrum für Luft- und Raumfahrtmedizin.
EDAG – Ein langjähriger Partner der Sicherheits- und Rüstungsindustrie. Das Unternehmen entwickelt militärische Rad- und Kettenfahrzeuge, Lösungen für maritime Sicherheit oder bemannte und unbemannte militärische Luftfahrzeuge. Kurz: alle erdenklichen Maschinen die dazu designt sind zu töten.
EUROVIA/VINCI – Eines der größten Bau- und Infrastruktur-Unternehmen weltweit, das unter anderem an dem umkämpften Bau des französischen Atommüll-Lagers beteiligt ist. Vinci baut aber auch (Abschiebe-)Knäste, Flughäfen oder Autobahnen. Mit ihren unzähligen Tochterfirmen ist das Unternehmen selbst im Energiesektor tätig und drängt zunehmend auch auf den Rüstungsmarkt. Erst kürzlich hat die Vinci-Tochter Actemium die Übernahme der Wärtsilä SAM Electronics GmbH bekanntgegeben, die für die deutsche Marine und Marinewerften in Hamburg, Wilhelmshaven, Elmenhorst, Bremerhaven und Kiel tätig ist.
JENOPTIK – Das Technologieunternehmen aus Jena agiert durch Produkte wie Laserentfernungsmesser, Wärmebildkameras, LEDs, Infrarot- und Polymeroptiken, die z.b. zur militärischen Aufklärung oder zum Schutz von Infrastrukturen eingesetzt werden, an der Schnittstelle von innerer Sicherheit und militärischer Verteidigung. Von Relevanz ist aktuell ihre Software „TraffiData” die unter anderem im Grenzgebiet zu Mexiko zum Einsatz kommt und auf Wunsch der US-Grenzbehörde zur effizienteren Jagd nach unerwünschten Menschen durch „TraffiCatch” erweitert wurde.
ROHDE & SCHWARZ – Das Technologie- und Rüstungsunternehmen stellt Funktechnologie für Militärfunkanlagen und Überwachungssysteme her, die an große Tech-Unternehmen, Regierungen und Geheimdienste auf der ganzen Welt verkauft werden. R&S Produkte finden beispielsweise Anwendung zur Grenzsicherung (z.B. in Saudi Arabien), in Militärfahrzeugen, -flugzeugen, -schiffen, sowie zur Steuerung von Raketen und Co. Aber auch bei polizeilichen und geheimdienstlichen Abhöreinrichtungen.
SIEMENS – Es gibt kaum ein Bereich in der Rüstungs- und Großindustrie, wo Siemens Produkte nicht vorkommen. Waffensysteme, Atom-U-Boote, Flugzeugträger, Panzer, Kernreaktoren, Staudämme, Windkraftanlagen, Knäste, Flughäfen uvm. Viele dieser Megaprojekte sind höchst umstritten wie z.b. TrenMaya in Mexiko, Erdogans Staudamm-Projekte in Kurdistan oder zuletzt der Bau des Unterwasserstromkabel EuroAsia Interconnector, das Israel mit Zypern und Griechenland verbindet. Auch andere israelische Infrastrukturprojekte im besetzten Ostjerusalem und in israelischen Siedlerkolonien in der Westbank werden durch den Konzern unterstützt.
TRUMPF – Ein Unternehmen das an vorderster Front im internationalen Chip-Krieg um die Vormachtstellung in der digitalen Welt agiert. Ob Smartphones mit Turbodatenübertragung und Gesichtserkennung, smarte Datenbrillen, künstliche Intelligenz, selbstfahrende Autos oder Raketen-, Drohnen- und Waffensysteme. Überall sind die Halbleiter verbaut, bei deren Produktion die deutsche Firma Trumpf, in Zusammenarbeit mit Zeiss und ASML durch ihre EUV-Lithographiesysteme eine Schlüsselrolle spielt. Ohne ihren Komponenten stünde die hochtechnologisierte Welt still.
Diese Sabotage will aber nicht nur die Feind:innen der Freiheit benennen und stören, sondern auch ein Aufruf zur Ausweitung von offensivem Handeln im Allgemeinen, speziell aber von dieser Aktionsform sein, die zu einer effektiven Systemunterbrechung führt. Es ist ein Aufruf die Frustration und die Hoffnungslosigkeit endgültig hinter sich zu lassen. Ein Aufschrei, um zu verkünden, dass unsere anarchistischen Ideen und der Tatendrang gedeihen und dass das verantwortungslose Handeln der Herrschenden immer Konsequenzen mit sich ziehen wird. Dies gilt vor allem für die Kompliz:innen der Waffenindustrie, denn wir werden nicht tatenlos darüber hinwegsehen, wie Menschen in ihren Kriegen massakriert oder zum Hungertod verdammt werden.
Kritische Infrastruktur anzugreifen, bedeutet eine der Hauptadern der Unterwerfung des Menschen über den Menschen und der Natur anzugreifen. Das Stromnetz repräsentiert als solches die Geschichte des Fortschritts und ist die Grundvoraussetzung für die gnadenlose Entwicklung hin zu einer hochtechnologisierten Gesellschaft, wie wir sie heute kennen. Diese Gesellschaft, die unter dem Pranger der Technologie und des Kapitals steht, scheint vorerst das irdische Endprodukt der zivilisatorischen Errungenschaft zu sein und verursacht eine schier irreparable Erdzerstörung, deren Ausmaß einmalig in der Erdgeschichte ist. Ganz abgesehen von den blutigen Kriegen, um Macht und Ressourcen, die die Herrschenden ihren Diener:innen aufzwingt. Der unersättliche Drang nach Wachstum lässt sie dabei, im wahrsten Sinne des Wortes, immer häufiger auch nach den Sternen zu greifen. Die Elektrizität ist dabei Hauptquelle der Energie, die jede Maschine und den „Fortschritt“ nährt, die notwendig sind, dieses aktuelle System zu reproduzieren. Es abzuschalten ist möglich und es ist auch möglich, es mit einem Leben in Freiheit ohne Herrschaft und Ausbeutung zu ersetzen!
Den technologischen Angriff sabotieren – dem militärisch-industriellen Komplex den Saft abdrehen!
Immer Angriffslustig – Niemals Kriegstüchtig!
Einige Anarchist:innen






